Hochschule

Weniger Ingenieurstudenten aus den unteren Schichten  

VDI nachrichten, Darmstadt, 1. 8. 08, has – Das Einfrieren des BAföG, schlechte Berufschancen und Studiengebühren haben dafür gesorgt, dass weniger junge Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten technische Fächer studieren, so der Darmstädter Elitenforscher Michael Hartmann. Er appelliert im folgenden Artikel an Unternehmen, die Personalpolitik weniger kurzsichtig auszurichten.

Ein Ingenieurstudium wird in Deutschland vor allem vom männlichen Nachwuchs aus den so genannten bildungsfernen Schichten gewählt – wie pädagogische Fächer vor allem von jungen Frauen aus diesen Schichten bevorzugt werden.

Nach Erhebungen des Deutschen Studentenwerkes weisen Ingenieurfächer einen hohen Anteil an Studierenden aus der Arbeiterschaft und den unteren Angestellten und Beamten auf, zugleich einen unterdurchschnittlichen Anteil aus der Gruppe der Unternehmer, der höheren Beamten, der Selbstständigen und der Angestellten in gehobener Position. Da die Ingenieurwissenschaften im vergangenen Jahrzehnt für den Weg an die Spitze großer Unternehmen an Bedeutung gewonnen haben, scheint alles in bester Ordnung zu sein.

Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass es im letzten Jahrzehnt einen dramatischen Rückgang der sozialen Aufsteiger in den Ingenieurwissenschaften gegeben hat. Nach einer Untersuchung der Universität Konstanz hat sich an den Fachhochschulen der Anteil der Studierenden der Ingenieurwissenschaften, bei denen kein Elternteil über einen Hochschulabschluss verfügt, zwischen 1995 und 2007 von 73 % auf 59 % verringert. Bei den Studierenden an den Universitäten sank diese Quote von 47 % auf 38 %. An beiden Hochschultypen ist also ein Rückgang um etwa ein Fünftel innerhalb nur eines guten Jahrzehnts zu verzeichnen.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Es dominieren jedoch drei Faktoren: die Benachteiligung von Kindern aus der Arbeiterschaft und insbesondere von Migranten im deutschen Bildungssystem, finanzielle Hürden für eine Studienaufnahme sowie die Personalpolitik der Unternehmen in den 1990er Jahren.

Was den ersten Punkt angeht, so sorgt die im internationalen Vergleich sehr hohe soziale Auswahl des deutschen Schulsystems dafür, dass die Kinder aus den unteren zwei Dritteln der Bevölkerung nur sehr geringe Chancen haben, überhaupt ein Studium aufzunehmen. Gerade einmal 17 % der Arbeiterkinder schaffen es bis an eine Hochschule, während es bei den Beamten und Selbstständigen über die Hälfte bis sogar zwei Drittel sind.

Entscheidend für diese geringe Quote sind die zahlreichen Hürden im deutschen Bildungssystem, die für eine massive soziale Auslese sorgen. Während 88 % der Akademikerkinder den Übergang in die Sekundarstufe II erreichen, sind es nur 46 % der Kinder aus den nicht-akademischen Elternhäusern. Von diesen Schülern wiederum gelangen im ersten Fall mit 94 % fast alle an die Hochschule, im zweiten mit 50 % aber nur die Hälfte, sodass die Übergangsquoten beim Hochschulzugang bei den Akademikerkindern mit 83 % fast viermal so hoch liegen wie beim Rest mit nur 23 %.

Die soziale Schieflage beim Hochschulzugang hat sich in den letzten 15 Jahren spürbar verstärkt. Das gilt auch, wenn man die veränderte Berufsstruktur in der Bevölkerung berücksichtigt, d. h. den Rückgang des Anteils der klassischen Arbeiterhaushalte.

Verantwortlich dafür ist in erster Linie das dreigliedrige Schulsystem, das sozial wieder selektiver geworden ist. Je mehr grundlegende Weichenstellungen ein Schulsystem vornimmt und je früher diese Weichenstellungen erfolgen, umso stärker fällt seine soziale Auswahl aus. Kinder aus den „bildungsfernen“ Familien haben dann nicht nur weniger Zeit, familiär bedingte Defizite auszugleichen, sie bekommen bei gleicher Leistung von den Lehrkräften auch deutlich seltener eine Gymnasialempfehlung.

Besonders betroffen von dieser Benachteiligung sind die Kinder von Migranten. Ganze 13,2 % besuchen ein Gymnasium verglichen mit 44,7 % der deutschen Kinder. Eine berufliche Ausbildung machen nur 23 % von ihnen gegenüber 57 % der gleichaltrigen Deutschen, und an eine Hochschule schaffen es gerade einmal 9 %. Mit 40 % bleibt fast die Hälfte eines Jahrgangs ohne jegliche weitere Ausbildung nach dem Ende der Pflichtschulzeit. Bei den türkischen Jugendlichen sind es sogar 72 %. Zudem ist diese Quote nach Angaben der Bundesregierung in den vergangenen Jahren noch gestiegen. Dafür sind in erster Linie zwei Gründe verantwortlich. Erstens erhalten Migrantenkinder vielfach nicht die nötige Unterstützung, etwa durch Sprachkurse oder spezielle Betreuung. Zweitens wachsen sie oft in Vierteln auf, wo vor allem wegen hoher Arbeitslosigkeit ganz allgemein Perspektivlosigkeit vorherrscht, Bildungsanstrengungen daher sinnlos erscheinen.

Dazu kommen dann zwei weitere große Studienhindernisse: Die Kosten eines Studiums und die absehbaren beruflichen Perspektiven. Das lässt sich deutlich an der Entwicklung der sozialen Zusammensetzung der Studierenden in den Ingenieurwissenschaften ablesen.

Der wirkliche Einbruch ist nämlich zwischen 1995 und 2001 erfolgt. Auf diese sechs Jahre entfällt fast der gesamte Rückgang, der bei den sozialen Aufsteigern zu verzeichnen ist. Das ist erstens eine unmittelbare Reaktion auf das langjährige Einfrieren der Höchstfördersätze wie der Elternfreibeträge beim BAföG. Der Prozentsatz der BAföG-Empfänger sank zwischen 1994 und 2000 gerade bei den Studierenden aus der niedrigsten sozialen Gruppe besonders stark, von 51 % auf nur noch 38 %, und stieg danach auch langsamer wieder an als bei den anderen drei Bevölkerungsgruppen, auf nur 43 % im Jahre 2006.

Zweitens schlägt sich hier die schlechte Arbeitsmarktlage für Ingenieure in den 1990er Jahren und die daraus resultierende relativ hohe Arbeitslosigkeit in dieser Berufsgruppe nieder. Von 1985 bis 1993 stieg die Arbeitslosenquote bei den Universitätsabsolventen im Maschinenbau um 270 %, bei denen der Elektrotechnik sogar um mehr als 400 %. Auf diesem hohen Niveau blieb sie bis 1997. Mit 6,2 % lag sie Mitte der 1990er Jahre fast gleichauf mit der Arbeitslosenquote der Geisteswissenschaftler.

Folgerichtig ist seit 2001 auch keine nennenswerte weitere Verringerung der Zahl sozialer Aufsteiger unter den Studierenden in den Ingenieurwissenschaften mehr zu registrieren. Die BAföG-Reform 2001, mit der sowohl die Höchstfördersätze als auch die Elternfreibeträge deutlich erhöht wurden, sowie die erheblich besseren Berufsaussichten für die meisten Ingenieurgruppen (mit Ausnahme der Bauingenieure) haben mit einer gewissen Zeitverzögerung durchgeschlagen.

Dass nach 2001 die Zahl der sozialen Aufsteiger an den ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten dennoch nicht gestiegen ist, hat in erster Linie zwei Gründe. Zum einen hat die Einführung von Studiengebühren in vielen Bundesländern die finanzielle Situation für Kinder aus den weniger wohlhabenden Teilen der Bevölkerung wieder verschärft und den von der BAföG-Reform ausgehenden Effekt zum größten Teil wieder zunichte gemacht. Zum anderen dauert es immer „einige Zeit, bis Bildungsaufsteiger erneut für das Ingenieurstudium gewonnen werden können, weil sie den Konjunkturen der Beschäftigung misstrauischer gegenüberstehen“, so die Bildungsforscher Timo Bargel, Frank Multrus und Norbert Schreiber in ihrer Studie zur Attraktivität der Ingenieurwissenschaften.

Wenn es gelingen soll, die Zahl der sozialen Aufsteiger in den Ingenieurwissenschaften wieder deutlich zu steigern, dann wären drei Schritte erforderlich: erstens die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems und intensivere Bemühungen gerade um die Kinder der Migranten, zweitens eine spürbare Anhebung des BAföG und die Abschaffung der Studiengebühren sowie drittens eine weniger kurzsichtige Personalpolitik der Unternehmen.

MICHAEL HARTMANN

Von Michael Hartmann

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