Die Unternehmerische Hochschule

Wenig Freiraum für kreative Gründer  

Die Wirtschaftssoziologen Klaus Dörre und Matthias Neis von der Uni Jena haben untersucht, wie Innovationen an den Hochschulen entstehen. Fazit: Im alten System passiert das eher nebenbei, in den unkontrollierten Nischen des wissenschaftlichen Mittelbaus. Die Reform hin zu einer „unternehmerischen“, sprich wie ein Unternehmen geführten Universität, gefährde diese Freiräume. VDI nachrichten, Düsseldorf, 12. 2. 10, ws

Kommt der Student mit einer Idee zum Professor. Der hört sich das an und sagt: „Spannend, aber schwierig, machen “se mal.“ Der Student verbeißt sich in das Problem, forscht, findet Gleichgesinnte, sitzt spätabends noch im Labor oder Rechenzentrum. Jahre danach schreibt er seine Promotion darüber und gründet ein Unternehmen. Möglicherweise wird aber auch gar nichts daraus.

Viele Forschungsprojekte über Umsetzung und Auswirkungen der Hochschulreform laufen zurzeit. Die Jenaer Soziologen Klaus Dörre und Matthias Neis haben einen bestimmten Aspekt ausgewählt: die akademischen Ausgründungen als Beispiel für Wissens- und Personaltransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Untersucht wurden sieben Spin-offs der TU Dortmund, TU Chemnitz und der Uni Halle, allesamt aus dem IuK-Bereich. Informatiker kommen mit einem relativ geringen Startkapital aus, insofern sind sie von externen Faktoren weniger abhängig, begründen die Autoren die Auswahl. Sie erwarteten eigentlich, dass Studierende, Promovierende oder Postdocs gründen, um ein interessantes Forschungsergebnis in der Praxis umzusetzen.

Tatsächlich verhielt es sich umgekehrt: Die Gründer in spe hatten die Anwendung und Vermarktung schon früh im Blick. Oft kam der Anstoß von außen. Einer der künftigen Inhaber von Digital Medics, einer Firma für medizinische Visualisierung aus Dortmund, arbeitete neben dem Informatik-Studium als Sanitäter. Ein Radiologe fragte ihn nach einer Software, die Kniegelenke am Computer abbilden kann. Der Student fand am Lehrstuhl keine befriedigende Antwort und fing an, selbst auszuprobieren.

Die Suche nach praktikablen Lösungen für ein konkretes Problem kann nichtsdestotrotz Jahre dauern. Im Falle von Digital Medics sei das lange Herumprobieren in eigener Sache möglich gewesen, weil sein damaliger Professor ihm weitgehend freie Hand gegeben habe, erinnert sich der Jungunternehmer.

Er und seine Mitstreiter waren als wissenschaftliche Mitarbeiter oder studentische Hilfskräfte an der TU tätig. In ihren Jobs hatten sie mit medizinischer Visualisierung nichts zu tun. Aber sobald die vertraglich festgeschriebenen Aufgaben erledigt waren, durften sie Räume, Computer und die sonstige Hochschul-Infrastruktur nach Belieben nutzen.

Keiner kümmerte sich darum, was ein „Hiwi“ noch im Rechenzentrum macht. Ähnliche Geschichten erzählen auch die anderen sechs Teams. Die Geschäftsidee reifte im universitären Schonraum lange bevor sich die Gründer durch die Teilnahme am Förderprogramm „Exist-Seed“ als solche outeten und die Infrastruktur offiziell mitnutzen durften. Die Jenaer Soziologen nennen sie daher „unsichtbare Unternehmer“.

Professoren begleiteten oft den Prozess, lenkten ihn aber fast nie. Vor allem ein bestimmter neuer Typus engagiere sich für Ausgründungen: der mehrsprachige, international publizierende, auch außerhalb der Wissenschaft vernetzte, „sichtbare“ Forscher.

Studierende und Mitarbeiter aus dem Mittelbau sind auf seine informelle Unterstützung angewiesen, so die Jenaer Soziologen. Denn sie verfügten über keinerlei eigene Ressourcen an der Hochschule. Es liege in der Macht des Professors, ihnen den Zugang zu verschaffen.

Dies sei im bisherigen System ohne Risiko für ihn möglich. Die Zusammenarbeit sei von gegenseitigem Nutzen, da Lehre und Forschung mit neuen Impulsen angereichert werden könnten. Hat das Spin-off Erfolg auf dem Markt, fließen Forschungsaufträge und Drittmittel an den Lehrstuhl zurück.

Nun sei in der alten Alma mater beileibe nicht jeder Freiraum kreativ genutzt. Aber die Reform hin zu einer „unternehmerischen Hochschule“ werde die unkontrollierten Nischen insgesamt schmälern. Zielvereinbarungen, Rankings, Mittelvergabe nach bestimmten Kennzahlen und ein Rechnungswesen, in dem alle direkten und indirekten Kosten aufgeschlüsselt werden, sollen mehr Effizienz und Transparenz schaffen. Doch die „unsichtbaren Unternehmer“ und ihre Winkelpfade seien in diesem Managementsystem nicht vorgesehen, kritisieren Klaus Dörre und Matthias Neis.

Der „sichtbare“ Professorentyp sei für die neuen Leistungsanreize durchaus empfänglich. Aber diese wirkten sich zu Lasten der Gründungsunterstützung aus, glauben sie.

Wenn die Leistung eines Lehrstuhls unter anderem an der Zahl der erfolgreichen Promotionen gemessen wird, würden die Inhaber weniger daran interessiert, Doktorarbeiten künftiger Gründer zu betreuen. Denn eine Promotion in Teilzeit ist langwierig und unsicher.

Drittmittel sind ein weiterer wichtiger Leistungsindikator: Die etablierten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen könnten sich lieber risikoärmeren Kooperationen mit der Wirtschaft zuwenden. Spin-offs können ja scheitern.

Mit der Einführung der Vollkostenrechnung werden schließlich alle Ausgaben, von der Raummiete über den Stromverbrauch bis zur Putzfrau, aufgeschlüsselt und zugeordnet. Dadurch steigt auch das Risiko für den Professor, die „unsichtbaren Unternehmer“ einfach machen zu lassen. Denn die „autonomen“, jedoch unterfinanzierten Hochschulen sind nicht bereit, Projekte auf Dauer zu bezuschussen. Aber ob der Ressourceneinsatz effektiv war, wendet Matthias Neis ein, „lässt sich nur in der Retrospektive sagen“.

MATILDA JORDANOVA-DUDA

www.soziologie.uni-jena.de

Von Matilda Jordanova-Duda

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