Hochschule

Wege aus der Bildungs-Sackgasse

An Universitäten und Fachhochschulen kann der Akademikernachwuchs jetzt neben dem Diplom auch einen Bachelor- oder Masterabschluß erwerben. Experten aus Hochschule und Politik trafen sich zu einem ersten Erfahrungsaustausch.

Behäbigkeit und mangelnde Flexibilität haftet deutschen Hochschulen aus internationaler Sicht an. Entsprechend groß ist die Mängelliste, die ausländische Studenten von einem Studium hierzulande abhält. An erster Stelle steht die geringe Akzeptanz der Studiengänge im Ausland.
Umgekehrt tun sich aber auch die Hochschulen schwer, die schulische und akademische Vorbildung ausländischer Studenten anzuerkennen. Bürokratische Hürdenläufe, bedingt durch eine uneinheitliche ausländerrechtliche Praxis sowie Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche dämpfen zusätzlich noch das Interesse an einem Studienplatz in Deutschland.
Mit Einführung internationaler Studiengänge – 100 werden bereits angeboten, davon 16 an Fachhochschulen – soll nun aber frischer Wind in Deutschlands Denkfabriken kommen. Zum ersten Informations- und Erfahrungsaustausch trafen sich auf Initiative des Hochschullehrerverbandes Professoren und Professorinnen von Fachhochschulen sowie Vertreter aus Politik und Wirtschaft in Stuttgart. Wie ein international angemessener Studiengang für angehende Ingenieure aussehen kann, erläuterte Prof. Ulrich Petersohn, Dekan für den Fachbereich Elektro- und Automatisierungstechnik an der Fachhochschule Darmstadt. Seit September können Studenten dort ihren Abschluß als Master of Science in Electrical Engineering machen.
Eingangsvoraussetzungen sind ein berufsqualifizierender Diplom- oder Bachelorabschluß und natürlich gute Zeugnisse. Immerhin 300 Anfragen aus aller Welt konnte Petersohn im Vorfeld verzeichnen. Von 80 Bewerbern erhielten schließlich 35 die Zulassung zum Studium, darunter 16 ausländische Teilnehmer. In vier Semestern werden sie ihre Ausbildung beenden. Der neue Studiengang ist zwar erst wenige Wochen alt, doch schon jetzt meint der Dekan eine positive Resonanz bei den Studenten zu verspüren. Neben klassischen Fächern wie Mikroelektronik und Automatisierungstechnik sieht das Programm auch Lehrveranstaltungen zu Themen vor, die unternehmerisches Denken und Führungsqualitäten fördern sollen, und da der gesamte Unterricht auf Englisch stattfindet, sind Sprachkurse in den ersten zwei Semestern fester Bestandteil des Studiums.
So schlüssig das Darmstädter Konzept auch zu sein scheint, auf die Hochschullandschaft übertragen, werfen die neuen Studiengänge eine Menge Fragen auf. Unumstritten ist zwar, daß die internationalen Abschlüsse und das Diplom gleichberechtigt nebeneinander existieren sollen. Doch wie der Bachelor nun zu beurteilen ist, vor allem wie Wirtschaft und Industrie diesen Abschluß bewerten und welche beruflichen Aussichten damit verbunden sind, ist ungeklärt. Prof. Günter Siegel, Vizepräsident des Hochschullehrerbundes, favorisiert ein Modell, nach dem der Bachelor als Grundlage für einen späteren Diplom- oder Masterstudiengang dient. „In 15 Jahren allerdings werden die auslandsorientierten Studiengänge sowieso die Regel an deutschen Fachhochschulen sein“, glaubt Prof. Hans Rainer Friedrich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Und Dr. Harald Hagmann als Vertreter der Landesregierung Baden-Württemberg geht davon aus, daß der Bachelor zum Regelabschluß wird und erst eine entsprechende Qualifikation den Zugang zum Masterstudiengang ermöglicht.
Umstritten ist allerdings, wie viele Semester die neuen Ausbildungszweige in Anspruch nehmen dürfen. Das Hochschulrahmengesetz hält sich an diesem Punkt mit klaren Aussagen zurück. Weitreichende Folgen wird die Einführung internationaler Studiengänge in Bezug auf den Stellenwert von Universitäten und Fachhochschulen haben, denn mit den Bachelor- und Masterabschlüssen wird die formale Gleichstellung der beiden Hochschularten besiegelt. Für die Praxis heißt das, daß künftig FH-Absolventen ohne Zusatzprüfungen an den Universitäten zur Promotion zugelassen werden können. Einen Einfluß könnten die neuen Abschlüsse auch auf die spätere berufliche Karriere haben.
Am deutlichsten zeigt sich das im öffentlichen Dienst, wo mit dem FH-Abschluß bisher die Zulassungsberechtigung zum gehobenen Dienst verbunden ist, während ein Studium an einer Universität zum höheren Dienst berechtigt. Mit Bachelor und Master soll nun eine einheitliche Einstufung erfolgen. „Wir wollen eine Gleichwertigkeit der Abschlüsse, nicht jedoch ihre Gleichartigkeit. Die Studieninhalte werden sich auch in Zukunft unterscheiden“, so der Geschäftsführer des Hochschullehrerbundes, Dr. Hubert Mücke. Doch das alles zu finanzieren, gehört zu den wundesten Punkten des gesamten Vorhabens. Die ersten Modellstudiengänge wurden vom Bund mitfinanziert. Bei einer großangelegten Umstrukturierung der Hochschulen wären jedoch vor allem die Länder gefordert, doch die haben bis heute kein Finanzierungskonzept. Nicht zuletzt der Kosten wegen vertritt Dr. Harald Hagmann die Ansicht, daß ein flächendeckendes Angebot an Masterstudiengängen nicht unbedingt erforderlich sei. Über die Anträge auf Zulassung der internationalen Studiengänge an den Hochschulen werden dann jedoch nicht mehr wie bisher die Länder, sondern eine staatlich unabhängige Akkreditierungsstelle entscheiden. Wie sich diese Institution einmal zusammensetzen wird, steht allerdings noch in den Sternen.
MONIKA ETSPÜLER

Von Monika Etspüler

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