Nachwuchsförderung

Während des Ingenieurstudiums Konzernluft schnuppern  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 11. 5. 07, ws – Deutsche Automobilkonzerne stehen immer noch oben auf der Wunschliste angehender Ingenieure. Dennoch sollten sich die Automobilhersteller angesichts des globalen Wettbewerbs und des Fachkräftemangels nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen. Talentdatenbänke sind ein Instrument, um Kontakt zum Nachwuchs zu halten.

Hierzulande können derzeit rund 18 000 Ingenieurstellen nicht besetzt werden. Es mangelt schlicht und einfach am Nachwuchs. Angesichts der wenigen Studenten in den entsprechenden Fächern ist auch keine Besserung in Sicht.

Dieser Mangel an technischen Akademikern kommt Deutschland womöglich noch teuer zu stehen. Denn die Auslagerung von Entwicklungsleistungen nach China und Indien kann zu einer Entthronung des Gütesiegels „Made in Germany“ führen.

Doch sieht die Zukunft wirklich so düster aus? Die Automobilindustrie – mit 19 % Marktanteil eines der größten Standbeine der deutschen Industrie – macht nicht den Anschein, als würde sie sich sorgen.

Trotz häufiger Effizienzmaßnahmen, bei denen schnell einige Tausend Arbeitsplätze wegfallen, scheinen die deutschen Automobilkonzerne immer noch ganz oben auf der Wunschliste zu stehen.

Während laut Deutscher Industrie- und Handelskammer (DIHK) in 64 % aller Industriebetriebe Ingenieure gesucht werden, müssen die Autohersteller nicht um Nachwuchs ringen. Kein Wunder bei einem durchschnittlichen Einstiegsjahresgehalt jenseits der 40 000-Euro-Grenze und einer imageträchtigen Entwicklungs- und Forschungstätigkeit.

Bei BMW etwa bleibt nach intensivem Aufbau der Personalstand seit drei Jahren weitgehend stabil. Kleinere Zuwächse sind zwar nicht ausgeschlossen, nach einem alarmierenden Ingenieurmangel sieht es bei dem bayerischen Unternehmen aber nicht aus.

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hält den Nachwuchsmangel der technisch-orientierten Berufe für eine „gefährliche Entwicklung“, die der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands unabsehbaren Schaden zufügen könne.

Die rund 300 Akademikerstellen, meist technische Fachkräfte, die in diesem und im kommenden Jahr vergeben werden, werden im Nu besetzt sein.

Eine so genannte studentische Talentdatenbank gibt es auch bei Volkswagen. Dort werden Studenten nach einem dreimonatigen Betriebspraktikum in eine Kartei aufgenommen und je nach Qualität und Fachrichtung während des Studiums weiter betreut.

Nach dem Examen steht einem Arbeitsvertrag nichts mehr im Wege. Im Moment enthält die Kartei 500 Namen, aber die weiteren 200 offenen Ingenieurstellen erfreuen sich auch großer Nachfrage. Audi hat 320 freie Arbeitsplätze für Ingenieure, mit DaimlerChrysler, Opel und Ford beläuft sich die Gesamtzahl auf ungefähr 1000 freie Stellen für Ingenieure aller Fachrichtungen in deutschen Autokonzernen.

Das Problem liegt andernorts: Die Autozulieferer, die meist großen Einfluss auf die Innovation einer Marke haben, spüren den deutschen Ingenieurmangel wesentlich stärker.

Um den bedrohlichen Nachwuchsmangel in den Griff zu bekommen, ist auch die Automobilindustrie gefordert, die Motivation der Jugend zu heben. Schulabgänger mit hohem naturwissenschaftlichem Potenzial sollten durch Stipendienvergabe und Praktikumsmöglichkeiten an ein Ingenieurstudium herangeführt werden.

Wie spannend und abwechslungsreich der Ingenieurberuf sein kann, muss von den Konzernen vorgelebt und nach außen getragen werden. Berufnahes Studieren durch die direkte Betreuung von Unternehmen sowie die Möglichkeit, unmittelbar nach dem Studium ein Arbeitsverhältnis eingehen zu können, wären ausschlaggebende Argumente für junge Menschen in der Orientierungsphase.

Abermals ist es die Porsche AG, die in Zusammenarbeit mit dem baden-württembergischen Kultusministerium diesen Bereich aktiv vorantreibt.

Der alljährlich verliehene Ferry-Porsche-Preis kürt technisch und naturwissenschaftlich begabte Abiturienten. Die Ingenieure von morgen sind durch die Preisvergabe motiviert und werden durch Praktika gefördert.

Würden derlei Maßnahmen von der Politik noch intensiver gefördert und der starke Ingenieurbedarf mehr in den Blickpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt, ließe sich die Ingenieurkrise zumindest abschwächen. Eine Forderung, die nicht neu ist, deren Umsetzung aber langen Atem benötigt. RAPHAEL LUTZ

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