Hochschule

„Unternehmen Hochschule“: Wissenschafts-Ideal der Zukunft?  

„Damit wird nicht nur die Einheit von Forschung und Lehre aufgekündigt, sie entzieht sich zugleich der akademischen Selbstverwaltung.“

Pro

Seit einigen Jahren setzt sich an den deutschen Hochschulen die Einsicht durch: Ein neues Leitbild ist gefragt, um aus den bestehenden Verkrustungen und überkommenen Strukturen auszubrechen. Hochschulen sind wissenschaftliche Einrichtungen, die anders funktionieren als staatliche Anstalten. Insofern ist eine Auseinandersetzung um Aufgaben, Ziele und Arbeitsformen entbrannt mit Kampfbegriffen wie „Unternehmisierung“ versus „Gemeinwesen“.

Ein etwas nüchterneres Nachdenken macht schnell deutlich, was „unternehmerische“ Hochschule – ein Begriff übrigens des amerikanischen Hochschulforschers Burton Clarke („entrepreneurial university“) – jedenfalls nicht heißen kann: Hochschulen müssten sich dem Primat der Gewinnerzielung unterwerfen oder geistes- und kulturwissenschaftliche Fächer abbauen und sich allein am unmittelbaren Verwertungsinteresse der Wirtschaft ausrichten. Ebenso bedeutet es nicht, dass man die Außensteuerung durch den Staat nun durch eine Außensteuerung von Seiten der Wirtschaft ersetzt.

Dies geht am Kern der Hochschulen – ihrer Wissenschaftlichkeit – völlig vorbei. Aber gerade diese Wissenschaftlichkeit weist den Weg dahin, in welchem eigentlichen Sinne Hochschulen unternehmerisch tätig sind und dies auch sein müssen.

Im Zentrum des Unternehmens Hochschule steht die Generierung, Verbreitung und kritische Reflexion von Werten, Wissen und Ideen. Dies ist ihr Ziel und Daseinszweck.

Ihre unternehmerische Leistung für die Gesellschaft als Ganzes besteht in der Schaffung der Grundlagen für Werte, Ideen und Produkte der Zukunft, die sich nicht aus Modeströmungen oder der gegenwärtigen Nachfrage von Staat oder Wirtschaft ableiten lassen.

Hochschulen sind aber Unternehmen in dem Sinne, dass sie bestimmte Ziele in Forschung und Lehre formulieren und verfolgen müssen.

Die gegenwärtige Reformdebatte speist sich gerade aus der Tatsache, dass die angestammten Organisations- und Finanzierungsformen des Hochschulbereiches diese Ziele nicht mehr in angemessener Weise unterstützt haben.

Die gern zitierte „Freiheit der Forschung und Lehre“ kann sich nicht mehr auf die Freiheit des einzelnen Forschers und Hochschullehrers beschränken, sondern muss ihren Ausdruck auch in Organisations- und Finanzierungsformen finden, die Autonomie auf institutioneller Ebene, sogenannte „korporative Autonomie“, ermöglicht und unterstützt.

Bei der „unternehmerischen“ Hochschule“ geht es also überhaupt nicht um wirtschaftliche Fragen, sondern um eine Einrichtung, die etwas unternimmt.

Dabei kann der Blick auf die Wirtschaft durchaus sinnvoll sein. Dort gibt es langjährige Erfahrungen mit dezentraler Organisation im Blick auf die Erreichung bestimmter, wenn auch anders gearteter Ziele. Es versteht sich doch von selbst, dass man diese Modelle nicht rezeptartig übertragen kann.

Hochschulen müssen etwas „unternehmen“ um den Herausforderungen der Zukunft – Entstehung eines europäischen Hochschulraumes, Wandel zu einer wissensbasierten Ökonomie und weltweiter Wettbewerb zwischen den Hochschulen – souverän, effizient und unter Wahrung ihrer Identität zu begegnen. Dabei bringen die üblichen Grabenkämpfe uns nicht viel weiter.

MÜLLER-BÖLING

Contra

Das Ziel des Norm- und Strukturwandels ist es, Hochschulen zu schaffen, die privat nutzbare und auf dem Markt veräußerbare Waren produzieren. Also werden die Studierenden zu Kunden umdefiniert, die verwendbare Qualifikationen und entsprechende Zertifikate nachfragen und diese mit Studiengebühren bezahlen. Auch die Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse orientiert sich an der zahlungskräftigen Nachfrage.

Schließlich wird die staatliche Aufsicht privatisiert, indem etwa in NRW das Centrum für Hochschulentwicklung der Bertelsmann-Stiftung ein „Hochschulfreiheitsgesetz“ konzipiert und zugleich vom „Innovationsminister“ Andreas Pinkwart (FDP) mit der „Umsetzung“ dieser „Hochschulfreiheit“ beauftragt wird.

Begleitet wird diese „Reform“ von der Konstruktion eines nationalen und globalen Systems der marktförmigen Konkurrenz, etwa durch den inszenierten „Exzellenzwettbewerb“, ein ruinöses Rennen um das künstlich verknappte Gut „Exzellenz“ und den Titel „Eliteuniversität“, der von der Unterfinanzierung der wissenschaftlichen Forschung ablenken soll.

Der Witz bei dieser Marktunterwerfung ist, dass sie selbst dann funktioniert, wenn kein realer Markt existiert, auf dem Güter und Dienstleistungen gegen Geld getauscht werden. Eine Industrie von Ranking- und Evaluierungsfirmen versucht, einen Markt zu simulieren, auf dem die einzelnen Universitäten erbittert und besinnungslos um Anteile und Positionen kämpfen .

Die gegen den „Muff unter den Talaren“ erkämpfte Gruppenuniversität beschnitt die Privilegien der selbstherrlichen Professoren durch die Mitbestimmung der wissenschaftlichen Mitarbeiter und der Studierenden, behielt aber die professionelle und fachliche Autonomie bei. Das „Unternehmen Hochschule“ koppelt die Produktion von Wissenschaft und die Ausbildung an den Markterfolg und übernimmt die Struktur eines Unternehmens.

Damit wird nicht nur die Einheit von Forschung und Lehre aufgekündigt, sie entzieht sich zugleich der akademischen Selbstverwaltung. Das entspricht den Vorstellungen der Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, die „eine umfassende Entscheidungsbefugnis“ für das „Leitungspersonal“ fordert und die Gremien der akademischen Selbstverwaltung auf Beratung und Kontrolle beschränkt wissen möchte. Gremien ohne Entscheidungsbefugnisse aber verdienen nicht mehr den Namen „Selbstverwaltung“. Sie wird ersetzt durch die Diktatur des Managements.

Eine Universität nach dem Modell des Privatunternehmens wird ihre Tätigkeiten dem Markterfolg unterordnen. Interner Streit mag noch stattfinden, aber er wird durch den Vorrang des Markterfolgs entsubstanzialisiert. Grundlagenforschung? Studienziel kritische Kompetenz? Frauenförderung? – Schon recht, solange der Markt es nicht be- straft! Eine Universität als Gemeinwesen hingegen hat die Orchideenfächer, die Grundlagenforscher und die Systemkritiker wegen ihres Eigenwerts für die Wissenschaft zu fördern. Das „Unternehmen Hochschule“ bricht also nicht nur mit den früheren Strukturmodellen, sondern ist darüber hinaus ein Versuch, sich den Anforderungen zu entziehen, die sich an die Universität als ein Gemeinwesen stellen.

Es geht bei diesen Reformen nicht nur um Verwaltungsfragen, es geht um den Charakter der Wissenschaft. Sie kann sich nicht völlig Schuh- oder Automobilproduzenten angleichen, denn sie unterliegt dem Wahrheitskriterium, während Schuhe und Autos nur nützlich sein müssen. Die Bindung an das Streben nach Wahrheit macht den spezifischen Gebrauchswert der Wissenschaft aus und verleiht ihren Produkten Würde und Autorität. Und sie erst begründet das Grundrecht auf Wissenschaftsfreiheit. BODO ZEUNER

Die Langfassung des Textes „Die Freie Universität Berlin vor dem Börsengang? – Bemerkungen zur Ökonomisierung der Wissenschaft“ ist im September 2007 in der Nr. 148 der Berliner Zeitschrift PROKLA erschienen.

  • Müller-Böling

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