Hochschule

Technik im Dienst humanen Fortschritts

Die TU Kaiserslautern bietet bundesweit das einzige Fernstudium in Klinischem Ingenieurwesen an. Es unterstützt „fachfremde“ Ingenieure und Physiker in Krankenhäusern oder Prüfanstalten, theoretische Lücken in Medizintechnik und Strahlenschutz zu schließen. Manche schaffen dank der Weiterbildung auch den Quereinstieg in die Gesundheitsbranche.

„Mein beruflicher Alltag gleicht manchmal einer geistigen Fahrt auf der Achterbahn“, sagt Bernd Bolho: Stromversorgung, Klimaanlage, Heizung, Brandschutztechnik, Kernspintomograph.
Als Technischer Leiter des Krankenhauses Düren ist der Dipl. Ingenieur Maschinenbau FH zusammen mit seinen 17 Mitarbeitern dafür verantwortlich, dass die gesamte Technik nicht nur funktioniert, sondern auch höchsten Sicherheitsbestimmungen genügt. „Das Anforderungsprofil ist so vielseitig, dass man naturgemäß immer wieder auf theoretische Lücken stößt“, sagt er. „Ich hatte vor allem Nachholbedarf in der Medizintechnik, dem Strahlenschutz und den vielen rechtlichen Bestimmungen, die den Schutz der Patienten gewährleisten sollen.“
Diplom-Elektroingenieur Michael Rehm hatte andere Probleme. Sein befristeter Arbeitsvertrag als Wissenschaftlicher Assistent an der TU Kaiserslautern lief aus. Er war auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung im Gesundheitswesen. Dazu brauchte er jedoch einschlägige Kenntnisse in der Medizintechnik.
Auf der Suche nach einer geeigneten Weiterbildung wurden Bolho und Rehm an der TU Kaiserslautern fündig. Sie bietet seit 2000 das Fernstudium „Klinisches Ingenieurwesen“ an. Es wendet sich gezielt an fachfremde, aber berufserfahrene Praktiker wie Bolho und Rehm, um sie für medizin- und sicherheitstechnische Aufgaben in einer Klinik oder in Prüfanstalten wie dem TÜV zu qualifizieren.
Zwei Fachrichtungen stehen zur Wahl: Im Schwerpunkt „Medizinische Geräte- und Sicherheitstechnik“ erlangen die Teilnehmer Kompetenzen im Arbeitsschutz und der Wartung und Prüfung des gesamten medizintechnischen Equipments. Die Fachrichtung „Medizinische Strahlenschutztechnik“ bildet medizin-physikalische Experten aus, die gemeinsam mit dem Arzt dafür verantwortlich sind, dass Patienten möglichst effektiv und schonend bestrahlt werden. Auf dem Stundenplan stehen Arbeitssicherheit, Medizintechnik, Strahlendiagnostik und -therapie, Anatomie und Physiologie.
Erfolgreiche Absolventen erhalten das Zertifikat „Klinisches Ingenieurwesen“ und von der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik die international renommierte Fachanerkennung „Clinical Engineer“ – allerdings erst, wenn sie drei Jahre einschlägige Berufserfahrung nachweisen können.
Dr. Thomas Becks, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik: „Die Weiterbildung vermittelt alle notwendigen theoretischen Kenntnisse. Die ebenso wichtigen praktischen Fertigkeiten kann man sich nur im Beruf aneignen.“ Das ist für Newcomer wie Rehm ein Handicap. „Um dieses abzuschwächen, erwerben die Teilnehmer im Laufe der Weiterbildung automatisch allgemein anerkannte Lehrgangs-Zertifikate wie den Spezialkurs ,Strahlenschutz“ oder ,Fachkraft für Arbeitssicherheit““, berichtet Studienkoordinator Peter Decker.
Die Ingenieure Bolho und Rehm entschieden sich für Kaiserslautern, weil die TU die einzige Hochschule in Deutschland ist, die diese Weiterbildung als Fernstudium anbietet. So konnten sie das Studium nahezu reibungslos mit ihren beruflichen Tätigkeiten vereinbaren. Die Doppelbelastung sei jedoch manchmal happig gewesen, erinnern sich Michael Rehm und Bernd Bolho. Wenn die Freunde abends in der Kneipe feierten, saßen sie am PC und lösten den nicht abreißenden Strom an Übungsaufgaben. Zwölf Stunden die Woche.
Für Praktiker Bernd Bolho hat sich die Paukerei gelohnt. Er wollte mit Hilfe der Weiterbildung nur eines: fester im Sattel sitzen. „Durch meine fundierten Kompetenzen hat sich mein internes Standing wesentlich verbessert“, sagt er. Ihn hat die Weiterbildung „Klinisches Ingenieurwesen“ so begeistert, dass er gleich beide Fachrichtungen absolvierte. Auch Michael Rehms Erwartungen haben sich erfüllt. Er arbeitet jetzt als Laboringenieur am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim.
Glück gehabt oder in der Weiterbildung die ideale Startrampe für den Quereinstieg gefunden? Darauf finden Personalverantwortliche keine eindeutige Antwort. Michael Hock, Bereichsleiter Medizintechnik an der Universitätsklinik Frankfurt, stellt bevorzugt Absolventen der grundständigen Ingenieurstudiengänge Medizin- und Krankenhausbetriebstechnik ein. Bewerber wie Rehm hätten lediglich Außenseiterchancen.
Bei technischen Dienstleistern wie der TÜV Rheinland Group sieht die Situation rosiger aus: Hans Georg Kluczniok, Leiter Personalmarketing für den Bereich Produktsicherheit und Qualität: „Ich kann mir gut vorstellen, Absolventen der Weiterbildung Klinisches Ingenieurwesen einzustellen, denn sie bringen interdisziplinäre Kenntnisse mit. Die können wir sehr gut gebrauchen, auch in Zukunft.“
RITA SPATSCHECK

Von Rita Spatscheck

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