Hochschule

Studieren im Grenzbereich

Viele Erstsemester denken bei „Angewandte Informatik“ eher an das Internet als an Mathe und Physik.

Zu wenig Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs wollen studieren, und wenn sie es tun, dann nicht unbedingt naturwissenschaftlich-technische Fächer. Doch die Informatik war in den 90er Jahren in aller Munde. „Die Schüler hörten in der Zeit der New Economy die Botschaft: Nimm einen Computer in die Hand oder klink dich ins Web ein und schon bist du Informatiker und hast deinen Beruf gefunden“, erinnert sich Prof. Jörg Eberspächer von der Technischen Universität München, Lehrstuhl für Kommunikationsnetze.
Es sei jedoch klar gewesen, dass irgend etwas nicht stimmte, als die Neuimmatrikulationen bei den Informatikern der TU München sich innerhalb von vier Jahren verdoppelten.
„Die Anfänger sind zum Teil mit völlig falschen Vorstellungen gekommen – viele wollten so ein Studium gar nicht ernsthaft. Dementsprechend hoch war auch die Zahl der Studienabbrecher bei den Informatikern“, berichtet Eberspächer weiter.
Der IT-Boom biete aber auch gute Chancen für die „alte“ Elektrotechnik, die sich ja seit jeher intensiv mit informationstechnischen Inhalten, wie Computertechnik, Kommunikationstechnik und Medientechnik befasse. Bei den Schülern sei dies aber kaum bekannt gewesen, obwohl sich viele deutsche Elektrotechnikfakultäten inzwischen in „Elektrotechnik und Informationstechnik“ umbenannt hätten.
Um im Grenzgebiet zwischen Informatik und Elektrotechnik ein besonderes Angebot zu schaffen und auch den Anforderungen der Industrie besser zu entsprechen, startete die TU München in diesem Wintersemester den grundständigen Studiengang „Informationstechnik“ mit den gestuften Abschlüssen Bachelor und Master oder Diplom.
„Wenn jemand eher system-technisches Denken bevorzugt und auch die physikalisch-orientierten Basistechnologien, etwa in der Elektronik, nicht fürchtet, dann ist er bei uns gut aufgehoben“, glaubt Dekan Jörg Eberspächer. Der neue Studiengang sei sehr gut angelaufen.
Das Phänomen der enttäuschten Studienanfänger kennt auch die Dortmunder Universität. Es sei aber sehr schwer, an die Erstsemester heranzukommen, bedauert Prof. Uwe Schwiegelshohn, Lehrstuhl Datenverarbeitungssysteme. Mit dem notwendigen Grundlagenstudium seien eben einige Studierende wegen der fehlenden Vorbereitung in der Schule überfordert.
„Sie fühlen sich frustriert, reden aber nicht mit uns“, klagt Schwiegelshohn. Wichtig sei, die Durchlässigkeit zwischen den verwandten Studiengängen bis zum vierten, fünften Semester zu erhöhen, da viele Studierende sich erst in dieser Phase wirklich orientieren könnten. Neben den Studiengängen „Informationstechnik“ und „Angewandte Informatik“ ist in Dortmund auch die zwischen Informatik und Maschinenbau angesiedelte „Logistik“ eine Studienalternative. Die „Informationstechnik“ startete im Wintersemester 1999/2000 mit 50 Anfängern, hatte zwei Jahre später 117 und aktuell 77 Neueinschreibungen. Die offizielle Abbrecherquote von ca. 10 % sei sehr gering, sage aber noch nichts über die endgültige Zahl der Absolventen aus, berichtet Uwe Schwiegelshohn.
Bereits 1992, ein Jahr nach Gründung der Hochschule Harz (FH) in Wernigerode wurde dort der Studiengang Ingenieur-Informatik eingerichtet, berichtet Professor und Dekan Bernhard Zimmermann. Die Studierenden befassen sich mit einerseits mit Physik, mit Elektro-, Mess- und Regelungstechnik und andererseits mit der Softwareentwicklung. „Es handelt sich aber nicht um Technische Informatik im Sinne von Computerbau, sondern es geht in die Anwendungsgebiete, also Automatisierungstechnik, mobile Systeme und solche Dinge“, erläutert Zimmermann.
Als Angehöriger des Fachbereichtags Elektrotechnik Informationstechnik beobachtete Bernhard Zimmermann, dass die Studierendenzahlen in den Studiengängen mit Informatikanteilen in den letzten Jahren nach oben gingen, während die Elektrotechnik an den Fachhochschulen seit 1995 insgesamt mit sinkenden Zahlen zu kämpfen hat.
„Ich würde schon sagen, dass sich diese Studiengänge etablieren, allerdings spielen sie im gesamten und weiten Spektrum der Elektrotechnik an den Fachhochschulen natürlich nicht die Hauptrolle“, erklärt Zimmermann.
Auch aus Sicht der Universitäten kann Professor Peter Jung vom Lehrstuhl für Kommunikationstechnik der Universität Duisburg-Essen und Vorsitzender des Fakultätentages für Elektrotechnik und Informationstechnik nur über positive Rückmeldungen zu den neuen Studiengängen im Grenzbereich Informatik und Ingenieurwissenschaften berichten, die zunehmend an Bedeutung gewinnen.
„Insgesamt haben wir an den Universitäten im Moment das Gefühl, mit den neuen Studiengängen auf dem richtigen Weg zu sein.“ Trotz der von der Wirtschaft und der Politik geforderten notwendigen Spezialisierung hätten die Absolventen aber wohl vor allem dann gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft, wenn sie sich im Studium eine breite Basis schaffen können, betont Peter Jung.
MANFRED BURAZEROVIC

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