Hochschule

Studenten entscheiden über Qualität  

VDI nachrichten, Berlin, 7. 4. 06, ws – Ganz ohne die Unterstützung des Bundes werden Hochschulen nicht auskommen, meinten Interessenvertreter auf einer Tagung zur Föderalismusdebatte. Eine bildungspolitische Reform werde ohne Neugewichtung der Finanzen nicht möglich sein.

Die Föderalismusreform, wie sie derzeit in den Schubladen der Politiker liegt, setzt deutliche Grenzen: Bildung ist Sache der Bundesländer. Nur in Fragen der Hochschulzulassung und -abschlüsse hat der Bund das Sagen.

Es gibt aber Meinungsvertreter, die diese rigorose Einteilung in Frage stellen. So, wie es zurzeit aussieht, bleibt der Bund vor der großen Bildungseingangspforte, um letztlich über einen Hintereingang doch ins Reformgebäude geschubst zu werden. Denn einerseits erhofft man sich in den Bundesländern von der Reform größere Eigenständigkeit in Hochschulfragen, andererseits wird einigen Ländervertretern bei dem Gedanken, akademische Bildung im Alleingang stemmen zu müssen, schwindelig zumute. Deshalb haben sich die Ministerpräsidenten mit Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) auf den „Hochschulpakt 2020“ geeinigt, über dessen Inhalte noch in diesem Jahr entschieden werden soll.

„Es wird keinen Rückzug des Bundes aus der Bildung geben“, erläuterte Schavan auf der Tagung „Hochschulfinanzierung im kompetitiven Föderalismus“ am letzten Montag in Berlin. In einer modernen Hochschullandschaft seien Forschung und Lehre kaum noch zu trennen, so dass Bundeshilfen für die Forschung auch der Lehre zugute kämen. Im Hochschulpakt müssten der Bund und die 16 Länder „ein gemeinsames Leitbild“ entwerfen, um auf internationaler Bühne mit einer Stimme zu sprechen.

Bis zum Jahre 2012 sei in Deutschland mit einem Anstieg von knapp 2 Mio. auf 2,4 Mio. Studierende zu rechnen. Statt zu jammern, so Schavan, sollte man diese Entwicklung in den Ländern und an den Hochschulen als „Fundament für Innovationen“ betrachten – „eine gute Nachricht also“, vor allem in Anbetracht des Ingenieurmangels.

Um eine verstärkte „Verknüpfung von wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Intelligenz“ herbeizuführen, sollten sich Unternehmen intensiver als bislang um die Förderung des akademischen Nachwuchses kümmern. Hier liege tatsächlich noch einiges im Argen, pflichtete Arend Oetker, Präsident des Stifterverbandes, bei. Um sich den Ingenieurnachwuchs zu sichern, seien erhebliche Kraftanstrengungen nötig. „Warum sollen Unternehmen nicht hingehen und begabten Ingenieurstudenten ein Stipendium bezahlen, mit dem Angebot, sie auch nachher einzustellen? In anderen Ländern ist das längst üblich.“

Allerdings stünden die Unternehmen nicht allein in der Pflicht, fügte Jürgen Thumann, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), an. Der Staat müsse sich internationalen Maßstäben anpassen. Dazu gehöre die Aufstockung des Bruttoinlandsproduktes für Hochschulausgaben auf 1 %, statt 18 Mrd. € sollten es jährlich 22 Mrd. € sein.

Deutschland brauche, so Thumann, Spitzenleistungen. Bester Motor sei das Prinzip Konkurrenz. „Die Exzellenzinitiative von Bund und Ländern hat den Wettbewerb zwischen den Hochschulen entfacht … Aber warum verteilen wir eigentlich nicht alle öffentlichen Mittel im Wettbewerb? Jedes Jahr neu.“ Hamburgs Wissenschaftssenator Jörg Dräger schränkt im Namen der Länder ein: „Falls die Marktmechanismen versagen“, müsse der Bund „koordinierend in den Wettbewerb eingreifen“.

Stärker als bislang müsse neben den Hochschulen auch den Studierenden Verantwortung übertragen werden, so Thumann: „Nehmen wir einmal an, die Durchschnittskosten für einen Ingenieur-Studienplatz in Deutschland betragen 10 000 € pro Jahr. Der Student bekommt 10 000 € in die Hand und macht sich auf die Suche. Er vergleicht die Angebote der Hochschule. Und stellt fest, dass die Hochschule, die für ihn die beste wäre, 2000 € im Jahr mehr kostet.“

Zwei Wege blieben ihm: Entweder er sucht sich ein preiswerteres Angebot oder er zahlt selbst 2000 € zu. „Herausforderung für die Hochschulen ist es, den Preis so zu setzen, dass sie genügend Studenten mit dem passenden Leistungsprofil bekommen.“ Stipendien- und Darlehenssysteme erleichterten Finanzschwächeren die Suche nach der geeigneten Hochschule.

Die Föderalismusreform müsse eine Finanzreform begleiten, fordert Stifterverband-Präsident Oetker. Bayern bilde im Verhältnis zum Bedarf zu wenige Akademiker aus, die neuen Bundesländer stellten über Bedarf Studienplätze zur Verfügung. „Im derzeitigen Länderfinanzausgleich werden diese unterschiedlichen Leistungen und Belastungen in keiner Weise abgebildet.“

Der Wettbewerb sollte sich auch auf die Forschung auswirken, fordert Thumann: „Wenn eine Hochschule einen Forschungsauftrag aus der Wirtschaft einwirbt, sollte sie dafür mit einer Prämie belohnt werden.“ In den Hochschulen treffen solche Konzepte nicht auf ungeteilte Zustimmung. Eine Universität sei kein Unternehmen, die Studierenden keine „Kunden“, sagte Burkhard Rauhut, kommissarischer Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Rauhut wandte sich gegen eine Überbetonung der anwendungsbezogenen Forschung auf Kosten der Grundlagenforschung. „Die Freiheit von Lehre und Forschung ist ein hohes Gut, das langfristige Forschungsvisionen verwirklichen hilft.“

Rauhut wies darauf hin, dass die Föderalismusreform viele Fragen unbeantwortet lasse, wie die der leistungsgerechten Professorenbesoldung. Nur reiche Länder seien in der Lage, „teure“ Professoren zu bezahlen. ws

Schavan: Anstieg der Studentenzahl kein Grund zum Jammern

Von Wolfgang Schmitz

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