Maschinenbaustudium

Stralsund: Studieren, wo andere Urlaub machen  

Am Nordost-Zipfel der Republik geht es beschaulicher zu als in den großen Metropolen. Was nicht heißen soll, dass an der Fachhochschule Stralsund die Zeit stehen geblieben wäre. Im Gegenteil: Wer hier sein Maschinenbaustudium absolviert, trifft auf intensive Betreuung und modern ausgestattete Labors. VDI nachrichten, Düsseldorf, 9. 4. 09, ws

Die weitaus meisten Studierenden an der Fachhochschule Stralsund kommen aus der Region. Das ist bei Fachhochschulen keine Besonderheit, sondern eher die Regel, sind sie doch meist nicht nur der Wissenschaft, sondern auch den regionalen Unternehmen verpflichtet.

Da Deutschland aber vom Fachkräftemangel gebeutelt und Ostdeutschland zudem vom demografischen Wandel bedroht ist, Mecklenburg-Vorpommern nicht gerade als Hochburg der Industrie gilt und das kleine Stralsund am äußersten Rande des Krisengebietes liegt, sind hier besondere Anstrengungen nötig.

„Wer einmal hier studiert, geht so schnell nicht wieder weg“, berichtet Joachim Venghaus, Rektor der nordöstlichsten Hochschule Deutschlands. Die Schwierigkeit sei, die Studierwilligen vom Westen in den Osten zu holen.

Noch sind die Bewerberzahlen im Bereich Maschinenbau so hoch, dass der Zugang zu den Bachelorstudiengängen im letzten Semester beschränkt werden musste. Aber da viele Jugendliche die Heimat zwischen Schwerin und Greifswald, Neubrandenburg und Stralsund verlassen, will man an der FH nicht allein auf den Nachwuchs aus dem eigenen Bundesland setzen.

Marketingaktionen in westdeutschen Schulen wie „Studieren in Fernost“ sollen Jugendliche zur West-Ost-Wanderung bewegen. Dabei muss keiner der FH-Verantwortlichen in den Zauberhut greifen, um die Vorzüge eines Maschinenbau-Studiums in Stralsund aus dem Nichts zu holen. Die Vorteile sind offensichtlich, wie Rundgänge durch die Hansestadt (FH-Werbeslogan: „Studieren, wo andere Urlaub machen“) und über den Campus beweisen.

Das „Du“ ist auf dem Hochschulgelände auch zwischen wissenschaftlichen Mitarbeitern die Regel, die Studentenwohnungen in schwedischen Holzhäusern stellen die Betonklötze anderer Hochschulen in den Schatten, Labors und Werkstätten sind in der jungen, 1991 gegründeten Hochschule auf aktuellem technischen Stand. Die kleine, rund 2500 Studierende betreuende Hochschule ist ein Ort der kurzen Wege. „Hier müssen Studierende nicht lange auf einen Termin warten, die Professoren und Mitarbeiter sind stets ansprechbar“, verspricht Dekan Dieter Kleinteich.

Kein Wunder, dass Stralsunder Maschinenbau-Studierende die anregende Atmosphäre nutzten, um 2003 als erstes deutsches Team am Bau eines Rennwagens für den Wettbewerb „Formula Student“ zu feilen.

Das soll nicht heißen, die Fachhochschule Stralsund wolle in allen Belangen die erste sein. Bei der Umstellung auf Bachelor und Master hat man sich auf Wunsch der Maschinenbau-Wirtschaft Zeit gelassen und erst einmal intensiv die allgemeine Entwicklung der Studienreform angeschaut. In die seit 2007 existierenden Bachelorstudiengänge flossen die Erkenntnisse ebenso ein wie in die seit einem Monat angebotenen Maschinenbau-Master „Fahrzeugtechnik“ sowie „Entwicklung und Produktion“.

„Wenn wir, wie es Aufgabe der Fachhochschulen ist, anwendungsbezogene Forschung durchführen wollen, müssen wir auch Masterstudiengänge anbieten“, so Kleinteich. Die dreisemestrigen Masterangebote „made in Stralsund“ könnten mit dem Universitäts-Master konkurrieren. Auf Vertiefungen in höherer Dynamik, Festigkeitslehre, Mathematik und Informatik folgten in beiden Studiengängen die jeweils typischen Spezialisierungen, in deren Verlauf die Studierenden ihr Wissen in Forschungsprojekten anwenden werden.

Während sich „Entwicklung und Produktion“ in breiter Form an die klassische Maschinenbaulehre anlehnt, sollen die Fahrzeugtechnik-Absolventen vor allem bei Automobilzulieferern und in der Automobilproduktion unterkommen. Abgänger sollen, ausgerüstet mit dem Master als Führungskräfte-Lizenz, bundesweit von der Qualität der Stralsunder Ausbildung zeugen.

Eine Fachhochschule wäre ohne die Betonung von Praxisnähe keine Fachhochschule im Sinne ihrer Gründer. Vor einigen Jahren hoben die Stralsunder deshalb den dualen Studiengang Maschinenbau mit den Schwerpunktrichtungen „Produktionsmanagement“ und „Schiffbautechnik“ aus der Taufe.

„Die Unternehmen der Region, speziell die Werften und deren Zulieferer, hatten vehemente Probleme, genügend Ingenieure zu bekommen“, erläutert Venghaus. Seitdem erlangen Gesellen im dualen Studium einen Maschinenbau-Bachelor inklusive Meisterabschluss.

Dekan Dieter Kleinteich hebt die Einmaligkeit der Meisterausbildung in Verbindung mit einem Studienabschluss hervor. „Die Absolventen beherrschen die Prozesse von der Pike auf. Inzwischen sind es rund 40 Unternehmen, vor allem aus der maritimen Branche, die davon profitieren.“

Venghaus bestätigt: „Dieses Kind der guten Konjunktur zeigt jetzt in der Krise seine wahren Qualitäten. Jetzt, da Kapazitäten nicht ausgelastet werden können, ist der richtige Zeitpunkt für weitere Qualifikationen gekommen. Das Arbeitsmarktwerkzeug Kurzarbeit ist hier gut kombinierbar.“ W. SCHMITZ

Von W. Schmitz

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