Hochschule 01.04.2005, 18:37 Uhr

Spitzen-Unis für Europa  

VDI nachrichten, Hannover, 1. 4. 05 – Während hierzulande die Elite-Hochschulen am Widerstand der Ministerpräsidenten zu scheitern drohen, eröffnet José Manuel Barroso, Präsident der EU-Kommission, die Debatte um europäische Spitzenuniversitäten. Ein Déjà-vu ohne Zukunft?

Halbzeit auf dem Weg Europas zur führenden Wissenschafts- und Wirtschaftsmacht – und noch ist man weit vom Ziel entfernt: Vor fünf Jahren beschlossen in Lissabon die europäischen Regierungschefs, Europa bis 2010 zur wettbewerbsfähigsten Region der Welt zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten 3 % des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung gesteckt werden.

Das schaffte bisher selbst Deutschland nicht, obwohl es in diesem Punkt mit knapp 2,5 % noch EU-Musterknabe ist. Höchste Zeit also für einen neuen Vorstoß. Und so versucht denn José Manuel Barroso, Präsident der EU-Kommission, mit Elite-Hochschulen Europa neuen Schwung zu verleihen.

Doch Barrosos Vision fehlt bisher das klare Profil. Sicher ist nur sein Vorbild: Das „Massachusetts Institute of Technology“ (MIT). Damit koppelt der Jurist Barroso die europäische Zukunft klar an technologische Stärke. „European Institute of Technology“ (EIT) soll das neue Forschungszentrum heißen, das zum Herzstück eines Netzwerks von wenigen Spitzenhochschulen wird. Doch Elite lässt sich kaum von oben verordnen. „Eine Neugründung auf der grünen Wiese würde zu multiplen politischen Problemen führen“, kommentiert Peter Gaehtgens, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Das EIT würde wohl schon an der Standortfrage scheitern – und an den jeweiligen Zuständigkeiten. Das jedenfalls lässt die aktuelle deutsche Föderalismus-Debatte erahnen, die ebenfalls an der Frage der Zuständigkeiten für die Hochschulen hakt. Die Länder lassen sich nur sehr ungern auf Kompromisse ein, die dem Bund mehr Kompetenzen einräumen.

Auch mit Barrosos Netzwerk-Idee kann sich Gaehtgens nur bedingt anfreunden. „Wenn ich den Vorschlag richtig verstanden habe, soll das Elite-Netzwerk virtuell arbeiten“, vermutet Gaehtgens. In dieser Struktur würde die spezifische Stärke europäischer Wissenschaft verloren gehen: die kulturelle Rückbindung, die kreativem Denken eine Basis verleiht. „Besser wäre es,“ empfiehlt Gaehtgens, „Cluster an jenen Standorten zu bilden, die in den jeweiligen Bereichen bereits hohe Kompetenzen bündeln, wie etwa Genf in der Teilchenphysik oder andere Regionen in nachwachsenden Rohstoffen.“ Diese Kompetenzzentren sollten die gesamte Prozesskette sichern, von der Grundlagenforschung bis zur Umsetzung, samt Outsourcing und Vergabe von Risikokapital. „Von der Ideengenerierung bis zur Produktherstellung“, so Gaehtgens.

Dass herausragende Institutionen im technischen Bereich gestärkt werden sollten, freut vor allem Wolfgang A. Herrmann, Präsident der TU München. Schließlich zählt die TUM zu den Top Ten in Deutschland. Einer Neugründung aber gibt auch Herrmann keine Chance. „Ich wäre schon froh, wenn wir die Marke ,Uni Deutschland“ wieder international besetzen würden.“ Auch der HRK-Präsident fordert mehr europäisches Selbstbewusstsein. „Europa hat bereits exzellente Institutionen, wie Oxford, Cambridge, die ETH oder auch einige deutsche Hochschulen.“ Wenn man diese besser ausstatte, mit weniger bürokratischen Hemmnissen belaste und sie sich im gegenseitigen Wettbewerb profilieren lassen, könnten sie auch einzeln mit dem MIT konkurrieren.

Einen europäischen Wettbewerb, der die besten Institutionen auslobt, würde Gaehtgens durchaus unterstützen. Diese Spitzenhochschulen sollten nicht nach einem Vorbild geformt, sondern ihr spezifischer Vorsprung gestärkt werden. Dazu gehört auch die kulturelle Sensibilität, die Herrmann als einen entscheidenden Zukunftsfaktor betrachtet: „Unsere Ingenieure reflektieren beispielsweise, was es heißt, wenn Asiaten auf unser Tun und unsere Technik reagieren – das ist ein mächtiger wirtschaftlicher Trumpf.“

Noch aber ist Europas Top-Chef-Sache nicht besiegelt. Im Bundeswissenschaftsministerium wartet man ab. „Mit den Mitgliedsländern ist noch nichts abgesprochen“, kommentiert Pressesprecher Florian Frank. „Viele Fragen sind offen, der Vorstoß aber grundsätzlich positiv.“

RUTH KUNTZ-BRUNNER

Gaehtgens: Spitze nicht nach einem Vorbild formen

Ein Beitrag von:

  • Ruth Kuntz-Brunner

    Ruth Kuntz-Brunner ist Karriereautorin und schreibt über die Schwerpunkte Arbeitsleben und Arbeitssicherheit.

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