Hochschule

Sozialer Brennpunkt mit Akademikerpotenzial

Die Dortmunder Nordstadt ist ein sozialer Brennpunkt, den es zu entdecken lohne, so Dieter Baier von der FH Dortmund. Hier schlummere nicht nur enormes kulturelles, sondern auch akademisches Potenzial. In der Initiative „Hochschule vor Ort“ versuchen Dortmunder FH-Studenten mit Migrationshintergrund, junge Menschen mit ausländischen Wurzeln für ein Studium zu gewinnen.

Dortmund: Hinter dem Namen stecken für Sachsen, Bayern und andere Nicht-Westfalen Begriffe wie Borussia, Pils und Strukturwandel. Und vielleicht sogar immer noch rauchende Schlote. Bei aller Wertschätzung des Malocherbildes – ein Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung täte dem tristen Image der Metropole gut. Das weiß auch Dieter Baier, der vor 37 Jahren aus dem beschaulichen Heidelberg in die größte Stadt Westfalens zog. „Wir an der Fachhochschule Dortmund wollen einen Beitrag dazu leisten, die Stadt lebensfroh und kreativ zu gestalten.“

Die Hochschule habe in der Region ein „bestimmtes Renommee“, mit dem man in der Bevölkerung punkten könne, sagt der Leiter des Dezernats für Rektoratsangelegenheiten und Marketing der FH Dortmund, die mit rund 8500 Studierenden eine der größten Fachhochschulen Nordrhein-Westfalens ist.

Deshalb heißt es im Herbst für die FH: Raus aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm, rein in die Gesellschaft! Das Projekt „Hochschule vor Ort“ hat eine doppelte Stoßrichtung: Im „Studium International“ sollen junge Menschen aus dem Problemstadtteil Nordstadt für eine Hochschulausbildung gewonnen und damit der Fachkräftemangel gedämpft sowie als zweite Säule der soziale Brennpunkt als lebenswertes „Ökotop“ erschlossen werden.

Diese Idee fand bei der Mercator Stiftung und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft so viel Anklang, dass das Projekt über den Hochschulwettbewerb „Mehr als Forschung und Lehre“ als einer von sechs Siegern mit 190 000 € gefördert wird.

Um Studierende zu gewinnen, konzentriert sich das Projekt auf die Migrantenfamilien in der Nordstadt. „Unter ihnen gibt es viele Abiturienten, die nicht studieren, sondern bei den Eltern oder beim Onkel im Obst- und Gemüseladen helfen und später vielleicht das Geschäft übernehmen wollen“, erklärt Baier.

Um diese jungen Menschen von den Vorteilen eines Studiums zu überzeugen, schickt die FH Studierende aus den eigenen Reihen in die Nordstadt. Allesamt ausländische Kommilitonen. „Sie wissen am besten, was es für einen Migranten bedeutet, in Deutschland zu studieren.“ Bevor es im Herbst so weit ist, werden die Studierenden auf ihre Aufgaben vorbereitet, die bis in Schulen und Elternhäuser reichen. Zwei Mitarbeiter in einem eigens eingerichteten Nordstadtbüro bilden die Anlaufstelle.

Das wird sicher kein leichtes Unterfangen. Das traditionelle Arbeiterviertel um den legendären Borsigplatz, wo der frisch gebackene deutsche Fußballmeister Borussia seine Wurzeln hat, ist von der Deindustrialisierung besonders betroffen und die Arbeitslosenquote mit 25 % doppelt so hoch wie im gesamtstädtischen Durchschnitt. Wer hier lebt, möchte so schnell wie möglich Geld verdienen. Da erscheint ein Studium vielen zunächst nur als Notlösung.

Überzeugungsarbeit wird nicht allein verbal betrieben. In einer Projektwerkstatt können Migranten in die Bereiche IT, Technik, Medien, Design und Soziales hineinschnuppern. Externe Mentoren stehen den jungen Studienberatern zur Seite. „Wir denken dabei etwa an türkische Unternehmer oder Verbandsvertreter, die auch die Sprache der Migranten sprechen und deren Probleme kennen.“ Es gäbe bereits positive Signale aus der lokalen Wirtschaft.

Das Balzen der Fachhochschule Dortmund um Talente wird aber nicht nur im Sinne der Stadt, der Region und der Fachkräftegewinnung vorangetrieben, sondern auch im Eigeninteresse. Baier: „Wir wollen die Migranten für uns gewinnen, weil wir sie aufgrund des demografischen Wandels brauchen werden. Ab 2015 gehen die Schülerzahlen signifikant zurück, wir aber wollen nicht schrumpfen und müssen daher neue Zielgruppen ansprechen. Schließlich stehen die Hochschulen im Wettbewerb untereinander.“ Und der ist im Ballungsraum Ruhrgebiet auch durch die Schaffung von drei neuen Fachhochschulen besonders groß.

Fördergelder sollten nicht nur dort landen, wo eh schon Exzellenz säße, sondern auch dort, wo Geld am dringendsten benötigt würde. Und das gelte insbesondere für strukturschwache Regionen, meint Dieter Baier. „Da könnte die Politik einige Rahmenbedingungen verbessern.“

Die Nordstadt sei zwar ein sozialer Brennpunkt, aber einer mit großem Charme. „Die Nordstadt ist sehr lebendig und multikulti, man kann gut essen gehen, ob portugiesisch, spanisch oder türkisch. Es ist eben ein sehr quirliges Viertel“ – das auf keinen Fall sterben dürfe und das es zu entdecken lohne. Auch für Einwohner aus dem Dortmunder Süden.

Die zweite Säule des Projektes soll den kulturellen Austausch ankurbeln: „Viele unserer Absolventen aus den Bereichen Architektur und Design machen sich selbstständig oder sind freischaffend tätig. In der Nordstadt stehen viele Wohnungen und Hinterhöfe leer. Wenn es uns in Kooperation mit der Stadt und Eigentümern gelingt, die Kreativen dort unterzubringen, wird das wesentlich zur Belebung beitragen.“ Festivals und Straßenfeste sollen zudem zu einer „neuen Kultur der Nachbarschaft“ beitragen.

„Wir wollen mit unserem Projekt einen Beitrag zur Veränderung der Stadt leisten, um Bildungspotenziale einerseits und die Kreativität andererseits zu erschließen“, betont Baier. Die Förderung ist zunächst auf zwei Jahre begrenzt, die Gedankenspiele der Projektplaner reichen weit darüber hinaus. WOLFGANG SCHMITZ

Von Wolfgang Schmitz

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