Hochschule

Schülerinnen erleben Hochschule

Mit ihrem Projekt „Probiert die Uni aus!“ beweist die Uni Stuttgart, wie junge Frauen für ein Studium naturwissenschaftlicher Fächer begeistert werden können.

Das eklatante Ungleichgewicht zwischen Studenten und Studentinnen war für die Universität Stuttgart Anlaß genug, das Projekt „Probiert die Uni aus!“ zu realisieren. Die Zahl der Frauen in den technisch-naturwissenschaftlichen Studienfächern ist in der Tat noch immer sehr gering. In Stuttgart zum Beispiel beträgt der Anteil an Studentinnen im Fachbereich Elektrotechnik 3,8 %, in der Technischen Kybernetik sind es 3,9 % und beim Maschinenbau sieht die Lage mit 4,9 % nicht viel besser aus. Um diese Situation zu verbessern, konnten Schülerinnen Stuttgarter Oberstufen Anfang 1998 an mehreren Nachmittagen Uniluft schnuppern. Und auch von Januar bis März kommenden Jahres werden dem potentiellen Akademiker-Nachwuchs wieder Testläufe in zwölf verschiedenen Fachbereichen wie Bauingenieurwesen, Luft- und Raumfahrttechnik oder Umweltschutztechnik angeboten. Rund 200 Gymnasien in und um Stuttgart wurden deshalb angeschrieben. „Wir wollen die jungen Frauen neugierig machen. Sie sollen mitbekommen, daß man ein technisches Fach auch studieren kann, ohne die ganze Kindheit hindurch geschraubt und gelötet zu haben“, begründet die Frauenbeauftragte der Universität Stuttgart, Prof. Franziska Ullmann, Sinn und Zweck der Aktion. Ein Grundinteresse sollte freilich vorhanden sein, denn Wunder vermögen auch Seminare nicht zu vollbringen. Sonja Eckstein beispielsweise hatte schon im Gymnasium ein Faible für Mathematik und Naturwissenschaften. „Ein Sprachenstudium wäre für mich nicht in Frage gekommen. Interessiert hat mich Geologie und Geographie. Doch da waren die Berufsaussichten wiederum zu schlecht“. Seit dem Wintersemester studiert sie nun Informatik und ist überzeugt davon, die richtige Wahl getroffen zu haben. Sonja Eckstein gehört zu den Teilnehmerinnen des allerersten Schnupperkurses, den der Fachbereich Informatik 1997 veranstaltet hat. Dort hatte der drastische Rückgang des Frauenanteils von 14,5 % auf 9 % die Verantwortlichen auf den Plan gerufen. Die Reaktion auf das Seminarangebot bestätigte, daß nicht mangelndes Interesse der Grund für diesen Schrumpfungsprozeß war: Über 200 Anmeldungen gingen beim Fachbereich ein, an dem Schnupperkurs nahmen 50 Schülerinnen teil. „Mit den Seminaren soll den jungen Frauen die Angst genommen werden. Zwar stellen wir immer wieder fest, daß viele ein grundsätzliches Interesse an technischen Inhalten haben. Was ihnen jedoch fehlt, sind konkrete Vorstellungen darüber“, beobachtet die Frauenbeauftragte Franziska Ullmann. „Die Schnupperkurse bieten die Möglichkeit, ohne Druck zu testen, wo die Vorlieben liegen.“ „Ich hatte mir Informatik viel trockener vorgestellt“ Vor allem die Mädchen aus den elften und zwölften Klassen nutzen diese Möglichkeit. Bis zum Abitur bleibt ihnen dann immer noch genügend Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Daß dieser Selbstfindungsprozeß ohne männliche Konkurrenz abläuft, bewerten 43 % der Schülerinnen als positiv. „Normalerweise ist es doch so, die Jungs bekommen einen Computer, die Mädchen nicht. Der Wissensvorsprung ist damit vorprogrammiert“, beschreibt Daniela Ahlisch, die inzwischen in München Informatik und Medizin studiert, die klassische Rollenverteilung. Das Seminar förderte ihrer Meinung nach nicht nur das weibliche Selbstverständnis, sondern weichte auch Vorurteile auf. „Ich hatte mir Informatik viel trockener vorgestellt“, sagt die Studentin heute. Internet, E-Mail und selbstgestrickte Home Pages bildeten die praktische Grundlage, um so elementare Themen wie Datenübertragung, die Funktion von Rechnernetzen oder die Nutzung verschiedener Programmiersprachen abzuhandeln. Mit den Schnupperkursen stieg im Fachbereich Informatik auch wieder die Zahl der Studentinnen. Mit solch offiziellen Erfolgsbilanzen können die anderen Fachbereiche noch nicht aufwarten. Das Gesamtprojekt „Probiert die Uni aus!“ ist dafür noch zu jung. Doch mit über 200 Schülerinnen, die 1998 an den Seminaren teilnahmen, zieht die Hochschule eine positive Bilanz. Für die kommenden drei Monate erhofft sie sich ein ähnlich gutes Ergebnis. Wie praxisorientiert ein theoretisch ausgerichtetes Fach wie die Technische Kybernetik sein kann, können die Teilnehmerinnen dann anhand eines Toilettenspülkastens untersuchen. „Ob er funktioniert oder nicht, ist eine regeltechnische Sache, die wir am Rechner simulieren“, erklärt Kerstin Falkner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Systemdynamik und Regelungstechnik. Einem aktuellen Thema ist der Bereich Werkstoffwissenschaften auf der Spur. Unter dem Motto „Das Gesicht der Metalle“ wird in Anlehnung an die ICE-Katastrophe in Eschede die Bildung von Haar-Rissen und ihre rechtzeitige Erkennung unter die Lupe genommen. Der Fachbereich Informatik bietet, angespornt durch den bisherigen Erfolg, eine ganze Erlebniswoche während der Faschingsferien an, in der es vor allem um Kryptographie, also um die Verschlüsselung von Daten und deren Transport über das Netz, gehen wird. Technik sähe heute ganz anders aus, wenn die Alltagserfahrung der Frauen in die Entwicklungen miteinfließen würde, ist Franziska Ullmann überzeugt. Voraussetzung dafür sei ein stärkeres Engagement in dieser Männerdomäne. Dafür bedürfe es aber einer guten Portion Selbstbewußtsein, meint sie. Doch auch dafür will das Projekt Vorarbeit leisten. „Ohne den Schnupperkurs wäre mir die Entscheidung, Softwaretechnik zu studieren, viel schwerer gefallen“, gesteht Harriet Kasper, die ebenfalls ihr erstes Semester an der Uni Stuttgart absolviert. Wie ihre Studienkollegin Sonja Eckstein ist auch sie froh, daß ihr der direkte Sprung ins kalte Wasser erspart blieb.
MONIKA ETSPÜLER

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