Ernährung

Saatguthersteller spendiert Züchtungslehrstuhl  

VDI nachrichten, Stuttgart, 22. 12. 06, ber – Abgeräumte Felder so weit das Auge sieht, etwas Gülle liegt in der Luft. Was wie ein stinknormales schwäbisches Bauernidyll aussieht, sind in Wahrheit 70 ha landwirtschaftliche Versuchsfläche, die sich um das Gelände der Uni Hohenheim ausbreiten. Hier proben die Wissenschaftler Fruchtwechsel, Ökolandbau und Kreuzungen.

Vielleicht kommen demnächst längst vergessene Landsorten dazu, wie etwa vier Meter hohe Maispflanzen aus Peru. Das jedenfalls könnte eines der Ziele der neuen Stiftungsprofessur in Stuttgart-Hohenheim sein.

Vor gut einer Woche trafen sich hier alte Bekannte aus der Hohenheimer Schule, um die Einrichtung des Stiftungslehrstuhls „Nutzpflanzenbiodiversität und Züchtungsinformatik“ an der Uni feierlich zu besiegeln.

Der edle Spender, die KWS Saat AG, Einbeck, verdient seit 150 Jahren das meiste Geld mit Zuckerrüben- und Maiszucht und ist das viertgrößte Saatgutunternehmen weltweit. Der Geschäftsführer, ebenso wie der größte Teil der KWS-Mitarbeiter, hat in Hohenheim die Hörsaalbank gedrückt.

Für die nächsten acht Jahre wird das Züchtungsunternehmen die nagelneue Professur finanzieren. Danach übernimmt die Universität die Kosten. Die Grundausstattung, Professur plus ein bis zwei technische und ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, verschlingt rund 400 000 € im Jahr das macht insgesamt 3,2 Mio. € für die KWS.

Was verbirgt sich hinter der seltsamen Mischung Artenvielfalt und Züchtungsinformatik? Albrecht Melchinger und seine Hohenheimer Kollegen sollten „ein Fachgebiet erfinden, das es noch nicht gibt und das zukunftsweisend“ ist. So lautete die Bedingung der KWS zur Finanzierung. Züchtungsinformatik ist eine neue Wortschöpfung das Studium der Nutzpflanzenbiodiversität steckt noch in den Anfängen. So was gab es noch nicht in Europa, eine neue Disziplin für die Pflanzenzüchter war somit aus der Taufe gehoben.

Biodiversität steht in diesem Fall nicht für die Erhaltung von Arten. Eher sollen Wissenschaftler aus der Vielfalt der Arten alles rauslesen, was züchterisch genutzt werden kann. Gerd Weber, der Biotech-Experte unter den Experten, meint: „Es steckt viel drin, aber wir wissen noch sehr wenig darüber.“

Bei der Kultivierung der wohl ältesten Nutzpflanzen – Weizen und Mais – sind vermutlich ein paar Eigenschaften auf der Strecke geblieben, die in den Hybridformen nicht mehr vorkommen. Gene zum Beispiel, die der Pflanze ein Überleben unter kargen Bedingungen in nährstoffarmen Böden sichern.

Gene mit solchen Eigenschaften kann der Mensch noch nicht basteln. Aber er kann sie zurückholen, wenn man mehr über die Wildformen und die frühen Landsorten weiß. Das wird heute immer wichtiger – auch wirtschaftlich, weil sich die Verwendung von Nutzpflanzen erweitert: Man braucht schnell wachsende Energiepflanzen mit viel Biomasse oder Pflanzen, die mit dem Klimawandel, mit Dürreperioden und anderen neuen Herausforderungen zurechtkommen.

Was verspricht Züchtungsinformatik? Bioinformatik etwa ist als Studiengang schon an fast jeder Uni hierzulande etabliert. Diese datengestützte Genforschung beschäftigt sich mit Sequenzanalysen und Proteindesign.

Züchtungsinformatik dagegen ist bis jetzt erst ein Schlagwort und noch kein Wissenschaftszweig. Hier geht es um die Verknüpfung von Informationen: Mit DNA-Chips etwa werden im Labor unvorstellbare Datenmengen gewonnen. Dann kommen Neuentwicklungen wie Sensortechnik oder GPS im Anbau dazu.

Es gibt einen dringenden Bedarf, diese Datentypen geeignet zu speichern und zu verknüpfen. Melchinger sieht die Chance für einen Quantensprung in der Pflanzenzüchtung: „Eine maßgeschneiderte Software und Computersimulationen, um mit den 60 000 Genen beim Mais etwas besser umgehen zu können oder für andere züchterische Fragestellungen“, fantasiert der Professor fasziniert.

Eine enge Verbindung zur Wirtschaft hat Vorteile. Das Studienprofil des geplanten Masterstudiengangs „Crop-Science“ ist realitätsnah, dicht an den Erfordernissen des Arbeitsmarktes. Inwieweit aber wird die KWS die Richtung der Forschung im Rahmen des Lehrstuhls beeinflussen? Schließlich erwirtschaftet der Einbecker Züchter an allen Standorten in der ganzen Welt – außer in Deutschland – 80 % des Umsatzes mit transgenen Pflanzen.

Beraten darf die KWS, mitbestimmen nicht. Andererseits muss sich noch zeigen, wie selbstständig oder unabhängig Forschungsschwerpunkte gesetzt werden, wie wissenschaftliche Ergebnisse für den Saatguthersteller nutzbar gemacht werden.

Immerhin gibt es einen sechsseitigen Vertrag mit 15 Paragrafen. Als erstes muss die richtige Fachfrau oder der Fachmann für den Lehrstuhl gefunden werden. Die Wunschliste für die Stellenbesetzung ist lang: „Wir wollen nach Möglichkeit eine Frau. Soziale Kompetenz, innovatives Wissen über Züchtung, Datenverarbeitung und Vernetzung sollte die Persönlichkeit in sich vereinen“, zählt Hohenheims Rektor, Hans-Peter Liebig, auf. Mit allen Abstimmungsprozessen wird mindestens ein Jahr ins Land gehen, bevor Studenten die Hörsäle füllen, um zu lernen, was Züchtungsinformatik ist.

KATHLEEN SPILOK/ber

Von Kathleen Spilok/Bettina Reckter
Von Kathleen Spilok/Bettina Reckter

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