Hochschule 04.10.2002, 18:21 Uhr

Promovierte Ingenieure werden in den USA zur Mangelware

In den USA geht die Zahl der Promotionen stetig zurück. Damit wächst die Angst, dass das Land unter anderem in den Ingenieurwissenschaften international den Anschluss verliert. Nur sehr unscharf sind die Ursachen erkennbar.

Die Zahl der Promotionen in den Naturwissenschaften geht in den USA stetig zurück. Jetzt soll mit einem 400-Millionen-Dollar-Programm das Interesse an diesen Disziplinen wieder geweckt werden.
Die amerikanische National Science Foundation (NSF) berichtet, dass 1999 nur noch etwas über 16 000 Amerikaner promovierten. Zwar wurden an den US-Universitäten rund 26 000 Doktortitel verliehen, doch annähernd 10 000 davon gingen an Ausländer. Noch mehr Sorge bereitet den Amerikanern, dass ein Drittel der in den USA arbeitenden promovierten Akademiker im Ausland geboren wurde und diese möglicherweise in ihre Heimatländer zurückkehren, sollten sich die Verhältnisse dort spürbar verbessern.
Bei den Natur- und Ingenieurwissenschaften ist die Situation noch prekärer, hier ging die Zahl im Jahre 1999 von 19 500 auf 18 000 zurück. Auch bei den nicht-promovierten Naturwissenschaftlern und Ingenieuren fallen die USA im internationalen Vergleich weiter zurück. Bei den 24-Jährigen, die über einen entsprechenden Abschluss verfügen, lagen die USA 1975 noch auf dem dritten Platz – heute ist es nur noch Platz 13.
Diese Zahlen haben inzwischen das amerikanische Parlament alarmiert. „Fast jeder Job in diesem Land hat einen Bezug zu Wissenschaft und Technik, aber es gibt immer weniger, die etwas davon verstehen“, sagte der republikanische Abgeordnete Sherwood Boehlert aus New York. Er ist der Initiator einer Gesetzesvorlage „Tech Talent Act“ (TTA), die mit fast 400 Mio. Dollar ausgestattet werden soll. Mit diesem Geld sollen die Universitäten ihre Werbung für die Technik professionalisieren, mehr Stipendien vergeben und mehr in ihre Ausstattung investieren.
Diese massive Unterstützung der technischen Fakultäten scheint notwendig, denn nach Meinung vieler US-Wissenschaftler ist das schwindende Technikinteresse auf eine falsche Budgetpolitik in den letzten Jahren zurückzuführen. Prof. Anita Jones vom Institut für angewandte Ingenieurwissenschaften an der Universität von Virginia in Charlottesville meint, dass sich die US-Politik zu stark auf die Förderung der Bio-Wissenschaften konzentriert hat. „Man kann nicht immer nur predigen, dass die Zukunft in der Biotechnologie liegt, denn ohne leistungsstarke Computer ist keine Genanalyse möglich“, schrieb sie in einer Uni-Zeitung. Auch Richard Tapia, Mathematik-Professor an der Rice-Universität in Houston, Texas, und Berater der US-Regierung meinte: „Die Regierung hat in den letzten Jahren zu kurzsichtig gehandelt, als sie die Förderung der Ingenieurwissenschaften so weit zurückfuhr.“ Seiner Einschätzung nach werden die USA in vielen Bereichen der Naturwissenschaften hinter Europa und vor allem Asien zurückfallen.
Technologie-Kommentator Donald Hegland glaubt dagegen, dass der Interessens-Rückgang an den Naturwissenschaften einen ganz anderen Grund hat als die mangelnden öffentlichen Gelder. Er vermutet, dass es an einem neuen unrealistischen Weltbild bei vielen Amerikanern liegt. „Über 60 % der Amerikaner glauben fest an außerirdische Wahrnehmungen und übernatürliche Kräfte, da bleibt für Logik und methodisches Denken nicht mehr viel Raum“, schrieb er in der Zeitschrift „Assembly“.
Was auch immer die wahren Ursachen sein mögen, an den Ingenieur-Gehältern kann es kaum liegen, denn mit einem Durchschnitts-Jahresgehalt von 70 000 Dollar für einen Diplomingenieur und 79 000 Dollar für einen promovierten Ingenieur führt diese Gruppe die Gehaltsstatistiken aller US-Akademiker an.
Ob allerdings durch eine massive Förderung der Naturwissenschaften die Zukunft der amerikanischen Volkswirtschaft besser abgesichert werden kann, wird inzwischen von vielen renommierten Wissenschaftlern angezweifelt. Nach Ansicht von US-Notenbankchef Alan Greenspan sollte die Hochschulausbildung viel liberaler gestaltet werden und den gleichen Platz für alle erdenklichen Disziplinen bieten. Nach Greenspans Meinung können sich die USA in Zukunft auf den Weltmärkten „nur durch eine intensive Zusammenarbeit der verschiedensten Fachgebiete behaupten“.
Ganz ähnlich sieht es auch Donald Hegland: „Naturwissenschaften sind eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für eine erfolgreiche Zukunft unser Volkswirtschaft“, kommentierte er die Situation ganz im Sinne einer mathematischen Beweisführung. HARALD WEISS

Ein Beitrag von:

  • Harald Weiss

    Freier IT-Journalist, IT-Analyst und IT-Consultant in Kaiserslautern. Nach verschiedenen Positionen in Softwareentwicklung,  MarCom und PR, 17 Jahre President New York Reporters in New York. Seit 2016 freischaffend wieder in Deutschland.

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