Hochschule

Prominenz berät die Wissenschaft  

Freiheit für deutsche Hochschulen! Mit der wachsenden Autonomie einher geht die Wandlung von staatlich geprägten Einrichtungen zu mehr oder minder selbstbestimmten Unternehmen. Eine wichtige Funktion nehmen die Hochschulräte ein, deren Aufgaben in NRW mit denen von Aufsichtsräten vergleichbar sind. Kritiker aber fürchten, damit sei weniger statt mehr Demokratie verbunden.

Das Misstrauen gegenüber staatlichen Reglementierungen hat in der deutschen Hochschullandschaft Tradition. Der Freiheitsgedanke war immer schon stark mit den Idealen Wilhelm von Humboldts verknüpft, dessen These, je mehr der Staat mitwirke, „desto ähnlicher ist nicht bloß alles Wirkende, sondern auch alles Gewirkte“, ein Szenario wissenschaftlicher Gleichmacherei heraufbeschwor.

Gert Kaiser sieht das Ende dieser staatlichen Bevormundung kommen. An die Stelle des Misstrauens rücke eine „neue, verheißungsvolle Hochschulpolitik“, in der sich der Staat zurücknehme und den Hochschulen die Gestaltung überlasse. Diese Entwicklung, so der Präsident des Wissenschaftszentrums NRW, sorge bundesweit für Staunen. „Andere Bundesländer schauen verblüfft auf Nordrhein-Westfalen und fragen sich: Was ist los mit euch? Wollt ihr etwa vorne sein?“

Das bevölkerungsreichste Bundesland war bislang gerade in der Hochschulpolitik Synonym für Masse statt Klasse. Das neue Hochschulfreiheitsgesetz, das in NRW seit Anfang des Jahres in Kraft ist, soll dies ändern. „In Zeiten der Hochgeschwindigkeitsglobalisierung reicht das Mittelmaß nicht mehr aus“, sagte Innovationsminister Andreas Pinkwart (FDP), personifizierter Motor der Hochschulautonomie, auf einer Veranstaltung in Düsseldorf, die über die neuen Leitungsstrukturen an NRW-Hochschulen informierte.

Begriffe wie Freiheit, Autonomie, Wettbewerb und Spitzenleistung prägten die Rede des Ministers. Die Prinzipien „modernen Managements“ hatten das Wort: Das Hochschulfreiheitsgesetz sorge dafür, das „Beharrungsvermögen interner Kräfte“ zu verringern. Ziel ist letztlich die unternehmerische Hochschule.

Und zu einem Unternehmen gehört ein Aufsichtsrat, der in der Wissenschaftswelt jetzt sinngemäß Hochschulrat heißt. Während der Rektor wie ein Vorstandsvorsitzender agiert, die Universität Kredite aufnehmen und sich an Unternehmen beteiligen kann, Studiengänge schließen und neue eröffnen sowie Professoren eigenmächtig berufen kann, berät und kontrolliert der Hochschulrat, zumindest an NRW-Hochschulen, das Geschehen. Sollte ihm das Treiben zu bunt werden, hat er sogar das Recht, den Rektor vor die Tür zu setzen.

Ähnlich freiheitlich halten es bislang nur die Bayern, während die TU Darmstadt in Hessen lediglich den Status einer Modellhochschule genießt, Berlin sich noch in der Erprobungsphase einer neuen Leitungskultur befindet und Niedersachsen sich auf eine Erlaubnis für Hochschulen verständigt hat, in Stiftungen überzugehen. In Bremen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern etwa haben Hochschulräte kein Recht zur Wahl und zur Absetzung der Hochschulführung. Bundesweit entspricht kein Länderhochschulgesetz dem anderen.

Gibt es aber das ideale Modell? Auf solche Fragen gibt die Praxis gewöhnlich die beste Antwort. So weit aber sei es noch nicht, sagte Margret Wintermantel in Düsseldorf. Viele Ministerien befänden sich im Findungsprozess. Eines aber steht für die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) fest: „Das nordrhein-westfälische Modell geht der HRK zu weit.“ Der Hochschulrat sollte nicht als Ersatzministerium oder als Dienstvorgesetzter fungieren, sondern seine Kompetenzen im Einklang mit den strategischen Entscheidungen des Präsidiums nutzen.

In eine ähnliche Richtung stieß die Kritik von Jürgen Mittelstraß, Vorsitzender des österreichischen Wissenschaftsrates, der aus den „Niederungen der Erfahrungen“ als Hochschulrat an der Uni Erlangen-Nürnberg berichtete. Der Rat sollte kein neuer Schreibtisch sein, der verwaltet, sondern ein Gremium, das bewegt, ein „Konditionstrainer“, der der Hochschule mit kritischer Distanz „Beine macht“ und sie aus verkrusteten Strukturen löst.

Voraussetzung dafür, dass auch unpopuläre Entscheidungen eine Chance hätten, sei die rein externe Zusammensetzung des Rates. Mittelstraß: „Denn welches Institut, welche Fakultät hebt sich schon selbst auf?“ Dennoch sollten die Mitglieder eine emotionale Nähe zu „ihrer“ Hochschule haben, sei es, dass sie einst selbst hier lernten und forschten oder ihr Wissen später an die Hochschule weitergaben.

Die biografische Beziehung zur Universität betonte auch Hans Ulrich Gumbrecht, Professor an der Stanford University und Hochschulrat an der Uni Greifswald. Dabei sollten immer die eigenen wirtschaftlichen Interessen hinten anstehen. Prominente Mitglieder täten der Corporate Identity gut (TV-Moderatorin Sabine Christiansen ist im Universitätsrat Rostock), wichtiger sei aber die Nähe zur Hochschule.

Wie ein sechs- bis achtköpfiger Hochschulrat idealerweise für eine Fachhochschule zusammengesetzt sein könnte, skizzierte Prof. Martin Sternberg, Rektor der FH Bochum: mindestens zwei Vertreter der Wirtschaft, ein FH- sowie ein Universitätsmitglied, ein Experte aus dem Bankenwesen und ein Mitglied der Stadt.

Die Nähe zur TU Braunschweig veranlasste Helmut Streiff, sich im dortigen Hochschulrat zu engagieren. „Ich habe in Braunschweig studiert und festgestellt, dass tatsächlich noch einige Baustellen aus meiner Studienzeit vorhanden sind.“

Im Hochschulrat sieht sich der Chef der Streiff & Helmold GmbH (ein Verpackungsunternehmen) und Vize-Präsident der IHK Braunschweig als Berater und Bindeglied zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Ein Beispiel: „Ich habe den Neujahrsempfang der IHK genutzt, um ihn im Audimax der Uni zu veranstalten und dorthin auch die Vertreter der Wirtschaft eingeladen, die sich dann zur Unterstützung einiger Institute bereit erklärten.“

Gerd Kleinert, Vorstandsvorsitzender der Kolbenschmidt Pierburg AG und Hochschulrat an der TU Kaiserslautern, sieht seine Aufgabe primär nicht darin, die Politik der TU zu beeinflussen. „Es ist natürlich und auch gewollt, dass in den Diskussionen zu unterschiedlichen Themen auch einmal die Sicht eines Industrieunternehmens und möglicherweise späteren Arbeitgebers geschildert wird. Hinzu kommt, dass mir aus meiner eigenen Assistentenzeit am Lehrstuhl für Kraft- und Arbeitsmaschinen natürlich auch Belange, Sorgen und Nöte der Institute noch sehr gut in Erinnerung sind.“ Kleinert schließt ein finanzielles Engagement der Hochschulräte „zum Wohle von Forschung und Lehre“ nicht aus.

Während die meisten Hochschulleitungen die Einmischung von außen als belebendes Element begrüßen oder sich zumindest mit dieser Funktion abgefunden haben, fürchten Kritiker wie die Studierenden des Gießener „Arbeitskreis Bildungsperspektiven“ durch den „zunehmend um sich greifenden Neoliberalismus“ einen „massiven Eingriff in die demokratische Verfassung der Universität“.

Auch der Senatsvorsitzende der Uni Duisburg-Essen, Othmar Haberl, ist skeptisch. Der Hochschulrat mit gemischter Zusammensetzung könnte sich zu einem Überrektorat entwickeln, das die traditionelle Leitung zum reinen Ausführungsorgan degradiere. „Sind die Hochschulangehörigen im Hochschulrat weniger souverän, bilden sie womöglich nur eine Staffage, hinter der sich die externen, aber einflussreichen Mitglieder des Hochschulrates gut verstecken können.“ W. SCHMITZ

Von W. Schmitz

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