Hochschule

Prof. Dr. Schlendrian in Nöten

Mit einer neuen Rechtsverordnung will das Land sie verpflichten, mehr Präsenz an den Hochschulen zu zeigen.

Professor Hajo Schmidt ist keine Zierde seines Berufsstandes. Das finden jedenfalls seine Kollegen an der Universität Heidelberg, die ihn nur selten sehen – und dann meist im Fernsehen.
Schmidt macht seit geraumer Zeit als „Professor Holiday“ Furore, weil er schon jahrelang seine Lehrverpflichtungen auf einen zweiwöchigen Segeltörn im Mittelmeer konzentriert – mit Taucherexkursionen zur Erforschung der Unterwasserwelt. Ansonsten tritt er in der Lehre kaum in Erscheinung, publiziert auch keine wissenschaftlichen Arbeiten mehr.
Andere Professoren reagieren verständnislos auf seine maritimen Dienstfahrten. Schmidt sei „in jeder Hinsicht hier das Schlußlicht am Fachbereich“, sagte der Heidelberger Biologie-Dekan Mark Stitt im Stern. Für die Kritik hat der 62jährige Meeresbiologe eine einfache Erklärung: „Ich soll rausgeekelt werden.“ Doch inzwischen ist auch Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Klaus von Trotha der Geduldsfaden gerissen. Schmidts Bezüge wurden gekürzt, die Entscheidung über disziplinarrechtliche Maßnahmen steht noch aus.
Der Meeresbiologe auf Tauchstation – ein krasser Fall. Doch auch anderswo ist die Lehre an den Hochschulen ins Gerede gekommen. Bildungspolitiker wie Studentenvertreter werfen Professoren vor, es im Windschatten ihrer Privilegien mit den Dienstpflichten nicht so genau zu nehmen. Die sind in den Gesetzen klar geregelt: Das Lehrdeputat an Fachhochschulen liegt bei 18 Stunden pro Woche, an den Universitäten lediglich bei acht Stunden – und nur während der Semester, also rund sieben Monate im Jahr. Hinzu kommen natürlich Aufgaben in der Forschung und der akademischen Selbstverwaltung.
Weil aber die Freiheit der Wissenschaft im Grundgesetz verbrieft ist und es kaum Kontrollen gibt, haben Hochschullehrer mit chronischer Lehr-Allergie viele Möglichkeiten, ihren Arbeitsaufwand zu reduzieren. Sie spezialisieren sich zum Beispiel auf Wochenendseminare tief in den Semesterferien, halsen lästige Veranstaltungen im Grundstudium den Assistenten auf oder lassen sie kommentarlos ausfallen. Wer nicht in der Nähe der Hochschule wohnt, legt seine Seminare mitunter auf ein, zwei Tage pro Woche.
Schlendrian in der Lehre will Nordrhein-Westfalen jetzt mit einer neuen Rechtsverordnung stoppen: Professoren sollen künftig an mindestens vier Tagen pro Woche an der Hochschule präsent sein und ihre Lehrveranstaltungen an mindestens drei Tagen anbieten. Damit prescht NRW vor. Denn die meisten anderen Bundesländer belassen es bislang bei unverbindlichen Empfehlungen, um sich nicht mit der Professorenlobby anzulegen.
Die Verordnung löste recht unterschiedliche Reaktionen aus. Der Deutsche Hochschulverband etwa, die Standesorganisation von Universitätsprofessoren, sieht die Hörsaal-Verweigerer als wenige „schwarze Schafe“ in einer riesigen Herde fleißiger und pflichtbewußter Dozenten. Alle Hochschullehrer zu maßregeln, hält DHV-Sprecher Kristijan Domiter für „zumindest psychologisch ungeschickt“. „Auf Bürokratismus reagieren Professoren empfindlich, die Fakultäten können das Problem besser selbst regeln“, meint er.
Auch den Bielefelder Statistiker Peter Naeve „stört es gewaltig“, daß Professoren jetzt vier Tage pro Woche an der Uni verbringen sollen – weil ich jede Woche fünf Tage da bin“. Naeve findet es „unendlich traurig“, wenn die Anwesenheit per Gesetz vorgeschrieben werden muß: „Das Klima wird sich ändern“, befürchtet er, „der nächste Schritt wäre die Einführung einer Stechuhr – für eine Universität völlig wesensfremd.“
Die erwarteten Tumulte unter den NRW-Professoren blieben indes aus. Wie für Peter Naeve ist es auch für viele seiner Kollegen selbstverständlich, in der Vorlesungszeit nicht wegzufahren und für die Studenten ansprechbar zu sein. An den Fachhochschulen bindet die hohe Lehrverpflichtung die Dozenten ohnehin an den Ort, und auch an den universitären Technik-Fakultäten sind kleine Fluchten schwer möglich.
„Als der Dekan die Verordnung im Fakultätsrat verlesen hat, gab es Schmunzeln und Gelächter“, sagt Reinhard Bergmann von der Ruhr-Universität Bochum. Die Ingenieurwissenschaftler, so der Dekanats-Geschäftsführer, seien bei Forschungsprojekten auf enge Kontakte zu den Assistenten und Doktoranden angewiesen, „dafür muß man täglich im Büro und in den Labors sein“. Der Vorstoß ziele mehr auf die Geisteswissenschaften, vermutet Bergmann: „Ingenieure sind dafür sicher die falschen Adressaten.“
Einem Geisteswissenschaftler verdanken die Hochschulen letztlich auch das neue Regelwerk. Das NRW-Wissenschaftsministerium räumt offen ein, daß es sich um eine Art „Lex Glaser“ handelt. Denn mit dem Essener Literaturwissenschaftler Horst Albert Glaser liegt das Land seit Jahren im Clinch. Er brach mehrfach mitten im Semester zu ausgiebigen Dienstreisen auf, was mit Disziplinarmaßnahmen bestraft wurde – zu Unrecht, wie Gelsenkirchener Richter entschieden. Ihrer Auffassung nach können Professoren selbst entscheiden, welchen ihrer Aufgaben in Forschung und Lehre sie den Vorzug geben.
Durch ihre Rechtsverordnung geht Ministerin Gabriele Behler nun gegen derart laxe Lehr-Moral vor. Ob die Kontrolle klappt, muß sich im Hochschulalltag erst zeigen. „Den Professor, der nur montags anreist, wird es nicht mehr geben“, zeigt sich Behler zuversichtlich. Und ihr Staatssekretär Wolfgang Lieb sekundiert mit spontaner Grammatik-Interpretation: „Es gibt Professoren, die Freiheit von Forschung und Lehre als Genitiv begreifen – nämlich frei zu sein von Forschung und Lehre.“
JOCHEN LEFFERS
Professor Hartmut Schiedermair, Präsident des Hochschulverbandes, glaubt, daß nur wenige „schwarze Schafe“ sich vor der Lehre drücken.
Ministerin Gabriele Behler: „Den Professor, der nur für einen Tag anreist, wird es nicht mehr geben.“

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