Hochschule 06.12.2002, 18:22 Uhr

Pionierinnen rücken Klischees zu Leibe

Vorurteile sind mitunter so hartnäckig, dass sie auch längst überholten Klischees standhalten. Deshalb haben es Frauen auch heute noch schwer, im Ingenieurberuf Fuß zu fassen. Insbesondere, wenn sie ausländischer Herkunft sind.

Bevor sie sich zum ersten Mal trafen, ging es um reine Formalien, jede der beiden Frauen füllte einen Fragebogen aus. „Danach haben wir uns beschnuppert und ganz locker Erfahrungen ausgetauscht“, erzählt Bauingenieurin Mareike Breßer (28). Schließlich musste für ihre Kooperation die Chemie stimmen. Doch Sympathie war zwischen ihr und der Bauingenieur-Studentin Ayten Kumtepe (24) sofort zu spüren, und so wurden die beiden Mentorin und Mentee.
Die Jüngere lernt nun von der Älteren, worauf es im Studium und beim Berufseinstieg ankommt. Gerade als Frau in einer Männerdomäne ist das wichtig. Durch die Begegnung mit der Mentorin soll Ayten Kumtepe lernen, „offensiv und selbstbewusst zu agieren“. Weibliche Vorbilder sind da die besten Vermittlerinnen.
Mareike Breßer und Ayten Kumtepe nehmen am Mentorinnenprogramm der Essener Universität teil. „Meduse ohne Grenzen“ richtet sich an Studentinnen, die aus nichtdeutschen Familien kommen. Die Eltern sind türkischer Herkunft wie bei Ayten Kumtepe, andere stammen aus Griechenland, Bosnien und Kroatien. Das Programm gehört zum großen Mentorinnen-Netzwerk der Universität, das auch deutschen Studentinnen offen steht.
„Meduse ohne Grenzen“ läuft seit Sommer 2002. Zum Programm gehören auch Workshops und Vorträge zu Themen wie Präsentationstechnik, Rhetorik und Kommunikation. Kürzlich haben Land und Universität die Finanzierung bis Ende 2004 zugesagt.
Dreizehn Mentorinnenpaare sind bislang zusammengekommen, fünf davon kommen aus den Ingenieurwissenschaften. Dieser hohe Anteil spiegelt das bemerkenswerte Ergebnis einer Studie des Bundesbildungsministeriums wider: Im Schmelztiegel Nordrhein-Westfalen studieren drei Mal mehr junge Frauen türkischer Herkunft Ingenieurwissenschaften als Frauen aus deutschen Familien. „Diese Frauen sind Pionierinnen“, sagt Dr. Renate Klees-Möller. „Frauen ausländischer Herkunft studieren lieber anwendungsorientiert.“ Sie wollen etwas Handfestes machen und lassen deshalb die Geisteswissenschaften mit ihren oft vagen Berufsperspektiven lieber links liegen, weiß die Leiterin des Meduse-Projektes.
Was sind nun die Gründe für das Projekt „Meduse ohne Grenzen“? Klees-Möller nennt zum einen die steigende Zahl der Studierenden aus nichtdeutschen Familien und die verstärkte internationale Ausrichtung der Universitäten. Doch es gehe bei dem Programm vor allem darum, einer möglichen Benachteiligung entgegenzuwirken. „Eine Frau mit ausländischem Namen hat oft Schwierigkeiten, überhaupt zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden“, sagt Klees-Möller. Dabei sind Vorteile für den Arbeitgeber offensichtlich, unter anderem die Zweisprachigkeit der Kandidatinnen.
Mentee Ayten Kumtepe fühlt sich wegen ihrer türkischen Herkunft bislang nicht stigmatisiert. Die 24-Jährige steht kurz vor dem Diplom und fürchtet eher, ihr Geschlecht werde sich bei Bewerbungen nachteilig auswirken. Mentorin Mareike Breßer, die als Projektmanagerin für Verkehrsanlagen arbeitet, rät: „Man darf sich beim Bewerbungsgespräch nicht verstellen und nicht hart wie ein Mann auftreten.“ Im Gegenteil. Wichtig sei es, dem potenziellen Arbeitgeber klar zu machen: „Es ist ein Vorteil für Sie, eine Frau einzustellen.“ Dazu gehöre die meist größere Fähigkeit der Frau zu Kommunikation und Diplomatie.
Mareike Breßer ist Mentorin geworden, weil es ihr Spaß macht und „es meinem Ego Anerkennung bringt“. Zudem möchte sie natürlich jungen Kolleginnen helfen, trotz der schlechten Wirtschaftslage einen Job zu bekommen. Deshalb hat sie ihrer Mentee geraten, sich Zusatzqualifikationen anzueignen, Praktika zu machen, Sprachen zu lernen. „Ich selbst war im Studium sehr blauäugig“, erinnert sich Breßer. „Darauf hat mich damals niemand hingewiesen. Gottlob habe ich beim Berufseinstieg viel Glück gehabt.“ Gute Noten hätten nämlich viele. Eine Spezialisierung oder Schwerpunktlegung helfe bei der Karriere, insbesondere Frauen. Diese Zusatzqualifikation müsse auch nicht unmittelbar mit der Ausbildung zusammenhängen. „Über diesen Rat war ich sehr erstaunt“, verrät Ayten Kumtepe. Sie will sich jetzt nicht nur darum kümmern, mehr über Qualitätsmanagement und Gesundheitsschutz zu erfahren. Kumtepe hat darüber hinaus ein völlig anderes Projekt begonnen: „Ich gebe türkischen Frauen Deutschunterricht.“ Der Wissensdurst hat damit aber noch kein Ende. Die Türkin kann sich gut vorstellen, bei ihrer Mentorin ein Praktikum zu absolvieren. ANNETTE ZELLNER

Ein Beitrag von:

  • Annette Zellner

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