Internationale Forschung

Physiker als Friedensforscher: Sesame International Research Center

In Jordanien entsteht ein internationales Zentrum für Materialforschung. Dort arbeiten Länder zusammen, die sonst kaum miteinander reden

„Sesame – International Research Center“ lautet die Inschrift über dem mächtigen Portal. Das Akronym steht für „Synchrotron Light for Experimental Science and Applications in the Middle East“. Hier, nahe der jordanischen Hauptstadt Amman, wird ein Teilchenbeschleuniger gebaut. Sesame wird der erste seiner Art im gesamten Nahen und Mittleren Osten sein. Doch bis zum Betriebsbeginn gilt es noch viele Hürden zu überwinden.

Die Idee zu diesem Projekt kam aus Europa. Als 1997 die deutsche Synchrotronanlage Bessy 1 durch eine leistungsstärkere ersetzt werden sollte, setzten sich Herwig Schopper, ehemaliger Generaldirektor am Forschungszentrum Cern, und Gus Voss vom Deutschen Elektronen-Synchrotron (Desy) in Hamburg für eine Schenkung des Bessy-1-Moduls ein – ein Aggregat mit einem geschätzten damaligen Wert von 60 Mio. $. Im Mai 2002 beschloss die Unesco, unter deren Schirmherrschaft das Vorhaben steht, den Baubeginn des Sesame-Centers in Allaan, 30 km nordwestlich von Amman. Noch im selben Jahr wurde das Bessy-1-Modul in den Nahen Osten verschifft.

Bislang strahlen in der weiten Halle allerdings nur Neonröhren von der Decke. Ein Drittel der Anlage sei montiert, erklärt Teilchenphysiker Mohammed Yasser Khalil, Geschäftsführer des Projekts. Bessy 1 sei ein Glücksfall, doch müsse man die Module modernisieren, wenn man später konkurrenzfähig sein wolle. 2015 soll Sesame in Betrieb genommen werden. Ein pünktlicher Start sei aber keineswegs gesichert, sagt Khalil.

Dabei fand das Vorhaben Unterstützung in aller Welt. Weitere Bestandteile für den neuen Beschleuniger wurden gespendet, allein das Daresbury Laboratory in Großbritannien stiftete Komponenten im Wert von 12 Mio. $. Hinzu kamen Beiträge der Unesco, der EU und der USA. Der Staat Jordanien schenkte das Grundstück sowie den Bau von Gebäude und Infrastruktur. Die Ausbildung der Fachkräfte übernehmen Hochschulen und Institute weltweit mittels großzügiger Stipendien. „Über Unterstützung aus der globalen Wissenschaftsgemeinde können wir uns nicht beschweren“, so Khalil.

Und die fiebert dem Start von Sesame entgegen. „Seitdem die Ausrichtungen der ersten drei Strahlenmessstationen feststehen, sind bereits zahlreiche Anträge auf Forschungszeit eingegangen“, erklärt er. „Die Forscher und Studenten der Region müssen demnächst nicht mehr nach Europa oder in die USA ziehen, um an einem Teilchenbeschleuniger arbeiten zu können. Wir wollen die besten Leute bei uns behalten.“

Im Sesame International Research Center soll es interdisziplinär zugehen

Maher Attal von der nahe gelegenen Al-Balqa-Universität in Amman leitet den Instrumenteneinbau. „Mit der Synchrotronstrahlung“, sagt er, „können wir Materialstrukturen viel genauer erkunden als mit herkömmlichen Mikroskopen.“ Die Anwendungen reichen von Molekularbiologie, Medizin, Physik und Chemie über Materialforschung bis zur Energie. „Sogar in der Archäologie kann Synchrotronstrahlung hilfreich sein, etwa bei der Altersbestimmung prähistorischer Funde.“

Interdisziplinär soll es zugehen bei Sesame, und international. „Die Teams werden gemischt sein, Israelis werden mit Palästinensern, Türken mit Zyprioten, Iraner mit Pakistanern zusammenarbeiten“, so Attal.

Auf der anderen Seite des Jordan, im israelischen Rehovot, befindet sich das Weizmann-Institut. Hier hat Irit Sagi den Lehrstuhl für Molekulare Biophysik inne. „Bislang mussten wir für unsere Forschung in die USA oder nach Frankreich reisen“, berichtet sie. Eine Quelle für Synchrotronstrahlen vor Ort zu haben, sei einfach wunderbar. „Seit Beginn der Bauarbeiten hat es nie Probleme mit Kollegen aus anderen Ländern gegeben.“ Auch nicht mit der palästinensischen Delegation, ergänzt sie, als wolle sie der Nachfrage vorgreifen.

„Zwar wurden wir anfangs am Grenzübergang nach Jordanien mit Argusaugen beobachtet, unsere Papiere mit großer Hingabe kontrolliert und unser Gepäck durchleuchtet.“ Doch das habe sich inzwischen gelegt. Die Visa würden von den jordanischen Behörden pünktlich und anstandslos erteilt.

In Shafa Badran, einem neu erschlossenen Stadtteil Ammans, hat Khaled Toukan, der Generaldirektor von Sesame, sein Büro bezogen. Er hat in den USA Kernenergietechnik studiert. Von 2001 bis 2002 war er jordanischer Forschungsminister, später Bildungsminister und seit 2011 ist er Minister für Energie und Bodenschätze. Inzwischen hat Toukan zudem den Vorsitz der jordanischen Atomenergiekommission inne.

Militärische Forschung ist im Sesame International Research Center ausgeschlossen

Wer die Anlage nutzen möchte, muss seine Pläne erläutern. Militärische Forschung sei von vornherein ausgeschlossen. Zudem gebe es die Pflicht zur Veröffentlichung von Protokollen und Ergebnisse der Arbeit so könne die gesamte wissenschaftliche Welt die Forschung bei Sesame einsehen und überwachen.

„Doch bis 2015 sind einige Hindernisse zu überwinden“, weiß Toukan. Vor allem die Finanzierung sei problematisch. Inzwischen rechne man mit bis zu 5 Mio. $ Unterhaltskosten pro Jahr. Auch seien Zusagen der EU und der USA zur Aufstockung der Mittel noch nicht umgesetzt worden.

Es sind ausgerechnet die Staaten, die auf der politischen Bühne sonst kaum Willen zur Zusammenarbeit erkennen lassen, die die höchsten Beiträge leisten. Allein die Türkei und Israel haben im Zeitraum von 1999 bis 2009 823 Mio. $ bzw. 793 Mio. $ zum Budget des Projekts beigetragen es folgen Ägypten mit 555 Mio. $ und der Iran mit 500 Mio. $.

Doch die hohen Beiträge eben dieser Staaten sind es, die sich als die Schwachpunkt erweisen könnten. Welche Folgen hätte es, würde ein zahlungskräftiger Mitgliedsstaat seine Beiträge einfrieren mit Verweis auf geänderte politische Bedingungen? Toukan beruft sich auf Zusagen aller Mitgliedsländer, die eigenen Beiträge gegebenenfalls aufzustocken, um Budgetlöcher zu stopfen. Doch wie belastbar sind solche Versprechungen in politisch unruhigen Zeiten?

Krisenregion Naher Osten macht Sesame zu einem tollkühnen Unterfangen

Toukan bleibt optimistisch. „Wir haben die Golfkriege und die zweite Intifada überstanden, ohne dass sich am Willen der Staaten zur gemeinsamen Forschung etwas geändert hätte. Immer waren es die Wissenschaftsgemeinden in den Ländern, die auf eine Zusammenarbeit gedrungen haben.“ Doch was wäre, wenn es sogar zum Krieg unter den Mitgliedsstaaten käme, etwa zwischen Israel und dem Iran? Es sind solche kritischen Prognosen, die das Projekt als ein recht tollkühnes Unterfangen und Toukans sympathischen Optimismus als etwas blauäugig erscheinen lassen.

Wer in Zeiten der Rebellion in vielen arabischen Staaten und der zunehmenden Eskalation zwischen Israel und Iran von einer freundschaftlichen Partnerschaft aller Länder der Region erzählt, läuft Gefahr, als Utopist verlacht zu werden. Vielleicht braucht die Region gerade Ideen wie Sesame, damit die Menschen zueinander finden.

Von Frank Odenthal

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