Hochschule

Pfiffige junge Leute wählen Qualität, nicht Gebührenfreiheit

VDI nachrichten – Mit den Studiengängen Bachelor und Master soll der nationale Hochschulraum zu einem europäischen werden. Der Titel „Dipl.-Ing.“ hat in diesem Reformprozess seine Existenzberechtigung, wie Wolfgang A. Herrmann, Präsident der TU München, im Gespräch mit den VDI nachrichten betont.

VDI nachrichten: Prof. Herrmann, alle Welt redet von Bachelor und Master, Sie vom Diplom. Warum?
Herrmann: Für mich ist der Titel „Dipl.-Ing.“ das legendäre deutsche Markenzeichen. Es muss erhalten bleiben. Gleichzeitig treibe ich die zweizügige Ausbildung Bachelor/Master als moderne, vorteilhafte Studienstruktur voran. Der Bologna-Prozess macht sinnvolle Vorgaben, um die Internationalisierung unserer Abschlüsse, Wechselmöglichkeiten in andere Studiengänge sowie den Wiedereinstieg aus dem Berufsleben zu fördern. Der Abschlusstitel „Dipl.-Ing.“ soll dennoch bleiben. Er stellt – auch im Ausland – einen Qualitätsbegriff dar.

Wolfgang A. Herrmann
…ist seit 1995 Präsident der Technischen Universität München (TUM). Der 56-Jährige Professor leitet an der TUM den Lehrstuhl für Anorganische Chemie.

Warum haben Sie jetzt, nachdem der Bologna-Prozess bereits seit mehr als sechs Jahren läuft, die Diskussion neu entfacht?
Herrmann: Ich will ein Signal an die deutschen Ingenieure senden: Wir respektieren euer hohes Ausbildungsniveau und nehmen uns mit dem Erhalt des Gütezeichens für die Ausbildung nach den Bologna-Kriterien genauso in die Pflicht wie bisher. Wenn wir den Ingenieuren von Anfang an gesagt hätten, das Markenzeichen „Dipl.-Ing.“ bleibt erhalten, dann hätten wir uns in der Bologna-Reformdiskussion leichter getan. Wer will schon einen Mercedes, dem der Stern fehlt!

Sind Politik, Unternehmen und Verbände hilfreiche Partner bei der Umsetzung der Reformen?
Herrmann: Die Wirtschaft hat sich anfangs wenig um den Bologna-Prozess gekümmert. Auch die Verbände waren zurückhaltend bis unsicher. Das war eine schwierige Situation für die Universitäten: einerseits ermutigt zu werden, „berufsbefähigte Bachelors“ auszubilden, andererseits keine Berufsmärkte für die neuen Absolventen in Sichtweite zu haben. Neben dem Mandat zu Ausbildung und Forschung haben wir Verantwortung gegenüber den jungen Menschen. Es ist nicht primäre Aufgabe der Universitäten, Abschlüsse auf niedrigem Niveau zu generieren, um die forschungsnahe Ausbildung zu vernachlässigen. Ich wehre mich, den Bachelor als Regelabschluss einer Universität zu etablieren. Wäre es so, dann verfehlten die Universitäten ihre Mission.

Die Politik sähe gerne, dass weniger junge Menschen den Master anstreben, weil das längere Studium den Staat teuer zu stehen kommt.
Herrmann: Wir haben zu viele Studenten an den Universitäten, die dem Auftrag zur wissenschaftlichen Ausbildung nicht entsprechen. Der Staat darf nicht anfangen, Universitäten auf Kurzstudiengänge zu kastrieren. Das würde sich durch einen Rückgang an wissenschaftlicher Forschung rächen.

Was ist mit der Idee einer University of Munich, der Zusammenlegung von TUM und Ludwig-Maximilians-Universität?
Herrmann: Dieser Ansatz bedürfte völlig neuer Binnenstrukturen. Es müsste sich über viele Jahre eine gemeinsame Corporate Idendity entwickeln. Man soll aber vor keinem noch so großen Thema zurückschrecken, sonst bewegt man nichts.

Bei einer Fusion stünden Geistes- und Ingenieurwissenschaften schwesterlich nebeneinander.
Herrmann: Das Zusammenwirken der Geistes- mit den Ingenieurwissenschaften ist ein dringendes Gebot für die Konkurrenzfähigkeit unseres Landes. Wir können die beste Antriebsturbine bauen und die beste Genforschung haben – wenn wir die Traditionen fremder Kulturen nicht verstehen und wertschätzen, werden wir nicht konkurrenzfähig sein. Im Sinne eines Studium generale gehören geistes- und gesellschaftsrelevante Inhalte an eine moderne Technische Universität. Wir versuchen dies an der TU München mit der Carl von Linde-Akademie.

Werden Sie ab nächstem Semester 500 € Studiengebühren verlangen können?
Herrmann: Das glaube ich nicht. Ich befürworte Studienbeiträge, aber ich bin gegen eine Einheitsgebühr. Ich bin für differenzierte Studiengebühren, strikt nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Leistung und Gegenleistung. Man muss mit dieser Chance gut umgehen. Deshalb halte ich einen Schnellschuss von 100 €, 500 € oder irgendeinem Eurobetrag nicht für zielführend. Wir sollten das Niveau einzelner Studiengänge definieren und vom Status quo ausgehend die für das jeweilige Niveau erforderliche Kostenbeteiligung der Studierenden festlegen. Wenn der Student sieht – und garantiert bekommt -, was er für sein Geld an Studienangebot zu erwarten hat, wird er auch seinen Kostenbeitrag leisten. Andererseits müssen wir sicherstellen, dass auch der ärmste Student an der besten Universität studieren kann, wenn er den Grips dazu hat. Also müssen sozialverträgliche Darlehenssysteme her, die transparent und praktikabel sind. Die TU München hat ein Darlehensmodell eingeführt, das – unabhängig von Studiengebühren – die Lebenshaltungskosten in München finanziert.

Ein Maschinenbaustudium wäre Ihrem Konzept entsprechend teurer als ein Wirtschaftsstudium. Schreckt das neben den hohen Lebenshaltungskosten in München junge Leute aus weniger wohlhabenden Elternhäusern nicht noch zusätzlich ab?
Herrmann: Wir erkennen, dass Unentgeltlichkeit zur Zweitklassigkeit führt. Grund dafür ist die bislang fehlende Wettbewerbsfähigkeit, die nur durch das Prinzip von Leistung und Gegenleistung zu fördern ist. Ein Hochschulstudium ist eine Lebensinvestition, die viele Vorteile verschafft. Die Universitäten müssen ihren Studenten klarmachen, was ihnen auf welchem Niveau geboten wird und dass der Kostenbeitrag gerechtfertigt ist. Das muss verbindlich und glaubwürdig sein. Erstmals werden Studenten durch Kostenbeiträge unmittelbare Steuerungseffekte auf die Studienqualität ausüben. Freilich müssen an staatlichen Hochschulen die Studienbeiträge gesetzlich gedeckelt und Darlehenssysteme angeboten werden, bei denen die Rückzahlungen nach Ende des Studiums erfolgen und erst dann, wenn der Absolvent ein gewisses Mindesteinkommen erreicht hat.

Sind Sie guter Dinge, dass die Studiengebühren auch an der Hochschule verbleiben?
Herrmann: Da kann man schon ins Grübeln geraten. Auch in Bayern schluckt der Finanzminister die soeben eingeführte „Verwaltungsgebühr“. Die Beiträge der Studierenden werden direkt und nachhaltig wirken, wenn die Universitäten Wissenschaftsunternehmen werden. Wenn sie also ihre Belange, orientiert an Zielvereinbarungen, selbst in der Hand haben. Säulen dieses unternehmerischen Systems sind werthaltige Globalhaushalte, Drittmittel für Forschung aus Industrie, DFG etc. sowie Drittmittel für die Lehre von den Studierenden. Auch Sponsoren und Mäzene werden sich im Zuge des Wettbewerbs mit den stärksten Universitäten identifizieren. Der Bund sollte das Stiftungssteuerrecht so modernisieren, dass jeder Euro, den der Bürger in Bildung investiert, steuerfrei bleibt. Auch die Kindergeldanteile müssen über die Studienbeiträge in das Hochschulsystem hinein. Zu diesen Themen hört man von der Politik nichts.

Ist die Idee der Elite-Unis gestorben?
Herrmann: Ich plädiere dafür, dass alle Bundesländer sich in einem Staatsvertrag einigen, an Brennpunkten der Welt deutsche Universitäten gemeinsam mit den jeweiligen Staaten zu etablieren, etwa in Indien, in China, in Südamerika. Auch eine „deutsche ETH Zürich“ wäre nicht schlecht, dann begänne aber in den Bundesländern wieder der Streit über den Standort. Da hat der Föderalismus seine Grenzen, so wertvoll er im Wettbewerbsgeschehen ist.

In dieser Art des Wettbewerbs werden die ärmeren Bundesländer das Nachsehen haben.
Herrmann: Die Ängste sind nachvollziehbar. Wir werden uns aber an den Bildungswettbewerb gewöhnen müssen und an den Gedanken, dass eine schwache Hochschule außer Betrieb gesetzt statt ewig durchgefüttert wird. Das ist der Preis des Wettbewerbs.

Wird es zur Studentenwanderung kommen, die Wissenschaftsminister Zöllner vorhersagt?
Herrmann: Es wird nicht zur Studentenwanderung von Gebührenländern in gebührenfreie Länder kommen. Im Gegenteil: Wir haben es mit pfiffigen jungen Leuten zu tun, die dorthin gehen, wo ein niveauvolles Studium wartet – und das sind nicht die gebührenfreien Länder. Das Gleiche gilt für Studenten aus dem Ausland. Sie werden sich für das Studienangebot mit dem besten Renommee und der besten Betreuung entscheiden, und nicht für unentgeltliche Zweitklassigkeit.

In München hört man, Sie werden neuer bayerischer Wissenschaftsminister.
Herrmann: Davon sollte ich etwas wissen. Im Ernst: Ich habe hier an der TU München einen wundervollen Job, der mir immer mehr Freude macht.

Von Wolfgang Schmitz

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