Hochschule

Neues Begleitboot für das Schweizer Flaggschiff

VDI nachrichten, Zürich, 29. 10. 04 -Die „Science City“ an der ETH Zürich soll keineswegs nur eine Stätte für Lehre und Forschung sein. Das in der Bevölkerung umstrittene Projekt ist als „Stadtquartier für Denkkultur“ geplant, in dem die Bevölkerung auf einer Augenhöhe mit wissenschaftlichen Größen diskutiert.

Branco Weiss ist 75 Jahre alt, klein, etwas rundlich und entspricht auf den ersten Blick nicht der Vorstellung eines überaus erfolgreichen Geschäftsmannes. Er ist es aber. Glaubt man Insidern, rangiert Weiss mit einem Vermögen zwischen 500 Mio. Franken und 600 Mio. Franken unter den 300 reichsten Schweizern. Der diplomierte Chemie-Ingenieur und einstige Gründer der Kontron AG hat sein Geld vor allem auch als Risikokapitalgeber gemacht. Der Wahl-Schweizer, geboren in Zagreb, gilt bei seinen Kritikern als kompromisslos und als Machtmensch, der über seine Geldspenden Anerkennung suche.
An der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) Zürich gibt man nicht viel auf solche Worte. Hier genießt Branco Weiss großes Ansehen, schließlich zeigte sich der „Donator“, wie Spender in der Schweiz heißen, gegenüber der renommierten Hochschule besonders großzügig: 23 Mio. Franken überwies Weiss vor einigen Monaten auf das Konto der ETHZ, um damit einem ehrgeizigen Projekt auf die Sprünge zu helfen. Im Jahre 2010 soll auf dem Außengelände der Hochschule, dem Campus Hönggerberg, die „Science City“ fertig gestellt sein.
Der Standort soll keineswegs nur eine quantitative wissenschaftliche Erweiterung der bereits auf hohem Niveau befindlichen Lehre und Forschung an der ETHZ sein, er soll zum „Stadtquartier für Denkkultur“ ausgebaut werden. Forscher aus aller Herren Länder, Lehrende und Studenten sollen mit dem kleinen Mann von der Straße über die Bedeutung von Naturwissenschaften und Technik diskutieren, sie sollen hier wohnen, ihre Einkäufe tätigen und Sport treiben. In sechs Jahren sollen auf dem Hönggerberg 10 000 Menschen leben. „Die Science City wird ein Ort der Identifikation mit der Bevölkerung“, sagt Prof. Gerhard Schmitt, als Vizepräsident für Planung und Logistik an der ETHZ der Hauptorganisator des Projektes. „Wissenschaftliche Schwerpunkte bilden die Life Sciences, die Informationswissenschaften, die Architektur sowie die Umweltwissenschaften.“ Das neue Forschungs- und Lehrlabor für Informationswissenschaften (Informations Science Lab) macht den Anfang bei der Erweiterung des Geländes. Die Baukosten, die Weiss mit seiner Spende zur Hälfte trägt, belaufen sich auf rund 46 Mio. €. Das Laboratorium soll 2006 seine Arbeit aufnehmen.
Die Science City stellt für die Leitung der ETH Zürich einen wesentlichen Meilenstein dar, um große strategische Ziele zu verwirklichen. Im allseits anerkannten weltweiten Uni-Ranking der Shanghai Jiao Tong University landete die ETH Zürich zwar als beste europa-kontinentale Hochschule hinter vielen US-amerikanischen und britischen Universitäten auf Platz 27, will sich auf diesem Lorbeer aber keinesfalls ausruhen. Mittelfristiges Ziel auf dem Flaggschiff der Schweizer Hochschulen ist es, unter die Top Ten zu kommen.
Der architektonische Ausbau des Hönggerbergs, gegen den große Teile der Bevölkerung zu Felde ziehen, steht dabei weniger im Mittelpunkt als die größere Entfaltung moderner Technologien. „Die Science City setzt ganz auf die virtuelle Verknüpfung. Schon jetzt sorgen hier 8000 User mit ihren Laptops für 220 000 Stunden Online-Zeit im Monat“, weiß Schmitt. „Es gibt keine zusätzlichen Hörsäle mehr, sondern ein wissenschaftliches Mehr an virtuellem Austausch. Das ist ein wesentliches Element der Universität des 21. Jahrhunderts und ein Instrument, um die ETHZ an der Spitze zu halten.“
Die ETH Zürich lebe nicht von Studiengebühren wie Hochschulen vom Range Stanford oder MIT. Schmitt: „Man müsste unsere Gebühren von 550 Franken pro Studierendem verhundertfachen, um auf diesem Wege die Qualität zu verbessern.“ Also brauche es Donatoren und Sponsoren vom Schlage eines Branco Weiss, um die insgesamt benötigten 250 Mio. Franken für Science City aufzutreiben. Um die Zweifel in der Bevölkerung an dem Projekt auszuräumen, hat sich inzwischen der Club „Science Citizens“ gebildet, bestehend aus ETHZ-Mitarbeitern und Bürgervertretern.
Die Wirtschaft ist als Geldgeber gerne gesehen, soll sich auf dem Science-City-Gelände aber im Hintergrund halten. „Dafür gibt es bei uns den Technopark“, erläutert Schmitt. Auf dem Hönggerberg könnten Firmen wie etwa Google, die bereits Interesse angemeldet hat, zunächst einmal kleine „Botschaften“ einrichten, die den Kontakt mit Studierenden und Wissenschaftlern intensivierten.W. SCHMITZ
www.sciencecity.ethz.ch

Von Schmitz

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