Hochschule

Mehrheit der Professoren unterläuft die Hochschulreform  

VDI nachrichten, Erfurt, 26. 9. 08, ws – Die ganzheitlichen Bildungsideale Wilhelm von Humboldts gehen bei der Hochschulreform mit Bachelor und Master verloren, meinen deren Kritiker. Falsch, sagt der Erfurter Politikwissenschaftler Wolf Wagner in seinem Gastbeitrag für die VDI nachrichten. Zur Verschulung der Studiengänge in Deutschland trügen vor allem die Professoren bei, nicht die grundlegenden Ideen des Bologna-Prozesses.

Der Bologna-Prozess hat sich drei Hauptziele gesetzt: 1. mit gestuften Abschlüssen europaweit vergleichbare Abschlüsse herzustellen, 2. mit dem ECTS (European Credit and Transfer System) Kompetenzen und Lernerfolge der Studierenden in das Zentrum der curricularen Planung zu rücken, 3. mit der Modularisierung zusammengehörige Kompetenzziele abgestimmt zu vermitteln und zu prüfen. Zieht man Bilanz, so ist festzustellen, dass der Bolognaprozess in Deutschland überwiegend gescheitert ist.

Für diese Entwicklung wird in der Regel dem Bolognaprozess selbst die Schuld gegeben. Häufig wird dabei mit großem Pathos Wilhelm von Humboldt zitiert. Der Bolognaprozess verrate seinen ganzheitlichen Bildungsbegriff – indem er ihn durch eine in Module zerstückelte Ausbildung ersetze. Zudem untergrabe Bologna die Freiheit und Einheit von Forschung und Lehre, die von Humboldt begründete. Stattdessen komme es zu einer Ökonomisierung der Hochschulen. In ihrem Namen werde die Autonomie der Hochschulen durch die Herrschaft der Hochschulbürokratie ersetzt.

Bei genauer Prüfung zeigt sich, dass der Grund für das Scheitern darin liegt, dass eine Mehrheit der Professorenschaft – besonders ausgeprägt in den naturwissenschaftlichen und ingenieurtechnischen Fächern – die Ziele des Bolognaprozesses unterläuft, Bologna ohne Bologna betreibt, und sich dafür auf Wilhelm von Humboldt beruft. Das ist nur möglich, weil von Humboldt zum Mythos geworden ist.

Mythen, insbesondere Schöpfungsmythen, sind wiederholte Geschichten, mit denen bestehende Zustände und Machtverteilungen erklärt und gerechtfertigt werden. Die Entstehung des deutschen Bildungssystems und die Rolle von Humboldts darin sind zu so einem Mythos geworden. Es lohnt sich also, das Original zu prüfen.

Wilhelm von Humboldt gehörte einer klassischen angepassten, reichen Aufsteigerfamilie an, erst in der dritten Generation dem niedrigen Adel zugehörig. Nach dem frühen Tod des Vaters setzte die Mutter, eine reiche Hugenottin, ihr ganzes Vermögen ein, um den Kindern eine gute Ausbildung zu geben, denn sie sollten in die Spitzen des Staates aufrücken.

Sie waren umgeben von privaten, überwiegend bürgerlichen Hauslehrern, wissenschaftlich denkenden, kreativen Köpfen, die den Kindern den damals sich ausbreitenden Neuhumanismus vermittelten, die Erfahrung eines geistigen Adels, der dem politischen Adel weit überlegen sei.

Sein Bruder Alexander und er führten als Erwachsene jedoch überwiegend das Leben von Privatgelehrten. Neben Gesandtschaften etwa am Vatikan hatte Wilhelm von Humboldt nur wenig mehr als ein Jahr lang ein richtiges Amt inne, als er im preußischen Innenministerium 1808 die Leitung der Abteilung „Kultus und öffentlicher Unterricht“ übernahm.

Was er dort einführte, entsprach seiner Lernerfahrung und Lebensführung. Wie die alten Griechen und Römer sollten die besonders fähigen jungen Männer – Frauen waren wie selbstverständlich ausgeschlossen – in einer Art Meister-Schüler-Verhältnis teilhaben an der zweckfreien, nur der Logik verpflichteten intellektuellen Auseinandersetzung mit der Welt und sich einen eigenen inneren Adel erarbeiten.

Wie in der antiken Welt würden andere, Frauen, Bauern und Arbeiter, denen eine Volksschule die Qualifikation zur Berufsausbildung verschaffte, für die Notwendigkeiten des Lebens sorgen. So entstand das heutige dreigliedrige deutsche Bildungssystem, damals schon integraler Bestandteil der preußischen konservativen Revolution von oben, mit der die Elitenherrschaft Preußens nicht nur vor den Anfechtungen der französischen Revolution gerettet, sondern gefestigt und gestärkt wurde. Noch heute erfüllt dieses System diese Legitimation einer weitgehenden Elitenselbstreproduktion.

In dieser neuhumanistischen Welt ist auch der Bildungsbegriff von Humboldts verwurzelt. Jeder Mensch sollte entsprechend seiner Anlagen sein volles Potenzial ausschöpfen können. Das war für ihn der Sinn des Lebens. Bildung sollte jedem erlauben, diesen Sinn zu realisieren.

Bildung war für ihn Menschenbildung, zweckfreie Selbstverwirklichung. Bildung sollte nicht mit Berufsausbildung vermischt werden, da diese durch fremde Zwecke, nämlich die Anforderungen des Berufs, bestimmt sein musste. Ausbildung zum Beruf war für von Humboldt jedoch genauso selbstverständlich. Sie sollte jedoch erst nach erfolgter Menschenbildung einsetzen.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass das einzige Land, in dem von Humboldts Vorstellungen verwirklicht worden sind, nicht Preußen heißt, sondern USA. Die Universitäten Harvard und Yale holten sich ihr Bildungskonzept direkt bei von Humboldt und haben in den meisten Bereichen der US-amerikanischen tertiären Bildung das Konzept einer vierjährigen, allgemeinen Menschenbildung mit Abschluss Bachelor etabliert. Erst dann folgt im Master oder in so genannten „Schools“ eine an den Erfordernissen der Praxis ausgerichtete Berufsausbildung.

In Preußen ist dagegen die Menschen- und Berufsausbildung weder institutionell noch zeitlich getrennt, sondern an den Universitäten heillos vermischt, sodass weder das eine noch das andere richtig zur Geltung kommen kann. Die Lehrenden widmen sich ganz der Forschung im Namen der durch von Humboldt verkündeten Freiheit und Einheit von Lehre und Forschung. Die Teilnahme daran soll die Menschenbildung schaffen. Für die Berufsausbildung sind die Studierenden weitgehend selbst zuständig. Das Resultat ist eine sozialdarwinistische Autodidaktisierung oder heimliche Privatisierung (z. B. Repetitorien) des berufsqualifizierenden Studiums.

Zentral für den humboldtschen Begriff der Menschenbildung ist die Verwirklichung des persönlichen Potenzials, die Herausbildung von Metalernfähigkeiten, das Lernen des Lernens, wie es für den Kompetenzbegriff des Bolognaprozesses ebenfalls zentral ist. Anders als in den USA sieht der Bolognaprozess keine eigene Phase zweckfreier Menschenbildung vor.

Das ist aber der einzige Punkt, in dem der Bolognaprozess hinter den historischen von Humboldt zurückfällt. Denn seine Vorstellung einer Berufsausbildung, die sich an übergreifenden Zusammenhängen orientiert, steckt in den ECTS-Vorschriften zur Modularisierung genauso wie in den berufsbefähigenden Kompetenzen. Bologna ist näher am historischen von Humboldt als die heutige Universität.

Unter Berufung auf einen mythologischen, ins Gegenteil verkehrten von Humboldt betrieben und betreiben die meisten Professorinnen und Professoren heute Bologna ohne Bologna: Anpassung in der Form, um inhaltlich alles beim Alten zu lassen. So haben die Fachhochschulen Bayerns und Baden-Württembergs insbesondere im Ingenieurbereich meist die traditionellen Diplomstudiengänge einfach um ein Praxissemester gekürzt.

Heraus kam ein verdichteter siebensemestriger Bachelor, mit dem nun auch die Vergleichbarkeit mit anderen europäischen Abschlüssen verfehlt ist. Dennoch setzt sich dieses absurde Vorbild auch in anderen Bundesländern in den Ingenieurstudiengängen immer mehr durch.

Die technischen Universitäten haben sich zusammen mit der DFG im Namen der hohen humboldtschen Qualität von vornherein gegen den Bolognaprozess verschworen und wollen den Bachelor nur als eine Art höherer Zwischenprüfung gelten lassen. Erst im Masterstudium soll es zur Anwendung der im Bachelorstudium gelernten theoretischen Grundlagen kommen.

Auf diese Weise werden die alten Lehrveranstaltungen zu Modulen gemacht und der für unverzichtbar erklärte Stoff zur Kompetenz erklärt, der in einer Unzahl von Klausuren abgeprüft wird. Weil sie das aktivierende Lehren, ohne das man Kompetenzen nicht vermitteln kann, nie gelernt haben und auch nicht bereit sind, es zu erlernen, pauken sie weiterhin frontal ihren Stoff durch und erzeugen so selbst die Verschulung, die sie wortreich unter Berufung auf von Humboldt beklagen.

Von Humboldt wird so zunehmend zur Leerformel, hinter der man immer die Verteidigung ständischer Privilegien vermuten muss. Das war ja auch das eigentliche Anliegen des historischen Wilhelm von Humboldts.

WOLF WAGNER

Von Wolf Wagner

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