MINT-Gipfel

Mathematik langweilt Schüler, Technik steht für Fortschritt

Wirtschaft und Politik wissen um die Bedeutung technisch-naturwissenschaftlicher Bildung. Die zahlreichen Projekte zeitigen meist jedoch nur punktuelle Erfolge. Hindernisse, die auf dem MINT-Gipfel in Berlin für das Scheitern kenntlich gemacht wurden, sind neben anderen die föderale Kleinstaaterei sowie irreführende Berufsbilder bei Jugendlichen.

Rund die Hälfte aller Oberstufenschüler finden Mathematik- und Physik langweilig.

Rund die Hälfte aller Oberstufenschüler finden Mathematik- und Physik langweilig.

Foto: Ernst Klett Verlag GmbH

Zwischen Flensburg und Konstanz gibt es rund 15 000 Initiativen, die sich der Förderung des technisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts (MINT-Fächer) verschrieben haben. Für Bildungsforscher Manfred Prenzel von der TU München stellt sich angesichts des Wusts gut gemeinter Ideen und Konzepte die Frage: „Inwieweit ist das, was da an Energie investiert wird, letztlich noch effektiv?“

Um die MINT-Interessen in einer „starken Stimme“ zu bündeln, hatten Henning Kagermann, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech), und Thomas Sattelberger, Vorsitzender der Arbeitgeberinitiative „MINT Zukunft schaffen“, das als Dachorganisation gedachte „MINT-Forum“ ins Leben gerufen. Ein Jahr nach der Gründung luden Kagermann und Sattelberger Politiker, Wissenschaftler und Verbandsfunktionäre zur Diskussion nach Berlin ein.

Arbeitgebernaher Zusammenschluss

Dass es sich bei dem 24 Mitglieder starken Forum um einen arbeitgebernahen Zusammenschluss handelt, hat seinen Grund. Laut Institut der deutschen Wirtschaft Köln fehlen deutschen Unternehmen bis zum Jahr 2020 rund 1,4 Mio. MINT-Fachkräfte. Während die Engpässe bei den akademischen Qualifikationen bis dahin „beherrschbar“ seien, entwickle sich der Mangel an technischen Fachkräften ohne Studienabschluss „zusehends zur Wachstumsbremse“.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) mahnte, dass nicht die Einsicht in ökonomische Notwendigkeiten junge Menschen auf die MINT-Schiene setze, sondern Begeisterung für die Sache und Entdeckerfreude. Zentrale Stellschraube sei neben dem frühzeitigen Bemühen, das Feuer in Kindern zu entfachen, eine attraktive Lehrerausbildung. Unternehmen sollten es sich überlegen, bei ihrem finanziellen Engagement für das Deutschlandstipendium nicht nur angehende Maschinenbauingenieure, sondern auch MINT-Lehramtsstudenten zu fördern.

Die Ministerin gab sich skeptisch: „Das MINT-Forum kann Sinn machen. Es gab aber immer wieder Projekte und Modellversuche – was wollen wir jetzt eigentlich flächendeckend davon umsetzen?“, schoss Wanka verbale Pfeile in Richtung Länder, die für Bildungsinhalte und deren Realisierung zuständig sind.

Vorsicht bei Förderung: „Nicht jeder ist für einen MINT-Beruf geeignet“

In dieselbe Kerbe schlug Barbara Schwarze, Vorsitzende des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit: „Wir verfügen über eine Menge wissenschaftlicher Erkenntnisse, die wir endlich breiter umsetzen müssen.“

Ortwin Renn, Stuttgarter Techniksoziologe und Vorsitzender im VDI-Fachbeirat Gesellschaft und Technik, warnte davor, alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen fordern und fördern zu wollen. Viele der mehr oder minder zwanghaft durch MINT-Projekte Beglückten zählten nachher zur großen Zahl der Studienabbrecher. „Nicht jeder ist für einen MINT-Beruf geeignet.“

Andererseits wählten nur knapp 50 % der guten Mathematik-Schüler ein MINT-Studium. Das läge auch daran, dass technisch-naturwissenschaftliche Berufe als aufwendig gelten, Zeit fürs Private sehen Schüler später kaum noch. Sie weisen Technik aber Attribute wie fortschrittlich, innovativ und nützlich zu.

Rund die Hälfte aller Oberstufenschüler finden Physik und Mathematik langweilig

Obwohl das Image von MINT-Fächern „überwiegend positiv“ sei, fände rund die Hälfte aller Oberstufenschüler Physik und Mathematik langweilig, keines der MINT-Fächer interessiert mehr als 30 % der Schüler und Schülerinnen. Bei Schülern, die Technikunterricht erhielten, sei das Interesse signifikant höher.

Von Technikfeindlichkeit Jugendlicher könne nicht die Rede sein, betonte der Techniksoziologe. Technik werde aber mit Konsum und Wirtschaft assoziiert, weniger mit Alltag und Kultur. Ziel müsse es sein, so Renn, technisch-naturwissenschaftliches Wissen als selbstverständliches Allgemeinwissen zu etablieren.

Die größten personellen Potenziale zur Fachkräftegewinnung sieht er bei Frauen sowie Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Warum diese Gruppe MINT-Berufe selten zum sozialen Aufstieg nutze, werfe Fragen auf. Der Techniksoziologe rät, die Arbeitswelt von MINT-nahen Berufen stärker im Unterricht zu verankern und Brüche auf dem Bildungsweg zu vermeiden. Die Wirtschaft könne Zeichen setzen und ein „Schweinezyklus-Verhalten“ bei Einstellungen vermeiden.  

Von W. Schmitz

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