Hochschule

Manager in spe mit sozialem Anspruch

Studierende sind besser als ihr Ruf.

Ein verlegenes Lächeln huscht über das Gesicht des afghanischen Studenten: „Deutsch ist eine schwere Sprache!“ Khalil Sarbas aber spricht es beinahe perfekt.
Kein Grund also, sich zu entschuldigen. Doch er und seine drei Kommilitonen, die alle an der Universität von Kabul studieren, nehmen ihre Rolle als Vertreter der afghanischen Studentenschaft sehr ernst. Schließlich ist ihr Land eben Mitglied in der internationalen Studentenorganisation AIESEC geworden, die noch bis zum 29. August unter der Schirmherrschaft des Bundeskanzlers auf dem Messegelände Hannover tagt. Und plötzlich kommt wieder Expo-Stimmung auf. Denn die 500 Delegierten aus 80 Ländern diskutieren nicht nur über Netzwerke und Strategien für eine nachhaltigere Welt, sie bieten auch Kostproben aus der heimischen Küche, tanzen, trommeln, lachen, singen und verbreiten mit munterem Sprachengewirr ein wundersames Gemeinschafts-Gefühl – ganz im Sinne der AIESEC-Gründer.
Sieben Wirtschafts-Studenten aus sieben europäischen Staaten wollten nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Gründung der Organisation ein Signal zur Völkerverständigung setzen und zur Förderung sozialer, verantwortungsbewusster Führungskräfte beitragen. „Heute sind Studierende aus fast allen Disziplinen bei uns“, betont Filipe da Costa, einer der Organisatoren des diesjährigen Kongresses. „Neben den Ökonomen sind die Ingenieure wohl die stärkste Gruppe.“ Zwar studiert da Costa selbst Ökonomie, Khalil Sarbas dagegen Germanistik. Aber auch Sarbas könnte einmal Manager werden. So genau lässt sich die Zukunft in einem geschundenen Land wie Afghanistan nicht planen. „Hauptsache, die Zahl der gut Ausgebildeten steigt wieder“, meint Sarbas. Auch deswegen macht er bei AIESEC mit: „Wir brauchen internationale Unterstützung, wie sie dieses Studenten-Netzwerk bietet.“ Denn noch fehlt es an allem. Sarbas überlegt sogar, Blankopapier nach Kabul mitzunehmen. Ganz im Stillen aber hat sich bereits ein kleines Wunder ereignet: 40 % der rund 30 000 afghanischen Studierenden sind Frauen. Auch sie sollen künftig von der neuen Mitgliedschaft profitieren, versprach die männliche Delegation in Hannover.
Denn die weltweit über 30 000 Studierenden, die aktiv bei der Studentenvereinigung mitmachen, organisieren einen internationalen Praktikantenaustausch, pflegen Kontakte zu anderen Organisationen, Politikern und Unternehmen. Daneben stricken sie ihr studentisches Netzwerk weiter und richten jedes Jahr einen Kongress aus, „das Highlight schlechthin“, wie der Bundesvorsitzende Andreas Baller bekräftigt. 1952 gründete sich das deutsche Komitee, das seitdem tausende von in- und ausländischen Praktikanten vermittelt hat. Für Sarbas Kollege Raiyt Alamyaar, einen angehenden Wirtschaftsinformatiker, ist es das Höchste, hier ein Praktikum zu machen: „Deutschland ist für uns ein großes Vorbild und hat schon immer sehr viel für unser Bildungswesen getan.“
Jedenfalls sind viele deutsche Unternehmen von der Organisation angetan und sponsern sie entsprechend – nicht ganz uneigennützig, wie Rainer Schulze, Personalmarketing Deutsche Post World Net, gesteht: „Über die AIESEC-Praktika rekrutieren wir exzellenten Nachwuchs.“ 220 Studierende absolvierten bisher ein Praktikum im Konzern 40 % stiegen danach direkt bei der Post ein mit den anderen bleibt der Konzern virtuell in Kontakt. An dieser Erfolgsbilanz arbeiten die AIESEC-ianer aktiv mit. So prüfen sie etwa die Berufsnähe der Hochschullehre. Gemeinsam mit dem Management-, Technologie- und Outsourcing-Dienstleister accenture und der von der Metall- und Elektro-Industrie getragenen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft führten sie in diesem Jahr eine Studie dazu durch. Und wieder einmal zeigte sich: Es fehlt an Softskills. Also setzt sich die Vereinigung für mehr Gemeinschaftsaktivitäten ein -auch an den eher verschulten Fachhochschulen -, für mehr teamorientierte Veranstaltungen und soziales Engagement.
So viel Idealismus und geistige Erneuerung, das war noch vor wenigen Jahren manchen Kommilitonen zu viel. Inzwischen überzeugt die Studentenorganisation auch ehemalige Skeptiker. Vor allem mit dem Kernthema des Kongresses, der Nachhaltigkeit, der sich die AIESEC gleich selbst stellt. Die durch den Kongress entstehenden Emissionen – hauptsächlich durch die Flüge nach Hannover – sollen mit Hilfe der Klima-Agentur 500ppm ausgeglichen werden. Die Agentur erstellt eine CO2-Bilanz und kompensiert sie durch Investitionen in CO2-mindernde Projekte. Davon profitieren Projekte zur umweltfreundlichen Wohnhausbeheizung in Südafrika, Stromerzeugung aus Biodiesel in Indien, zu Müllheizkraftwerken in Brasilien. Und letztlich bleibt auch das Gewissen der Delegierten im Gleichgewicht.R. KUNTZ-BRUNNER
www.aiesec.de

Von Kuntz-Brunner

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