Finanzielle Allgemeinbildung 07.12.2012, 20:10 Uhr

„Lobbyarbeit hat in der Schule nichts zu suchen“

Wenn es um ökonomische Fragestellungen geht, gehen auch Lehrern oft die Antworten aus. Sie holen daher Fachleute aus Unternehmen in die Schule oder Informationen aus dem Internet. Die Angebote variieren zwischen seriöser Hilfe und tendenziöser Lobbyarbeit. Lehrer seien bei der Selektion überfordert, haben Augsburger Bildungsforscher ermittelt.

Ökonomische Fragestellungen werden meist nicht gelehrt.

Ökonomische Fragestellungen werden meist nicht gelehrt.

Foto: Ruurd Dankloff

Das Übergangssystem von der Schule zur Arbeit ist brüchig. In einem Land, das dank des dualen Systems vergleichsweise gut dasteht, schafften es laut Friedrich-Ebert-Stiftung fast 30 % der Jugendlichen nicht, unmittelbar nach der Schule einen Ausbildungsplatz zu bekommen, drehen Warteschleifen in oftmals ineffektiven Übergangsmaßnahmen.

Die meisten Schüler hätten von der Berufswelt keine Ahnung, bemängelte Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) auf der Tagung „Wirtschaft und Schule“ in Berlin. Zur Berufsorientierung müssten die Unternehmen in den Schulen Aufklärungsarbeit leisten. Individuelle Defizite der Schüler träfen auf komplexer werdende Ansprüche der Berufswelt.

Lehrer mit ökonomischer Praxiserfahrung sind in der Schule Mangelware

Lehrer, deren Karriere auf den Pfeilern Schule, Hochschule und wieder Schule basiert, hätten zu wenig Wissen über die ökonomische Praxis, ihnen müsse geholfen werden. Dieser Gedanke steht im Mittelpunkt zahlreicher Bildungsinitiativen von Unternehmen und Verbänden. Unter dem Motto „Bildung mit Energie“ bietet sich etwa RWE als Schulpartner an oder Evonik mit dem Slogan „Wieder Bock auf Chemie“, das Netzwerk „SchuleWirtschaft“ will Brücken zwischen den Partnern bauen. Die Reihe der Initiativen ließe sich weiter ausdehnen.

67,1 % der Schulen in Nordrhein-Westfalen verband 2009 mindestens eine Partnerschaft mit einem Betrieb oder einer Wirtschaftseinrichtung. Dies bedeutete gegenüber dem Jahr 2004 eine Steigerung um 28 %. Man könne davon ausgehen, dass die Zahl der Partnerschaften inzwischen noch einmal deutlich gestiegen sei, heißt es aus der Initiative „partnerfürschule.nrw“, die Daten zum Thema gesammelt hat.

Besondere Bedeutung wird der ökonomischen Bildung zugewiesen, da hier – sei es in der Ausbildung oder im (Ingenieur-)Studium – erhebliche Wissensdefizite vorlägen. „Mit Verweisen auf Humboldt und vor dem Hintergrund eines speziell deutschen Verständnisses des Neuhumanismus wurden Berufsorientierung und ökonomische Bildung lange aus den allgemeinbildenden Schulen in Deutschland herausgehalten. Das hat sich heute geändert“, begrüßt Dirk Loerwald, Professor für Ökonomische Bildung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, den Bildungstrend.

Loerwald ist die Gefahr zu großen Einflusses durch die Wirtschaft bewusst, er sieht sie aber nur in Ausnahmefällen. Würden Wirtschaftspraxis und Ökonomieunterricht verzahnt, könnten „Erfahrungen der Schüler in übergeordnete Sinnzusammenhänge eingebettet werden“.

Die Schule leidet unter veralteten Lernmaterialien

Der unmittelbare Kontakt von Mensch zu Mensch ist eine Möglichkeit der Einflussmaßnahme, eine andere ist der Umweg über Lernmittel. „Schulbücher werden nur alle Jubeljahre aktualisiert und hinken oft den Zeitgeschehnissen hinterher“, sagt Rainer Jung von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die junge Initiative „Böckler Schule“ für den sozioökonomischen Unterricht in Sekundarstufe I und II sei eine Reaktion auf den Mangel an geeigneten Lernmaterialien. Die Böckler-Hefte widmeten sich aktuellen Themen, die in der Schule zu wenig oder gar keine Berücksichtigung finden, erläutert Rainer Jung.

Autor des Böckler-Heftes zur Finanzkrise ist Tim Engartner von der Universität Frankfurt. Der Sozialwissenschaftler mit dem Schwerpunkt politische Bildung an Schulen hat nichts gegen eine „Öffnung der Schule“ und gegen Kooperationen. Während die Böckler-Initiative sich aber an den Lehrplänen orientiere, versuchten die Initiativen aus dem Arbeitgeberspektrum ausschließlich zwei in den Lehrplänen kaum abgebildete Themen zu stärken: finanzielle Allgemeinbildung und Entrepreneurship Education, „wo dann auch noch der Flaschen und Dosen sammelnde Pfandpirat zum ,Unternehmer seiner Selbst‘ erklärt wird“, so Tim Engartner.

Seriöse Schulbildung solle sich an der künftigen Lebenswelt der Schüler orientieren, „Lobbyprodukte“ hätten im Klassenzimmer nichts zu suchen. Sie verstießen gegen den „Beutelsbacher Konsens“, der die kontroverse Auseinandersetzung mit politischen Themen im Unterricht verlangt.

Schule sollte zu kritischem Bewusstsein in puncto finanzielle Allgemeinbildung erziehen

Vor diesem Hintergrund sei es „höchst bedenklich“, wenn Mitarbeiter von Allianz, McKinsey und Grey als Finance Coaches in der Schule aufträten. Engartner: „Nur eine zu kritischem Bewusstsein erziehende finanzielle Allgemeinbildung kann Menschen auf die Gefahren von Missbrauch durch Finanzintermediäre wie Bankberater oder Versicherungsvertreter hinweisen. Diese Allgemeinbildung muss mit den Ansprüchen politischer und soziologischer Bildung in Einklang stehen. Unternehmenseigene Materialien, mithilfe derer externe ,Firmenlehrkräfte‘ Kinder und Jugendliche für ihre Zwecke indoktrinieren, gehören nicht in die Schule.“

Die Kultusministerien, so Engartner, dürften nicht untätig bleiben, wenn der Allgemeinbildungsauftrag der Schulen unterlaufen, das staatliche Bildungsmonopol unterhöhlt und den „Kunden von morgen“ ein einseitiges Weltbild vermittelt werde.

Lehrer greifen aber gerne und oft auf die zahlreich vorhandenen nicht-staatlichen Lehrmittelangebote zurück. „Im Netz ist ein neuer digitaler Markt für Bildungsmedien entstanden“, kritisiert der Verband Bildungsmedien die wachsende Konkurrenz. „In einem gigantischen Ausmaß finden Lehrkräfte dort kostenloses Unterrichtsmaterial – für jedes Fach und jede Unterrichtssituation.“ Für öffentliche Anbieter, Privatpersonen, aber vor allem Firmen, Vereine und Stiftungen sei das kostenlose Lehrmaterial Teil der Lobby-Arbeit.

Wie sich Lehrer im Dschungel der Angebote zurechtfinden können, erforschen derzeit Wissenschaftler an der Uni Augsburg. „Für die Lehrkräfte, die kostenlose Materialien online oder als Download nutzen wollen, besteht hier ein unübersichtlicher Markt, bei dem nicht immer klar zu erkennen ist, welche – wirtschaftliche oder politische – Intention hinter einem kostenlosen Angebot steckt“, fassen die Wissenschaftler Eva Matthes und Werner Wiater zusammen. „Was wir jetzt schon wissen: Es ist völlig der Lehrkraft überlassen, nach welchen Kriterien sie ein Material auswählt.“ Analyse und Bewertung von Lehrmitteln habe in der Lehrerausbildung einen viel zu geringen Stellenwert.  

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