Hochschule

Lernmodelle aus Vision und Wirklichkeit  

VDI nachrichten, Hannover, 14. 12. 07, ws – Die Weiterbildungs-Lobby an europäischen Hochschulen macht Druck. Sie will „Lifelong Learning“ im Rahmen des Bolognaprozesses systematischer als bisher in den Lehrangeboten verankern – noch aber ist das Feld sehr komplex.

Von der Meta-Ebene aus betrachtet passt alles irgendwie zusammen: Das Europa der Regionen, der Bologna-Prozess, Autonomie und Weiterbildungsangebot der Hochschulen. Denn mit der neuen Autonomie, der Bildungsmodularisierung und Flexibilität können Hochschulen die Prosperität der Regionen noch besser fördern. So jedenfalls lässt sich die Botschaft der Lobby für wissenschaftliche Weiterbildung an Hochschulen EUCEN lesen, die Anfang Dezember an der Universität Hannover tagte.

In der Praxis allerdings zerfranst das Gefüge von den Rändern her. Unternehmen wünschen sich nicht nur gute, sondern auch kurze Studienangebote, ergänzt durch bedarfsgerechte Weiterbildung, die praktische Erfahrung theoretisch reflektiert und wissenschaftlich fundiert.

Gewerkschaftler bestehen auch auf einer formalen, durchlässigen Form des lebenslangen Lernens, die auch Quereinsteigern eine anerkannte Weiterqualifikation erlaubt. Die Hochschulen wiederum möchten vom Geldsegen der EU profitieren, der über die Regionen niedergeht.

„Dazu müssen wir unser regionales Engagement und unsere Kooperationen in Forschung und Lehre verstärken“, mahnte in Hannover Pat Davies, die das Weiterbildungsangebot an europäischen Hochschulen inventarisiert. Gleichzeitig wehren sich manche Hochschulen, allen voran die TU9 (die neun großen technischen Unis), gegen die weite Öffnung akademischer Zusatzqualifikationen für Praktiker. Und Professoren warnen nicht nur vor der durchökonomisierten Hochschule, sie stemmen sich auch gegen die wachsende Reglementierungswelle, die der Bolognaprozess anschwemmt.

Ebenso komplex wie das Interessenfeld ist das Weiterbildungsangebot, das durch Bologna im Prinzip vom Erststudium bis zur Rente das ganze Berufsleben erfasst. Schon heute beendet über die Hälfte der Studenten ihr Studium mit dem Bachelor. „Irgendwann werden manche noch einen Master machen, viele von ihnen neben der beruflichen Arbeit“, prognostiziert Peter von Mitschke-Collande, Leiter des Weiterbildungsstudiums Arbeitswissenschaft der Uni Hannover.

„Da werden sich die Hochschulen anpassen müssen und eines Tages auch das Bachelor-Programm als Abend- oder Teilzeitstudium anbieten – besonders wenn die Studiengebühren steigen und Arbeitgeber bereit sind, die Weiterqualifikation ihrer Mitarbeiter zu bezahlen.“ Einige europäische Länder bieten im Ansatz bereits modularisierte Teilzeit-Programme für Bachelor-Abschlüsse (nicht zu verwechseln mit dem dualen Studium, dessen Praxismodule Teil des Studiums sind).

Patchwork-Bildung für die mobile Karriere – das ist die Zukunft. Weiterbildung als nahtlos in die Studienstruktur verankertes Element. Noch wird über die Umsetzung sinniert, etwa über das avantgardistische oder „integrative Modell“, bei dem alle, Erst- und Weiterbildungs-Studierende, gemeinsam und möglichst erfahrungsbasiert lernen, gemeinsam Abschlüsse machen, zeitlich flexibel auf allen Studienstufen ihre Module absolvieren können.

„Machbar ist aber wohl nur ein abgeschwächtes Modell einer durchlässig modularisierten Bildungswelt, die Vollzeit- und Teilzeit-Studierende aber eher trennt, doch beiden Gruppen spezifische Kombinationen von Präsenz- und Fernstudium bietet“, vermutet Pat Davies. „Ein hartes Integrationsmodell würde zu viele pädagogische Fragen aufwerfen“, gesteht sie.

Was letztlich aber wissenschaftliche Weiterbildung inhaltlich ausmacht, bleibt in jener vagen Sphäre, in der die Realität zu einer Vision ausgemalt werden kann. Immerhin besteht EUCEN darauf, dass „University Lifelong Learning“ (ULLL) nicht nur der beruflichen, sondern auch der persönlichen Entwicklung dienen soll, eine Weiterbildung, die neben der wirtschaftlichen auch die soziale und kulturelle Prosperität der Regionen fördert.

Ob es jemals gelingt, Wirklichkeit und Visionen zu einem praktikablen Modell zu schnüren, steht in den Sternen. Sicher ist, dass mit dem Versuch, Europas Hochschulen zu vereinheitlichen und Studierenden flexibles lebenslanges Lernen zu ermöglichen, vorerst vor allem die Zahl der Weiterbildungs-Gremien, -Kommissionen und -Netzwerke wachsen.

Die wiederum decken reglementierungs-widerständige Altlasten und Paradoxien. Etwa, dass in Ländern wie Spanien, in denen Master-Abschlüsse schon vor Bologna vergeben wurden, Verwirrung über die Qualität des neuen, von Unternehmen oft abgelehnten Master besteht. Oder dass renommierte Master-Abschlüsse an Elite-Unis erheblich weniger Credit Points (65 – 75) erfordern als Bologna vorschreibt (95).

Für Pat Davies offenbart dies eine prinzipielle Schwäche des Credit-Point-Systems, das nur die plangemäße Realisierung eines Studienteils belege, aber nichts über die Qualität aussage. Mit Unbehagen beobachtet sie, dass sich „an vielen Hochschulen eine Audit-Kultur entwickelt, in der alles überprüft und berechnet wird, statt wirkliche Leistung zu erkennen und zu belohnen“. RUTH KUNTZ-BRUNNER

  • Ruth Kuntz-Brunner

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