Bildung

Lernen via Internet

Den Hochschulen steht eine elektronische Revolution bevor. Die Studenten der Zukunft werden sich, dank der Informationstechnik, in virtuellen Studiengängen bewegen.

In Miniatur zeigte die CeBIT, wie die deutschen Hochschulen die neuen Medien nutzen. An vielen Standorten und Fachbereichen basteln Einzelne an einer riesigen Kollektion, die von 3-D-Präsentationen des Hochschulgeländes bis zu medialen Strukturen für unterschiedliche Lernsoftware reichen. Doch kaum jemand weiß, was der andere tut. Selbst die Arbeiten der eigenen Hochschule sind oft unbekannt. Nur wenige kennen den virtuellen Campus in Karlsruhe oder die bereits laufende Winfo-Line, an der sich die Wirtschaftsinformatik-Lehrstühle in Göttingen, Kassel, Leipzig und Saarbrücken mit modular aufgebauten Produkten beteiligen. Auch der zwischen den Universitäten Hannover, Hildesheim und Osnabrück entstehende virtuelle Campus ist nur wenigen ein Begriff.
Offenbar ziehen viele Lehrstühle Forschungsgelder an Land, arbeiten aber nur so lange an den Projekten, bis die Mittel ausgeschöpft sind, vermutet Dipl.-Informatiker Michael Schnaider, der für die TU Darmstadt Lernsoftware entwickelt. Schnaider bedauert, dass es noch keine zentralen Servicestellen für multimediale Angebote an den Hochschulen gibt.
Genau dieses Defizit beklagt auch Thomas Sand vom Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover: „Bisher bieten hauptsächlich einzelne Professoren virtuelle Lehrgänge an, von denen die Institution selbst aber nicht profitiert.“ Mannheim und Dresden zeigen mit ihren hochschuleigenen GmbH´s, wie man der bereits aktiven anglo-amerikanischen Konkurrenz etwas entgegen setzen kann. Die Universität Phoenix etwa unterhält weltweit 50 regionale Zentren, auch in München und Düsseldorf, die nach dem Muster der Fernuniversität Hagen funktionieren. Sie buhlen auch hierzulande um den riesigen Weiterbildungsmarkt.
So bestätigte Claus Unger, Prorektor der Fernuniversität Hagen, vor kurzem auf einer Veranstaltung der Wissenschaftspressekonferenz, Bonn, die Internationalität dieses neuen Trends: „Wir realisieren virtuelle Seminare mit Studenten in aller Welt. Deshalb ist es nicht damit getan, herkömmliche Veranstaltungsformen wie Vorlesungen und Übungen einfach ins Netz zu stellen.“ Neue Formen des elektronischen Lernens müssten entwickelt werden.
Doch es sei mit erheblichen Kosten zu rechnen, so Prof. Dr. Jürgen Zöllner, Minister für Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung Rheinland-Pfalz. Auf der WPK-Veranstaltung „Computer statt Hörsaal – Die virtuelle Universität“ stellte er fest, dass die kostenintensiven Multimedia-Angebote und die Entwicklung professioneller E-Learning-Programme die Hochschulen zu Kooperationen mit der Industrie und auch untereinander zwängen.
Wie so etwas aussehen kann, weiß Prof. Dr. Rolf Granow von der Fachhochschule Lübeck (FHL). Die Idee des Lübecker Dozenten geht jedoch weit über das multimediale Lernen im Hörsaal hinaus. Gemeinsam mit elf weiteren Fachhochschulen aus Schleswig-Holstein, Bremen, Niedersachsen, Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern sowie der Unterstützung unter anderem von dem Institut für Telematik der Medizinischen Universität Lübeck, der Hamburger Uni oder auch der Akademie für neue Medien in Frankfuhrt stellt die FHL ein bundesweit, nach Ansicht von Granow sogar weltweit einmaliges Projekt auf die Beine. „Wir möchten das Internet dazu nutzen, um als Fachhochschulverbund neue Zielgruppen zu erreichen. Eine Art Fernstudium übers Netz“, erklärt Granow, der als Projektleiter fungiert.
Von dieser Idee war auch das Bonner Bildungsministerium begeistert. Beim Bundeswettbewerb „Nutzung des weltweit verfügbaren Wissens für Aus- und Weiterbildung“ wurde die „Virtuelle Fachhochschule“ (www.vfh.de) aus mehr als 250 eingereichten Skizzen als eine von fünf Fördermaßnahmen ausgesucht. Mit knapp 43 Mio. DM wird das Verbundprojekt fünf Jahre unterstützt.
Zur Zeit werden noch die didaktischen, methodischen und organisatorischen Grundlagen des multimedialen und telematikunterstützten Lehrens und Lernens erstellt. Offiziell startet das virtuelle Studium mit den Studiengängen Wirtschaftsingenieurwesen und Medieninformatik im Wintersemester 2001/2002. Einen regulären Studienbeginn gibt es aber nicht – jederzeit kann mit dem Lernen via Internet begonnen werden. Granow: „Die Lerneinheiten stellen wir übers Internet zur Verfügung.“ Neben einem Studentenausweis braucht der Student von daher noch ein Passwort, mit dem er sich im Internet in den Hochschulverbund einloggen kann und die Lernmodule wie Marketing, Logistik oder Organisation aus dem Netz herunterladen kann. Zudem soll auch die Stoffsammlung an ausländischen Schulen ermöglicht und anerkannt werden. Informationen aus Harvard oder Oxford würden dann via Internat in den PC des Studenten fließen.
Genutzt werden soll das virtuelle Studium vor allem von Menschen, die nicht ohne weiteres von morgens bis abends in der Fachhochschule sitzen können. „Die jetzige Lehre wird aber nicht durch neue Medien ersetzt“, so der FH-Professor. Es ist vielmehr eine Ergänzung. Als Zielgruppe hat Granow zum Beispiel Berufstätige vor Augen, die nach Feierabend Medieninformatik studieren – oder sich das Wissen aus bestimmten Fächern aneignen. „Wir wollen mit dem Internet Menschen erreichen“, erklärt Granow und denkt dabei auch an Frauen, die familiär gebunden sind oder Wehrpflichtige. Aber auch Personen, die aufgrund einer Behinderung nicht mobil sind, erhalten so eine Chance auf Weiterbildung. Granow: „Dies ist eine gesellschaftlich relevante Aufgabe.“ Lernen über das Netz soll als Grund- aber auch als Aufbaustudiengang genutzt werden.
Allein gelassen werden die virtuellen Studenten nicht. Eine Präsenszeit in der Hochschule ist geplant, auch die Prüfung wird an der Hochschule nach Wahl unter Aufsicht absolviert. Granow: „Die Vermittlung von Methoden- und Sozialkompetenz ist ein wichtiger Punkt.“ Wie dies am besten zu bewerkstelligen ist, wird noch untersucht. Genauso die Möglichkeiten einer Kommunikation über das Netz. Granow denkt dabei zum Beispiel an News-groups, bei denen sich Kommilitonen untereinander online austauschen können und bei der auch der Professor bei der Bewältigung von Problemen helfen kann.
Für das virtuelle Studium ist nur ein PC und ein Internetanschluss notwendig. Granow: „Wir können nicht verlangen, dass Studenten ein Breitbandnetz zur Verfügung haben.“ Größere Lerneinheiten werden daher voraussichtlich über externe Datenträger wie CD-Rom verschickt. Optimal ist das Netz für diese Art des Lernens noch nicht. Es ist zu langsam und für längere Diskussionen in Newsgroups auch viel zu teuer. „Das Netz wird sich in den kommenden Jahren aber schnell weiter entwickeln“, ist Granow überzeugt.
4000 bis 5000 Teilnehmer sollen für das Studium via World Wide Web gewonnen werden, damit das Projekt auch sinnvoll betrieben werden kann. Bisher wird es von den Professoren nebenbei betreut, doch in Zukunft hofft der FH-Professor an den Hochschulen dafür auf zusätzliche Arbeitsplätze, um die Lerninhalte ständig aktuell zu halten. Das Lernen in den Hörsälen wird nach Ansicht von Granow aber der Regelfall bleiben, Bücher bei den Studenten weiterhin hoch im Kurs stehen. A.S./HH/RKB/Fr
Hochschule der Zukunft: Studieninhalte im Multimedia-Format, im Internet oder auf CD-Rom werden der virtuellen Universität Leben einhauchen.

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