Hochschule 16.07.2004, 18:31 Uhr

Kühler Kopf contra Kampfeslust

VDI nachrichten – Deutschlands Hochschullandschaft benötigt Reformen, sie braucht sich aber auch vor US-amerikanischen Universitäten nicht zu verstecken. So weit die Übereinstimmungen beim Berliner Polit-Talk „Deutschland im Wettbewerb“. Bei den Themen Forschung und Innovation gerieten insbesondere Edelgard Bulmahn und Heinrich von Pierer aneinander.

Heinrich von Pierer in gelassener Denkerpose, Edelgard Bulmahn als schnell aufbrausende Verfechterin deutscher Bildungs- und Forschungspolitik. Die Berliner Runde zum Thema „Bildung, Forschung, Innovation“ als Standortfaktoren für ein „Deutschland im Wettbewerb“ geriet vor wenigen Tagen nicht, wie geplant, zum vierstimmigen Schlagabtausch, sondern zum Duell zwischen der wissenschaftsorientierten Sozialdemokratin und dem christdemokratischen Unternehmenslenker. Neben dem scheidenden Siemens-Chef und der Bundesministerin blieben der einstigen Bundespräsidenten-Kandidatin und Hochschulpräsidentin Gesine Schwan sowie Gründungsförderer Friedrich Bornikoel nicht mehr als die Statistenrollen.

Gesine Schwan
Prof. Dr. Gesine Schwan (60) studierte in Freiburg Politische Wissenschaften. Ihre Dissertation schrieb sie über den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski. 1999 wird die Westberlinerin Präsidentin der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder. Schwan, die fließend polnisch spricht, baut die Hochschule als Brücke zwischen Deutschen und Polen aus: Ein gutes Drittel aller 5000 Studenten kommt aus dem Nachbarland im Osten.
Die Kandidatin der rot-grünen Koalition für das Bundespräsidenten-Amt wird innerhalb der SPD zum rechten Flügel gezählt. Gesine Schwan ist Witwe und zweifache Mutter.

Trotz aller Differenzen haben Bulmahn und von Pierer nicht in allen Punkten verschiedene Ansichten. „Die amerikanischen Universitäten sind nicht besser als unsere. An den Technischen Hochschulen wird exzellente Arbeit geleistet, die Fachhochschulen bieten hervorragende praktische Ausbildungen, die wir in der Wirtschaft sehr gut nutzen können“, attestiert von Pierer der akademischen Bildung. „Die Elitediskussion regt den Wettbewerb unter den Hochschulen an. Darin bin ich mir mit Frau Bulmahn einig.“ Während die Ministerin aber Studiengebühren für „kein Allheilmittel“ hält, ist es von Pierer ein Rätsel, warum Kindergarten-, nicht aber Studiengebühren erhoben werden.

Der These, Schulbildung durch Beseitigung des dreigliedrigen Systems noch „deutlich zu verbessern“ (Bulmahn), wollte der Siemens-Chef nicht zustimmen. Schließlich sei das Gefälle zwischen dem Norden und dem unionsgeführten Süden doch offensichtlich. Besorgnis erregend seien vor allem die Leistungen in Lesen und Schreiben. Von den 50 000 Jugendlichen, die sich jährlich bei Siemens um eine Lehrstelle bewürben, seien viele aus diesem Grunde ungeeignet.

Im Gegensatz zu Friedrich Bornikoel, Vorstand der Techno Venture Management GmbH, glaubt der Münchner Firmenleiter, dass auf einigen Forschungsgebieten der Zug schon abgefahren ist. „Bio- und Gentechnologie haben sich längst global aufgestellt und die Forschung in die USA verlegt. Große Dinge ereignen sich dort, nicht bei uns.“ Schuld daran sei vor allem die überbordende Bürokratie, die mit ihrer deutschen Gründlichkeit Innovationen lähme und ersticke. Ein Existenzgründer müsse „Cheftechniker, Chefverkäufer, Chefbetriebsrat und Chefarbeitsrechtler sein“, um letztlich an einer falsch angebrachten Steckdose zu scheitern. Motivation zur Selbstständigkeit sei unter diesen Bedingungen nicht zu erwarten.
Das konnte Bulmahn nicht auf sich sitzen lassen. Wie anders als durch effektive politische Förderung seien schließlich die immensen Fortschritte bei einigen Technologien zu erklären? In der Lasertechnik hätte Deutschland in den 80er Jahren noch auf den Import gesetzt, inzwischen seien im Bereich der Produktionslaser über 50 000 Arbeitsplätze entstanden. „Darüber aber redet hier keiner“, ebenso wenig wie über die Erfolge bei den Lebenswissenschaften, der Telekommunikation und der Nanotechnologie. Die USA seien in der Gentechnologie tatsächlich 15 Jahre voraus, aber nur deshalb, „weil die deutschen Firmen damals einer Diskussion zum Thema aus dem Wege gingen und kampflos das Feld in Richtung Ausland räumten.“

Verschiedener Meinung waren Bornikoel und von Pierer bei der Gewichtung von Grundlagen- und angewandter Forschung. Auftragsforschung dürfe nicht verfrüht einsetzen, da sie sonst Innovationen blockiere, meint der Venture Capital-Experte. Überhaupt zögere die Industrie bei frühzeitiger und andauernder Forschungsfinanzierung. Von Pierer hingegen hält Innovationspreise für eine „feine Sache“, würde sich aber freuen, wenn weniger auf „abstrakte Erfindungen“ als vielmehr auf Praktikabilität geachtet würde. „Nur so entstehen Arbeitsplätze.“

Mit ihrer Taktik der allgemeinen Kostensenkung seien deutsche Firmen auf dem Holzweg, kritisiert Gesine Schwan. „Es ist ein Fehler, immer in technokratischen Mustern zu denken. Darunter leidet die Fantasie, sich auf neue Märkte einzustellen.“ Von Pierer verteidigte die Strategie seines Unternehmens. Während Siemens ein Facharbeiter in Deutschland rund 50 000 € koste, sei er in Ungarn für 10 000 € zu haben. „Unser Vorgehen, durch längeres Arbeiten die Kosten einzudämmen, ist fast überall positiv aufgenommen worden – bis auf ein paar laue Äußerungen von Gewerkschaftsvertretern.“

Ein Beitrag von:

  • Wolfgang Schmitz

    Wolfgang Schmitz

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Bildung, Karriere, Management, Gesellschaft

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