Hochschule

Kein Pardon für den Ruhrpott

VDI nachrichten, Düsseldorf, 30. 1. 04 -Die Ruhr-Universität Bochum pocht auf ihren sozialen Bildungsauftrag und dessen finanzielle Unterfütterung, fühlt sich bei der strengen Mittelvergabe aber von der Politik im Stich gelassen.

Gerhard Wagner sagt „Ja“: Ja zur leistungsorientierten Mittelvergabe und daher auch Ja zu mehr Wettbewerb unter den nordrhein-westfälischen Hochschulen. Der Rektor der Ruhr-Universität Bochum hängt seinem Bekenntnis jedoch ein ebenso überzeugtes „aber“ an. Denn dass den Ruhrgebiets-Universitäten Essen/Duisburg, Dortmund und Bochum ab 2004 jeweils rund 4 Mio. € jährlich weniger zur Verfügung stehen sollen, was einer Kürzung um 1 % entspricht, will Gerhard Wagner nun doch nicht einsehen.
Das NRW-Wissenschaftsministerium unter Leitung von Hannelore Kraft setzt bei der Mittelvergabe auf die Etablierung von Leistungskriterien. „Den größten Faden, den ich in der Hand halte, ist das Geld“, sagte Kraft in einem Gespräch mit den VDI nachrichten. „Zurzeit bekommen die Hochschulen noch 9 % aus dem Mittelvergabe-Topf, mittelfristig werden sie über 20 % nach Leistungskriterien erhalten.“ Die Hochschulen müssten kritisch überprüfen, wo die Qualität in Forschung und Lehre verbessert werden könnte.
Unter der Überschrift „Forschung“ sind dies die nachweisbaren Erfolge bei der Zahl der Dissertationen sowie die Drittmitteleinwerbung. Die Ruhr-Universität gehört zu den 15 deutschen Hochschulen, die sich 50 % der Zuwendungen aus dem Topf der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) teilen. Spitzenforschung können die Bochumer insbesondere auf den Gebieten Neurowissenschaften, Materialforschung, Psychologie, Biologie und Plasmaphysik vorweisen. „Hier stehen wir exzellent da“, sagt Wagner.
Was ihm jedoch zu schaffen macht, sind die Angaben zur Studiendauer „seiner“ Studenten und zu den Absolventen- bzw. Abbrecherzahlen. „Auf diesen Feldern schneiden wir schlechter ab als andere Universitäten.“ Die Bochumer Hochschule aber an den Universitäten in Bonn, Düsseldorf oder Köln zu messen, wäre, als vergliche man „Äpfel mit Birnen“, so Wagner. „Wir haben nun einmal einen anderen sozialen Hintergrund, dem die Politik Rechnung tragen sollte. Wir haben keine schlechteren Studenten als andere Städte, nur brauchen junge Menschen in dieser Region aufgrund familiärer und finanzieller Voraussetzungen nun einmal länger für ihr Studium.“ Dazu trüge auch der hohe Anteil von Migrantenfamilien bei.
Wagner beruft sich auf die Historie, nach der Kaiser Wilhelm rund um die Zechen eine hochschulfreie Zone gefordert haben soll: Keine Kasernen und Universitäten im Ruhrgebiet, denn hier sollten die Menschen arbeiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Ruhr-Universität die erste Hochschule im „Pott“ – mit der Mission, sich um die Kinder aus den Arbeiterfamilien zu kümmern. Diesen historischen Bildungsauftrag wolle die Politik nun nicht mehr sehen. „Statt unser Engagement zu fördern, streicht die Landesregierung uns jetzt Gelder.“
Im Ministerium hat man wenig Verständnis für Wagners öffentliche Kritik. „Wir haben in Bochum angefragt, die Ansprüche mit Zahlen zu belegen. Das ist meines Erachtens noch nicht erfolgt“, sagt Pressesprecher Thomas Breustedt. Überhaupt sei der Vergleich mit Hochschulen längs der Rheinschiene nicht angebracht. Im Vergleich zu Köln seien die sozialen Unterschiede keineswegs groß, was an der etwa gleich hohen Arbeitslosenzahl auszumachen sei. Breustedt verweist auch auf die tief im Ruhrgebiet ansässige FH Dortmund, die bei der Mittelvergabe zu den Gewinnern zähle. „Zudem zeigt eine Studie des Hochschul-Informations-Systems, dass es keinerlei Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Abbruch und sozialer Herkunft gibt.“
Nach dem Stand der Dinge gehören elf Universitäten oder Fachhochschulen zu den Gewinnern, 14 zu den Verlierern des von Hannelore Kraft losgetretenen Wettbewerbs. Die Ruhr-Universität wird nicht auf einen Meinungswandel der Ministerin hoffen können, dazu hat sie bereits zu tiefe Pflöcke eingeschlagen. „Ich sage den Hochschulen: Diejenigen, die sich verändern, werden die Gewinner sein, und die diejenigen, die das nicht tun, werden verlieren.“ Schluss, Aus. Traditionen und regionale Bildungsaufträge haben unter Kraft nur geringe Überlebenschancen.
WOLFGANG SCHMITZ

Von Schmitz

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