Hochschulreform

Kann Bologna auf Humboldt verzichten?  

Bachelor statt Diplom, das bedeutet für die einen den Verlust klassischer wissenschaftlicher Bildung, für die anderen die zeitgemäße Hinwendung zu größerer Berufstauglichkeit der Hochschulabsolventen. Die VDI nachrichten bilden im Folgenden drei von sehr viel mehr unterschiedlichen Meinungen ab. VDI nachrichten, Düsseldorf, 11. 12. 09, ws

Der Bologna-Prozess mit seinen Studiengängen Bachelor und Master ist weit mehr als der Versuch, den europäischen Hochschulraum zu harmonisieren. Er symbolisiert den Aufstieg einer Weltanschauung, die nicht mehr Bildung durch Wissenschaft, sondern „Employability“, die Berufsfähigkeit der Absolventen, zum vorrangigen Ziel erklärt.

Die Reformkritiker hingegen sind vor allem an den Unis zu finden, wo der berufsqualifizierende Bachelor als Angriff auf Humboldt“sche Bildungsideale gesehen wird. „Die Bologna-Reform hat viele positive Impulse gesetzt, teilweise aber auch erhebliche neue Probleme erzeugt“, heißt es bei den TU9, den größten deutschen Technik-Universitäten. „Die Wirtschaft muss nun einsehen, dass es nicht nur darum gehen kann, junge Menschen möglichst schnell durch ein verschultes Universitätsstudium zu schleusen. Bildung ist keine Ware . . . Bildung heißt, dass man im Rahmen seines Studiums auch mal nach links und rechts schauen können muss.“

Bologna ist das Ende Humboldts. So jedenfalls sieht es Walter Krämer. „Die deutsche Ingenieurausbildung auf den Kopf zu stellen, dazu gab es nicht den geringsten Anlass“, meint der Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund. „Ich kenne keinen einzigen Universitäts-Hochschullehrer, der in den 90er-Jahren nach Bologna gerufen hätte.“

Das Studium opfere die akademische Freiheit zugunsten einer freiheitsraubenden Verschulung im Bachelor, die jeglichen „wissenschaftlichen Hunger“ unterdrücke. Krämer: „Das Bologna-Monster war eine Kopfgeburt von unifernen Ministerialbürokraten“, die dazu führe, dass Universitäten zu Fachhochschulen mutierten.

Aber haben Humboldt“sche Bildungsideale für Ingenieurstudierende ähnliche Bedeutung wie für Geisteswissenschaftler? „Und ob!“, meint Krämer. „Seit Archimedes verstehen sich die wirklich guten Ingenieure auch als Wissenschaftler. Diese Gleichstellung haben sich die deutschen Ingenieure im 19. Jahrhundert hart erkämpft.“ In Deutschland herrsche – im Gegensatz zu den USA – die Mehrheitsmeinung, dass der weiterbildende Master ein „Grundrecht“ für alle Studierenden darstelle. „Warum dann die Zweiteilung überhaupt?“, so Krämer.

Gerade diese Teilung ist für Jutta Rump ein wichtiges Kriterium, warum Bologna ein Fortschritt sei. „Der Bachelor ist eine Ebene über dem Meister, eine unter dem Master“, sagt die Leiterin des „Instituts für Beschäftigung und Employability“ an der Fachhochschule Ludwigshafen, und verfüge deshalb über hohe fachspezifische Anteile mit der für eine akademische Ausbildung nötigen theoretischen Tiefe. Anders als der Meister öffne der Bachelor darüber hinaus Einblicke in andere, auch fachfremde Disziplinen, anders als der Master stelle er die Berufsbefähigung in den Mittelpunkt.

Schon in ihrem Ansatz mache die Reform Sinn, schließlich würden alle Studiengänge auf die aktuellen Bedürfnisse des Arbeitsmarktes überprüft. Wer allerdings glaube, mit einem Bachelor-Schmalspurstudium von sechs Semestern Fachwissen und Methoden- sowie Sozialkompetenz in wenig Zeit packen zu können, schaffe sich zwangsläufig Gegner, und bestätige all jene, die dem Bachelor Allgemeinbildung im Sinne Humboldts absprächen. „Viele Professoren haben die Inhalte nicht überdacht, sondern sie einfach um zwei Semester gegenüber dem Diplom zusammengeknautscht“, meint die BWL-Professorin. Seien die Ziele eines Studiengangs nicht in sechs oder sieben Semestern zu erreichen, dann eben in acht. Die Crux sei also nicht die Reform, sondern deren Umsetzung. „Wenn ich mich schwertue, Inhalte wie etwa Sozialkompetenz zu kommunizieren, dann muss ich mir als Studiengangsleiter Gedanken machen, wo ich mir diese Kompetenzen herhole.“

Uwe Schimank von der Fernuniversität Hagen versteht die Auseinandersetzung zwischen „Humboldtianern“ und „Bolognesern“ als Konflikt zweier bipolarer Bildungskulturen: „Die Bologneser sehen sich selbst als ,progressiv“ im positiven Sinne an: Sie erkennen die Zeichen der Zeit. Von den Humboldtianern werden sie hingegen als mutwillige Zerstörer einer gesunden Tradition eingestuft“, schreibt der Soziologe in einem Beitrag unter dem Titel „Humboldt in Bologna – falscher Mann am falschen Ort?“.

Schimank glaubt, dass Bologna sich nur durchsetzen konnte, weil die oftmals nicht mehr aus dem Bildungsbürgertum stammenden Studierenden nicht rückhaltlos mit den Professoren hinter Humboldt stehen. Dieser akademisch gebildete Nachwuchs sehe Bildung weniger als Selbstzweck denn als Mittel zum sozialen Aufstieg.

Bislang sei dieser Konflikt nicht ausgetragen worden. Das aber sei dringend erforderlich, schließlich ginge es nicht um einen Verdrängungswettbewerb, sondern um die „Mobilisierung der Begabungsreserven“ und um die Lösung des Fachkräfteproblems. Schimank: „Der seit über 100 Jahren schwelende Konflikt zwischen einem gesellschaftlich an Einfluss verlierenden Bildungsbürgertum und den aufstiegswilligen unteren und mittleren Mittelschichten ist nicht mit Formelkompromissen aus der Welt zu schaffen. Vielleicht sollte er heute, in Bologna, endlich offen ausgetragen werden.“ W. SCHMITZ

Von W. Schmitz

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