Nachwuchsförderung

Junge Forscher üben Karrieresprünge

VDI nachrichten, Nürnberg, 19. 3. 04 -Multifunktionale Polymere. Ein komplexes Thema, das Experten mit akademischer Ausbildung vorbehalten bleibt. Falsch. Auch Jugendliche sind unter fachlicher Betreuung in der Lage, sich solch anspruchsvollen Herausfor-derungen zu stellen. Siemens fördert mit der „Talent Academy“ bundesweit hoch Begabte.

Strahlende Sonne auf strahlenden Gesichtern, aufgeregte Schüler und stolze Eltern – oder ist es umgekehrt? Die Teilnehmer der zweiten „Talent Academy“ von Siemens in Erlangen präsentieren die Ergebnisse, die sie während der Faschingsferien im Team erarbeitet haben.
„Also . . . „, beginnt Melanie, die erfolgreich gegen die Nervosität ankämpft, ihre wohldurchdachte Rede. Fast jeder und jede der 20 hoch Begabten kommt während der Präsentation einmal ans Mikrophon. Multifunktionale Polymere, also Kunststoffe, die verschiedene Eigenschaften kombinieren, sind in diesem Jahr das Thema, durch das sich Elft- und Zwölftklässler aus zwölf bayerischen Partnerschulen mit Unterstützung von Siemensforschern gearbeitet haben. Schlüssig und ohne Zeitüberschreitung erklären sie chemische Grundlagen, Anforderungen an Kunststoffe, ihre Geschichte sowie Risiken und Umweltaspekte im Lebenszyklus einschließlich Energiebilanz. Auch eine innovative Idee fehlt nicht: Durch exotherme Selbstauflösung könnte der Becher einer Fertigsuppe die Energie zum Kochen genauso erübrigen wie das Abfallproblem.
Die Betreuer versichern, es sei nicht ihre Anregung gewesen, dass Nutzen und Risiken von Kunststoffen durch die Saugfähigkeit von Babywindeln und giftige Weichmacher im Schnuller illustriert werden. Passend dazu haben die Schüler auch ein visionäres Entwicklungsziel definiert: Würden verschluckte Putzmittel im Magen direkt absorbiert, so blieben Kindern und Eltern dramatische Fahrten ins Krankenhaus zum Magenauspumpen erspart.
Die Talent Academy findet im Rahmen eines Partnerschulen-Programms des Elektronikkonzerns statt, das rund 150 Schulen in Deutschland nutzen. Jeder Standort pflegt die Beziehungen den örtlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten entsprechend. Damit Kontakte und Aktionen nicht an der Oberfläche versanden, vereinbaren Schulen und Unternehmen Jahresprogramme, die am Ende evaluiert werden. Wem diese Verbindlichkeit zu eng ist, der kann als so genannte „Kontaktschule“ auch lockerere Verbindungen pflegen. Zu den Partnerschulen in Erlangen zählen nicht nur Gymnasien sondern jeweils auch eine Grund,- Haupt- und Realschule.
Von „Wurschtsemmel-Coca-Cola-Vormittagen“, um die müden Wochen zwischen Notenschluss und Sommerferien tot zu schlagen, hält die Erlanger Projektleiterin Rebecca Ottmann wenig. Die Veranstaltungen finden meist nachmittags nach dem eigentlichen Unterricht statt und sind über das Jahr verteilt. Für die Talent Academy opferten die Teilnehmer die Hälfte ihrer einwöchigen Ferien.
Dafür konnten sie neben dem Besuch des global operierenden Forschungszentrums auch das Trainingszentrum des Weltumradlers Hubert Schwarz nutzen, Gruppenerlebnis im Hochseilgarten und beim frühmorgendlichen „Nordic Walking“ inbegriffen. Teamfähigkeit, Selbstorganisation und Initiative, kurz „kooperative Selbstqualifizierung“, nennt Ottmann als Schlüsselqualifikationen, die das Programm neben fachlicher Kompetenz fördern will.
Armin Weichselbaum, Leiter des Marie-Therese-Gymnasiums in Erlangen, begrüßt das Angebot als Ergänzung zur Breitenförderung, zu der der reguläre Unterricht verpflichtet ist. Für die gezielte Förderung von Außenseitern oder auch Talenten fehlen da oft Zeit und Mittel. „Partner sind deshalb willkommen, wobei Verbindungslehrer die Bildungsziele in der Hand behalten.“
Bedenken wegen kommerzieller Einflussnahme wurden in manchen Kollegien diskutiert, doch die Erfahrungen sind positiv. Willi Klement, Verbindungslehrer im benachbarten Forchheim, betreibt nach jedem Projekt eine kritische Nachbereitung. „Verheiratet“ sei man mit den Partnern nicht. Kritikfähigkeit sei auch ein Bildungsziel, das sich hier mit Blick auf die Wirtschaftsrealität üben lässt. Selbstverständlich bleibt Werbung ausgeschlossen.
Und wo bleiben diejenigen, denen bisher vielleicht nur die Gelegenheit fehlte, ihre Talente zu entdecken? Für sie gibt es PC-Kurse ab der fünften Klasse, Bewerbertrainings in der Mittelstufe oder lehrplanbezogene Expertenreferate. Und auch nach der Schule braucht der Faden nicht zu reißen. Wer möchte, kann den Kontakt als Student über Mentorenprogramme weiterführen.RALF KISTERMANN

Von Kistermann

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