Hochschule

Interessante Projekte sollen Talente locken

In der New Economy tobt der „War for Talents“. Um sich kompetente Mitarbeiter rechtzeitig zu sichern, richten Unternehmen so genannte „Thinktanks“ ein.

Die intensive Zusammenarbeit mit Hochschulen gehört inzwischen zum kleinen Einmaleins jedes Internet-Dienstleisters. Meist geht es darum, möglichst früh junge Talente zu gewinnen und an Firmen zu binden. Einige Unternehmen betreiben über diese klassischen Recruiting-Pfade hinaus ungewöhnliche Thinktanks. Wie sehen diese aus und was bringt eine Kooperation den beteiligten Hochschulen wie Unternehmen?
Berlin, Unter den Linden. Wer sich in die neue Hauptstadt-Dependance des Schwarzwälder Internet-Dienstleisters GFT Technologies AG begibt, glaubt in einer zeitgenössischen Galerie gelandet zu sein. Klar, es gibt wie überall Besprechungsräume, PC-Arbeitsplätze und Teeküche. Aber auch Monitore mit Kameras. Seltsam „verrauscht“ sieht man hier sein Ebenbild. Raum und Zeit scheinen aufgelöst, weil jede Bewegung per Zufallsgenerator entweder verlangsamt oder beschleunigt dargestellt wird. „Mikroelativität“ heißt die Installation von Hans Diebner, Leiter des Instituts für Grundlagenforschung am Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe (ZKM). Weiter geht es zu einem Fahrrad. Kein Fitnessgerät, sondern ein Kunstwerk mit dem Titel „The Legible City“ (1988-1991). Mit dieser Installation kann man durch Städte fahren, sich quasi mit dem Fahrrad durch einen konzeptionellen Raum lesen. Fast schon ein Klassiker von Jeffrey Shaw, Künstler und Leiter des Instituts für Bildmedien am ZKM in Karlsruhe.
Beides sind erste Ergebnisse einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit. Knapp ein Jahr ist es her, dass sich die IT-lastige GFT mit dem ZKM zusammen getan hat. 1 Mio. DM floss von GFT in die zweijährige Kooperation. Reines Kultursponsoring ist dies nicht. Es geht um mehr: Zusammen mit ZKM-Künstlern will GFT Anwendungen entwickeln. Zum Beispiel im Mobile Computing. Oder der Logfile-Analyse, d.h. der systematischen Auswertung von Benutzerdaten, um Kunden personalisierte Dienste oder individualisierte Netzkanäle anbieten zu können. Dazu kommen laut Erwin Haller, Technologievorstand bei GFT, Wettbewerbsvorteile gegenüber Konkurrenten: „Bei komplexen Kundenprojekten ist nicht nur Hightech gefragt, sondern auch Emotion und experimentelles Denken“. Klar: Das ZKM biete zudem einen Imagegewinn in Richtung „wir sind nicht nur die drögen Technologen aus dem Schwarzwald“.
Nicht ganz so zentriert auf einen einzigen Thinktank ist der Berliner Internetdienstleister I-D Media AG. Martin Grothe, Leiter Corporate Development bei I-D Media, setzt auf eine breit gefächerte Zusammenarbeit mit derzeit fünf Hochschulen. Darunter die Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Koblenz, die Hochschule der Künste Berlin (HdK), aber auch die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolff in Potsdam-Babelsberg. Ziele für I-D Media sind einerseits die Positionierung an den Unis selbst wie der Wissenstransfer und -aufbau für die Mitarbeiter. Denn: Nicht zuletzt geht es darum, Referenten mit speziellem Know-how für die unternehmenseigene I-D Academy zu gewinnen, um Mitarbeiter zu schulen. Enger Kontakt wird aber auch aus anderen Gründen z.B. zu WHU-Absolventen gehalten. Viele sind heute Geschäftsführer von Start-ups wie z.B. Ebay, Jamba oder Justbooks. Darüber lassen sich neue Service-Bereiche für eigene Kundenprojekte erschließen.
Noch direkter ist die Zusammenarbeit mit der HdK sowohl von Dozenten- als auch von Studentenseite. „Einen absoluten Know-how-Schub erhalten unsere Mitarbeiter im Bereich Interactive-Digital-TV durch ein ganzjähriges Seminarprogramm im Bereich Film und Dramaturgie“, freut sich Grothe.
Andererseits bietet I-D Media einem achtköpfigen Studententeam derzeit die Möglichkeit, eine eigene Netzgemeinschaft auf der I-D Media-Plattform „Cycosmos“ einzurichten. Martin Grothe ist jetzt schon auf die Reaktion der Cycosmos-Mitarbeiter gespannt, „die in ihrem internen Trott sind“, wenn das Studententeam ihr Community-Modell vorstellt. Grothe ist zudem davon überzeugt, dass reines Recruiting an Hochschulen längst nicht mehr ausreicht, um Studenten an ein Unternehmen zu binden. Inhaltlich spannende Projekte an den Hochschulen seien es, die neue Mitarbeiter anziehen und im Gegenzug oft Know-how-Sprünge für Unternehmen bieten. NIKOLA WOHLLAIB

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