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Ingenieurkunst aus Thüringen

VDI nachrichten, Nordhausen, 15. 10. 04 -Im thüringischen Nordhausen, einem traditionellen Standort für Funk- und Antriebstechnik, haben sich nach dem Zusammenbruch der großen Kombinate kleine erfolgreiche Spezialfirmen etabliert. Dazu kamen eine neu gegründete Fachhochschule und eine industrienahe Forschungs- einrichtung.

Pünktlich um 11:44 Uhr geschieht am Bahnhof Nordhausen etwas in Deutschland noch sehr Ungewöhnliches: Die Straßenbahn zieht ihre Stromabnehmer ein, der Fahrer wechselt zum anderen Ende der Bahn und wirft den Dieselmotor an. Der erste Hybrid-Antrieb für eine Straßenbahn wurde vom Institut für Maschinen, Antriebe und elektronische Gerätetechnik (IMG) entwickelt.
Dass die Kreisstadt mit dieser Entwicklung als „Nordhäuser Modell“ in Fachkreisen bekannt wurde, ist für die Einwohner nichts Besonderes. Die zweite Thüringer Landesgartenschau in diesem Jahr sorgte schon für viel Zuspruch und Besucher. Die Blütenpracht umrahmt die Sehenswürdigkeiten des mehr als tausend Jahre alten Städtchens, das von dem 62 m hohen Petri-Turm überragt wird. Renovierte Jugendstilvillen und Neubauten wechseln sich ab. Nicht allzu viel Bausubstanz hat die schweren Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs überlebt. Doch ein besonderes Wahrzeichen ist den Nordhäusern geblieben: der Korn.
Die Nordhäuser Brennerei, schon zu Vor-Wende-Zeiten ein weithin bekanntes Vorzeigeunternehmen, hat sich ebenso in die neue Westwelt gerettet wie eine andere Spezialität. Telefone, „made in DDR“, exportierte der VEB Fernmeldewerk Nordhausen in Millionen Stückzahlen in alle Bruderstaaten. Der einst „Volkseigene Betrieb“ heißt heute FMN Communications. 1992 übernahm das Management die Firma. Andreas Goldschmidt, seit den frühen 80er Jahren in Nordhausen, hat die Turbulenzen des Ex-Marktführers miterlebt. Heute ist der Informatiker Geschäftsführer der rund 100 Beschäftigten. Der geschätzte Jahresumsatz für 2004 liegt bei 13 Mio. €. Ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 25 %.
Für Furore sorgte die Technologieschmiede auf der diesjährigen CeBIT mit ihren WLAN-Fernsprechern. Ein robuster Münzapparat, wie man ihn in Zeiten des Handys schon fast vergessen hat. Nach Fütterung durch Bargeld oder Karten jeglicher Art spuckt er ein Zettelchen aus. Darauf stehen Zugang und Log-in für den drahtlosen Internetzugang (WLAN). Bis zu 16 Surfer kann ein Apparat bedienen.
Um Ärger mit der Zahlkundschaft am Telefon zu verhindern, haben die Techniker Sicherheitsbarrieren eingebaut. So wird nur dann kassiert, wenn die Leitung steht. Und für die Betreiber ist sicher gestellt, dass weder nachgemachte Münzen noch Fremdwährung bei Einwurf funktionieren. Zudem gibt es einen Zweifachkönner, der unter dem Label „call & surf“ Telefonieren per Münze und Internetzugang kombiniert.
Schalen in Magenta, die die WLAN-Antennen vor Beschädigung schützen sollen, liegen bereits in der Qualitätskontrolle bei FMN. Doch Ziel der Telefonbauer ist nicht allein die Zulieferung an Großkunden wie die Deutsche Telekom AG. Geschäftsführer Goldschmidt will den Bezahl-Hotspot auch selbst vermarkten. Mit einem Kaufpreis von rund 1200 € ist das Gerät aus Sicht der Hersteller für kleine Hotels ebenso interessant wie für Jugendherbergen, auf Bahnhöfen und Flughäfen. Eben an all jenen Orten, an denen Besucher, die weder First-Class reisen noch in Fünf-Sterne-Hotels nächtigen, „schnell mal ihre E-Mail oder eine Bahnverbindung checken wollen“, so Goldschmidt.
Für die Entwicklung dieses neuen Modells brauchten die Nordhäuser nur fünf Monate. Der Vertrieb startet gerade. Ob die einfache Bargeldbezahlung für WLAN den Durchbruch bringt, bleibt abzuwarten. Bislang verdient FMN sein Geld überwiegend mit herkömmlichen Münzfernsprechern. „Wir sind im Bereich der Clubtelefonie in Marokko Marktführer“, berichtet der 55-jährige Informatiker. Dort hängt in zahllosen Telefonboutiquen ein robustes Gehäuse mit FMN-Innenleben.
Die Spritzgussgehäuse kommen aus Fernost, Funkbaugruppen und Elektronik aus aller Welt. Bei FMN wird veredelt, modifiziert. Als „typischer Mittelständler sind wir enorm flexibel und können Marktbedürfnisse und Kundenwünsche sehr schnell realisieren“.
Die thüringischen Tüftler beobachten zudem sehr genau neue Entwicklungen wie den geplanten einheitlichen Polizeifunk BOS oder auch das europäische Galileo-Projekt. Eine der Innovationen der 20-köpfigen Entwicklungsabteilung: Funk-Sensor-Netzwerke, die einige Kilometer Entfernung überbrücken können.
Ganz neu ist ein Chip, der die Energieversorgung der Sensoren bis zu einem Jahr gewährleistet. Goldschmidt gerät ins Schwärmen, wenn er an die unterschiedlichen Einsatzgebiete für sein Produkt denkt: Industrie und Militär sind potenzielle Abnehmer.
Während bei FMN nach immer neuen Produkten aus den Bereichen Funktechnik oder Telefonbau gesucht wird, sitzen wenige Kilometer entfernt 76 Techniker unterschiedlichster Fachbereiche und denken darüber nach, für welche Innovationen ein Markt vorhanden wäre. Im Gegensatz zu FMN arbeitet das Institut für Maschinen, Antriebe und elektronische Gerätetechnik mit öffentlichen Geldern. In Europa, bei Bund und Land reichen sie Projektanträge ein.
Eine Forschungseinrichtung mit zielgerichtetem Blick auf den Markt – so versteht Dirk Jagemann, der Leiter für Marketing und Vertrieb, die Aufgabe der gemeinnützigen Einrichtung. Die Interdisziplinarität ist für Jagemann die entscheidende Stärke des Instituts. Hier arbeiten Elektrotechniker, Maschinenbauer, Werkstoffexperten und Konstrukteure eng zusammen.
Der bislang größte Erfolg gelang den IMGlern mit dem Hybridantrieb. Der 31-jährige Elektrotechniker Sven Gebhard erläutert gerne all das, was eine Straßenbahn normalerweise nicht hat. Den Auspuff, die Tankanzeige, den Zündschlüssel und schließlich den Motor. „Dort ist alles drin, was wir können.“ Der 120 kg schwere Dieselmotor mit eigener Steuerung ist ein modifizierter BMW-Motor. Die Füllung des 160-l-Tanks, der unter dem Fahrscheinautomaten untergebracht ist, reicht für einen Tag. Auf dem Dach der Straßenbahn befindet sich die Leistungselektronik mit Kühlmodul und Lüftern, die den Fahrtwind simulieren.
Seit 1995 läuft bei dem IMG die Entwicklung des Hybrid-Antriebs. Bis zu 20 Ingenieure waren in Spitzenzeiten daran beteiligt. Die Stadt Nordhausen überließ den Wissenschaftlern ein ausrangiertes Straßenbahnmodell, das bald schon unter dem Namen „Twino“ durch Nordhausen zuckelte. Im Twino steckte noch ein 1,5 Tonnen schwerer Antrieb, der den Fahrgastraum komplett ausfüllte. Drei Jahre dauerte es, bis Marketingchef Jagemann sagen konnte: „Wir haben gelernt, ein Produkt von null auf Serienreife zu bringen.“
Im Herbst 2003 fuhr Sven Gebhard nach Krefeld. Dort fertigte Siemens unter anderem das Straßenbahnmodell „Combino“, in das der Hybridantrieb eingebaut wurde. Seit dem 1. Mai 2004 heißt es in Nordhausen „umsteigefrei vom Harz bis in die Innenstadt“.
Siemens hat an der Entwicklung keine exklusiven Rechte erworben. Die Innotrans, weltgrößte Messe für Schienenfahrzeuge im September, brachte neue Kunden – u. a. den französischen Schienenfahrzeughersteller Lohr und den deutschen Busbauer Neoplan.
Das „Nordhäuser Modell“ findet zunehmend Liebhaber. Schon lange sind die IMGler den relevanten Schienenfahrzeugherstellern ein Begriff. Alle waren sie da, sagt Jagemann. Aus ganz Europa. Und alle konnten sie das Schauspiel vor dem Hauptbahnhof beobachten. Immer 16 Minuten vor jeder vollen Stunde kommt die Harzbahn wieder an: Sie streckt ihre Fühler nach oben, holt sich die nötige Energie, um ihre Runden in der Stadt zu drehen.
B. BÖHRET/N. WOHLLAIB

Von B. Böhret/N. Wohllaib

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