Hochschule

Im Turbo-Gang durch die Prüfungszeit

„Ausnahmeerscheinungen“ wie Christoph Müller oder Heike Weber. Sie münzten die Freiheit im Studium zu ihrem Vorteil um. Selbstorganisation und eiserne Disziplin gehörten dazu.

Im Durchschnitt braucht ein Student des Maschinenbaus an der Bochumer Ruhr-Universität rund 13 Semester, um schließlich sein Diplom entgegen zu nehmen. Christoph Müller brauchte dafür nicht einmal acht Semester, und damit nicht genug: Bei der feierlichen Zeugnisüberreichung der Fakultät erhielt er sogar auch noch den Adam Opel Preis, der seit 1987 für herausragende Studienleistungen verliehen wird. Denn der 25-Jährige schloss sein Studium nicht nur rasend schnell, sondern auch noch „mit Auszeichnung“ ab. Ein Überflieger?
„Nein“, wehrt er ab, auch mit dem Begriff „Turbostudent“ kann er nichts anfangen, „ich hatte eben ein bisschen Glück und war vielleicht ein wenig konsequenter als andere“, relativiert er. Doch wenn das so einfach wäre, hätte man die Diskussion um die viel zu langen Studienzeiten deutscher Jungingenieure längst zu den Akten legen können. Natürlich gäbe es Hindernisse auf dem Weg zum Diplom in der Regelstudienzeit, hat auch Christoph Müller festgestellt: „Viele kommen mit der geforderten Selbstständigkeit der Studienplanung gar nicht zurecht und warten lange vergeblich darauf, dass sie zu ihren Prüfungen regelrecht getreten werden.“ Die Freiheit zur Langsamkeit beginne schon im Grundstudium, wobei die ständig wachsenden Anforderungen der Professoren ein weiterer Stolperstein sind. „Aber anstatt da auch mal den Mund aufzumachen, schweigen viele aus Angst, sich ihre Chancen damit erst recht zu verbauen.“
Ähnliche Erfahrungen hat auch Claus Haase von der Zentralen Studienberatung der RWTH Aachen in seinen Beratungsgesprächen gesammelt: „Viele Studierende leiden unter dem Spagat der Hochschulen, einerseits möglichst viele Studenten gewinnen zu müssen und andererseits nur Eliteabsolventen produzieren zu wollen.“ Denn die Folgen sind mitunter atemberaubende Durchfallquoten bis hin zum Vordiplom, die den Jahrgang meist um über 30 % reduzieren sollen, um den Professoren im Hauptstudium endlich ein effizientes Lehren zu ermöglichen. Die Reaktion der Prüflinge ist vorhersehbar: steigende Angst vor dem Prüfungstermin, ausufernde Vorbereitung und verlängerte Studienzeiten durch zahlreiche Prüfungswiederholungen. Haase: „Zudem lässt das deutsche System zu, Prüfungstermine hinaus zu zögern oder durch Atteste wieder abzusagen, während in Frankreich oder Belgien am Jahresende fixe Prüfungen angesetzt sind, die nicht verschoben werden können.“

Grundlagenfächer: Wo sich die Spreu vom Weizen trennt

Mit so viel Freiheit hatte auch die frisch gebackene Diplom-Statistikerin Heike Weber keine Probleme. In nur fünf Semestern peitschte die ehemalige Leistungsschwimmerin durch ihr Studium, ohne sich dabei jedoch völlig zu verausgaben: „Die meisten fragen mich immer, ob ich bei so viel Stress überhaupt noch Zeit für ein Privatleben hatte“, lacht die heute 23-Jährige, „aber bei der richtigen Organisation ist das gar kein Problem.“ Profitiert habe sie von der Möglichkeit, an der Fachhochschule Dortmund, zum Beispiel mündliche Prüfungen im Hauptstudium in Absprache mit den Professoren flexibel auch während des Semesters ablegen zu können. Außerdem sei Mathematik schon in der Schule ihr bestes Fach gewesen, und der Spaß am Fach sei nun mal die beste Motivation, findet sie.
Doch auch hier trennt sich die Spreu vom Weizen. „Zu mir kommen Studenten in die Sprechstunde, die die Welt nicht mehr verstehen“, erzählt der Aachener Studienberater, „denn gerade viele Ingenieurstudenten sammeln in der Schule locker ihre Einser-Noten und haben plötzlich mit den Mathedarbietungen in ihren Uni-Kursen enorme Schwierigkeiten.“ So sind es gerade die Grundlagenfächer wie Mathematik, die mit Hilfe enormer Stofffülle und mangelhafter Vorlesungsqualität in einen gnadenlosen Ausleseprozess umfunktioniert werden. Wer schließlich in den Sprechstunden der Studienberater landet, ist eigentlich schon auf dem Weg der Besserung, meint Haase, „während viele nur stumm mitschwimmen und im siebten Semester immer noch ohne Zwischenprüfung dastehen“.
Sogar das vielgelobte Tutorium, bei dem ältere Semester die Newcomer betreuen und Tipps für ein erfolgreiches Studium verraten sollen, kann enttäuschen: „Mein Tutor hatte nach zehn Semestern gerade mal das Vordiplom und versuchte auch uns zu bremsen nach dem Motto: Macht Euch bloß nicht Euer Leben mit zu viel Stress kaputt“, erinnert sich Christoph Müller.
Obwohl er ihm von Klausuren im ersten Semester abriet, versuchte der Turbostudent sein Glück. Als das klappte, strich er kurzerhand die Termine mit dem Tutor und organisierte sich fortan selbst. Dabei entpuppte sich der Studienverlaufsplan der Fakultät als gute Orientierung. Wie vorgeschlagen, bewältigte er neben dem Grundstudium auch die geforderte Konstruktionsarbeit und auch im Hauptstudium ließ er sich im Gegensatz zu vielen Kommilitonen nicht von Studienarbeit, konstruktivem Entwurf und Fachlabor mit zehn zu bewältigenden Versuchen aufhalten. „Hier verlieren die meisten viel Zeit, weil man das selbst organisieren muss und das viele vor sich herschieben.“ Nebenbei schob er noch ein Auslandssemester in Texas ein und arbeitete freiwillig auch in Unigremien mit.
Heike Weber sammelte während ihres Studiums wichtige fachliche Einblicke durch ihre Mitarbeit am Lehrstuhl, durch die sie sich zudem nebenbei finanzierte. 25 bis 30 Stunden habe ihr Wochenpensum für Vorlesungen und Seminare regelmäßig betragen, „schon eine Menge“, gibt sie zu, „weil ich immer versucht habe, so viel wie möglich im Semester unterzubringen, falls mal was nicht klappt.“ Aber geklappt habe dann doch immer alles. Als auch die Diplomarbeit viel schneller fertig war, als sie selbst erwartet hatte, stand sie schließlich mit 22 als Bewerberin auf dem Arbeitsmarkt und konnte sich ihren Job aussuchen. „Denn mit so einem Lebenslauf fällt man schon auf“, sagt sie, nicht ohne darauf zu bestehen, „dass ich mein Studium wirklich genossen habe.“
Christoph Müller dagegen ist an der Universität geblieben und arbeitet nun an seiner Promotion, „aber dafür lasse ich mir jetzt mehr Zeit“. Inzwischen leitet er auch selbst eigene Veranstaltungen und wundert sich über viele Defizite seiner Studenten schon bei den Mathegrundlagen. „Da tun sich viele schon mit dem Lösen von Gleichungen schwer, und ich wundere mich, wie die das Abitur bestanden haben.“ Oft stelle sich dann heraus, dass der Druck der Eltern oder die Hoffnung auf einen gut bezahlten Job die Fächerwahl geprägt habe. Die Aussichten, mit einem solchen Start das Diplom zügig zu erreichen, das weiß er aus eigener Erfahrung, „die liegen leider bei Null“. A. LEIMBACH

Von A. Leimbach

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