Standpunkt

Im Rausch der Rankings stirbt die Kreativität

Die „gegenwärtige totale Konzentration auf den Wettbewerb“ unterdrücke Potenziale, sagt die Wissenschaftlerin Gesine Schwan. Die „Hochschule der Zukunft“ müsse den wissenschaftlichen Zweifel und das Denken in Alternativen kultivieren. Unter wissenschaftlicher „Kurzatmigkeit“ leide letztlich auch die Wirtschaft.

In den letzten zirka 20 Jahren sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Teilsystemen der Gesellschaft immer mehr verwischt worden. Ein undifferenziert ökonomisches Markt- und Wettbewerbsdenken hat die gesellschaftlichen Alternativen Kunst, Kultur, Gesundheit, Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft etc. mit ihren je eigenen Logiken immer mehr aufgesaugt und damit insbesondere Hochschulen, Wissenschaft und Bildung ihres Reichtums und ihrer Vielfalt, aber auch die Gesellschaften wichtiger, ja unverzichtbarer Potenziale für die Zukunft beraubt…

Im Mittelpunkt der von mir kritisierten „Kolonisierung“ steht der Begriff „Wettbewerb“. Die Forderung des früheren BDI-Präsidenten Olaf Henkel zu Beginn der 90er-Jahre, von der Wettbewerbswirtschaft zur Wettbewerbsgesellschaft fortzuschreiten, markiert diese Kolonisierung. Seitdem gilt der Wettbewerb in allen Bereichen zugleich als Vehikel der Leistungssteigerung wie als deren Qualitätsmaß. Wer im Wettbewerb siegt, ist der oder die Beste…

Im Unterschied zur wirtschaftlichen Produktion, die die Leistungseinschätzung dem Markt überlassen kann, sind Leistungen von Bildung und Wissenschaft an andere Qualitätskriterien und auch an andere Entstehungsmotivationen gebunden. Das Ergebnis von Bildung und Wissenschaft sind nicht Produkte als Waren, über deren Nützlichkeit Konsumenten entscheiden können, sondern gebildete Persönlichkeiten und wissenschaftliche Einsichten, vielleicht und hoffentlich auch praktisch umsetzbare Konzepte, deren Qualität sich nicht in so einfachen Kategorien wie der der „Besten“ fassen lassen…

Natürlich besteht Wissenschaft nicht nur aus Zweifeln, sondern auch aus konstruktiven Ideen und Antworten: Ob es sich um eine neue literaturwissenschaftliche Interpretation von Tolstoj handelt oder um eine neue natur- und ingenieurwissenschaftliche Antwort auf die Frage nach dem Umgang mit CO2. Aber der Raum und die Zeit für Zweifel müssen auch hier immer offen bleiben, sonst gerät das Konstruktive zum Dogma oder zur Borniertheit, und eine zunächst überzeugende und rentable technische Lösung wird nicht mehr mit alternativen Lösungen konfrontiert, die vielleicht nachhaltiger wären.

Unternehmen müssen sich, manchmal mit langem Vorlauf bei großen Investitionen, für eine Technologie entscheiden. Aber diese können am Tag der Investition schon veraltet oder jedenfalls nicht mehr die interessantesten sein. Deshalb muss Wissenschaft unabhängig bleiben, um im Sinne des Gemeinwohls nach immer neuen Lösungen zu suchen.

Kooperationen sind wichtig, aber sie dürfen die Bereiche Wissenschaft und Wirtschaft um längerfristiger Interessen, d. h. des Gemeinwohls willen, nicht verschmelzen. Die „Hochschule der Zukunft“ kultiviert den wissenschaftlichen Zweifel und das Denken in Alternativen… Die „Hochschule der Zukunft“ braucht für Forschung und Lehre nicht nur mehr Geld, sondern auch mehr Zeit.

Nicht die aktuell effizienteste Produktion kann das Leitbild sein. Oft sind Umwege wichtig, weil sie unerwartete Perspektiven eröffnen können. Die gegenwärtige totale Konzentration auf den Wettbewerb…mit der Höchstschätzung von Drittmitteln, die auf rasche Forschungsergebnisse zielen, mit knappen Forschungsperioden, von denen die Hälfte darauf verwendet wird, wieder neue Forschungsmittel an Land zu ziehen – sie fördert eine Kurzatmigkeit, die nachhaltige ausgereifte Forschung konterkariert. Sie macht Wissenschaftler zu Managern, anstatt ihre spezifische Kreativität zu nutzen.

Wettbewerbsdruck, Selektion, kurzfristige finanzielle Mittel, das alles soll seit 20 Jahren den Hochschulen Beine machen, um ihre Leistung zu steigern. Man erreicht das Gegenteil und berauscht sich häufig an Kennziffern und Rankings, um besser zu kontrollieren und genau Bescheid zu wissen. Damit meinte man, das bis heute klaffende finanzielle Defizit wettmachen zu können. Mit verheerenden Folgen, die viele Potenziale zerstören…

Die Konzentration auf den Wettbewerb … blendet bei den Studierenden Fähigkeiten und Potenziale aus, weil sie gar nicht mehr abgefragt werden. Damit entmutigt man diejenigen, die dabei auf der Strecke bleiben, schafft eine Mehrheit von Verlierern…

Der Blick auf den Arbeitsmarkt ist für die Absolventen prinzipiell eine unverzichtbare Option, geschieht gegenwärtig aber häufig und vor allem bei den Wettbewerbsanhängern in der Illusion, dass man ihn für die nächsten fünf Jahre vorhersagen könnte. Alle seriösen Studien…zeigen, dass dies nicht möglich ist. Stattdessen käme es darauf an, das Wettbewerbsdenken radikal hinter sich zu lassen und die individuellen Fähigkeiten so zu fördern, das jedes Kind und jeder Studierende Spitzenleistungen nicht im Vergleich zu den anderen, sondern zu seinen eigenen Potenzialen erreicht…

Die „Hochschule der Zukunft“ kapriziert sich nicht auf Leuchttürme, sie fördert eine gleichberechtigte Vielfalt, die der Vielfalt arbeitsmarktlicher und gesellschaftlicher Anforderungen und den weltweiten Herausforderungen, die wir in ihrer Gesamtheit noch gar nicht vorhersehen können, möglichst gut entspricht.

Die „Hochschule der Zukunft“…lässt allen Studierenden die Möglichkeit offen, nach einem Bachelor…einen Master anzuschließen, um die irreführende Rennerei nach den besten Abschlussnoten zu beenden. Wenn für Bachelorabsolventen Chancen auf dem Arbeitsmarkt bestehen, werden viele ohnehin nicht sofort weiterstudieren…

In der „Hochschule der Zukunft macht es wieder Spaß, gemeinsam und im Austausch mit der Gesellschaft zu studieren, zu lehren und zu forschen. GESINE SCHWAN

Von Gesine Schwan

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