Hochschule

Hut ab – Uni ade!  

VDI nachrichten, Hannover, 2. 10. 08, Fr – Deutsche Hochschulen arbeiten an einer neuen akademischen Kultur; im Hochschulalltag aber ist davon bisher wenig angekommen. Was fehlt, ist die emotionale Bindung der Studierenden an ihre Alma Mater.

Musik schwillt an, tragend wie der Hochzeitsmarsch, die Gäste erheben sich, die Türe wird geöffnet und in Zweierreihe, mit Talar und Doktorhut ziehen 50 frischgebackene Hochschul-Absolventen selbstbewusst wie Gladiatoren unter gewaltigem Beifall in den Festsaal ein. Stolze Angehörige der neuen „Graduates“ verdrücken ob des eindrucksvollen Auftritts Tränen der Ergriffenheit, bevor sie das Spektakel kurz in ein Blitzlichtgewitter tauchen.

Dann folgen Grußworte, Urkunden-Verleihung, Standing Ovations, Festrede, Absolventen-Ansprache. Und schließlich ein gemeinsamer Hut-in-die-Luft-Wurf für die Fotografen, Umarmungen, Tränen… So geschehen in diesem Sommer an der Gisma Business School in Hannover, die ihre „Graduation“-Feier für die MBA-Absolventen in der Tradition ihrer amerikanischen Partnerin, der Purdue University in Indiana, durchzieht.

Ähnlich finden an immer mehr Hochschulen hierzulande Abschiedsrituale statt. Welch ein Unterschied zu der brüsken Art, in der sich deutsche Unis bis vor Kurzem ihrer Ehemaligen entledigten! Doch nach dem Nationalsozialismus mit seinen Ritualen in obskurem Mystizismus war, besonders nach der 1968er Generation, jede emotionale Nähe zu Institutionen suspekt und eine Alma-mater-Bindung schlicht absurd. „Deutsche Unis bedienen die Verstandeswelt, amerikanische auch die Sinneswelt“, kommentierte denn auch William G. Durden, Präsident des amerikanischen Dickinson College.

Die neue akademische Feierlichkeit an deutschen Hochschulen startete etwa zeitgleich mit der Rede vom globalen Bildungsmarkt, beschleunigt durch Hochschul-Autonomie und deren Wettbewerbsdruck, durch Rankings und Studiengebühren. Nun verlangt die neue Hochschulkultur nach einer neuen Dienstleistungsbeziehung zwischen Studierenden und Uni – und macht die amerikanisch geprägten Business Schools in dieser Hinsicht zum Modell. Wie die Kirchen – und US-Hochschulen insgesamt – nutzen sie die segensreiche Wirkung von Ritualen, die tiefe Spuren in den Seelen hinterlassen. Sie werten den Vereinzelten als Teil eines großen Ganzen auf, verleihen ihm mit mehr oder minder metaphysischem Zauber Identität, stärken mit Wir-Erlebnissen die Identifikation. Kurz: Amerikanische Hochschulen schaffen genau jenes Band zwischen Institution und Mensch, das sie brauchen, um die Zahl spendabler Alumni zu mehren und sich einen Imagegewinn zu sichern, der Wettbewerbsvorteile schafft.

Die Pennsylvania State University beispielsweise bietet ein Netzwerk mit vielen Tausend Absolventen, deren E-Mail-Adressen und berufliche Tätigkeiten ständig aktualisiert werden und auch Studierenden zur Verfügung stehen, berichtet Markus Hoppe vom Hochschulbüro für Internationales der Uni Hannover. Der Einsatz jedenfalls ist hoch. „An manchen US-Unis kümmern sich hundert Mitarbeiter um Sponsoren“, erinnert Hoppe. Sie laden zu formellen und informellen Feiern, zu Ehrungen und Graduations ein, geben Zeitungen heraus, berichten über das akademische und gesellschaftliche Leben an der Uni. „Das wird so familiär, dass manche Ehemaligen sogar in der Kapelle ihrer Uni heiraten“, erzählt Hoppe. Und es bringt Geld. „Die Johns Hopkins University in Baltimore etwa erwirtschaftet durch Fundraising, Development Services genannt, jährlich 50 Mio. Dollar“, so Hoppe. Deutsche Hochschulen dagegen – mit oft nur einer halben Stelle für Alumnibetreuung und Fundraising – halten Einsatz und Gewinn niedrig.

Da helfen auch Abschiedsrituale wenig. Im deutschen Hochschulalltag ist von der neuen „Sinnlichkeit“ kaum etwas angekommen. Während in den USA die „Klassenverbände“ an den Unis eher klein sind, die Studierenden von ausreichend Dozenten überwiegend individuell betreut und beraten werden können, müssen sich Studierende hier, vor allem in Massenfächern, allein durchbeißen. „Das Studium verlangt hohen Einsatz mit ungewissen Aussichten auf dem globalen Arbeitsmarkt, hinzu kommen Studiengebühren und hohe Lebenshaltungskosten – das produziert viel Druck und das Bedürfnis nach Sicherheit, Netzwerken, hilfreichen Freunden“, erklärt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk. Gute Zeiten also für Studentenverbindungen, die mit festen Regeln und allerlei Ritualen wie Initiationsriten, organisiertem Trinken, Gelöbnissen oder „Beichten“ traditionell vor allem emotional bedürftige (männliche) Studenten in ihren Bann zogen? Tatsächlich interessieren sich heute 17 % der Studierenden für Verbindungen, während es 1983 „nur“ 12 % waren, stellen Konstanzer Hochschulforscher fest (siehe Kasten). Doch verbindliche Mitgliedschaften nehmen ab: „Nur“ 4 % machen mit – 1983 waren es 6 % -, obwohl die über tausend Verbindungen, die sich in rund 30 Verbänden organisieren, intensiv mit billigem Wohnraum werben und „alte Herren“ auch schon “mal die Studiengebühren übernehmen.

Offensichtlich treffen die streng geregelten und hierarchisch organisierten Verbindungen nicht die heute gefragte „emotionale Wellness“. Studenten mögen zwar identitäts-stiftende Rituale, doch sie legen sich nur ungern fest sie suchen verlässliche Netzwerke, binden aber wollen sie sich nicht. Diese Ambivalenz widerspricht Studentenverbindungen, die Eindeutigkeit verlangen, die prinzipielle Unterscheidung zwischen Ausgeschlossenen und Dazugehörigen, die mit ritualisierten Veranstaltungen gefestigt werden und von Mitgliedern meist lebenslängliche Treue fordern. Und das im Zeitalter häufig wechselnder Beziehungen! Da trifft die „Emotionalisierung“ der Hochschulkultur doch eher den Zeitgeist. RUTH KUNTZ-BRUNNER

www.uni-konstanz.de

Von Ruth Kuntz-Brunner

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