Hochschule

Hilfe für Hochbegabte mit schmalem Geldbeutel  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 8. 2. 08, ws – Begabte und ehrgeizige Schüler müssen nicht selten auf ein Studium verzichten, da es die familiären Finanzen nicht zulassen. Stiftungen helfen, sind aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. NRW-Minister Andreas Pinkwart fordert Politik und Wirtschaft bei der Begabtenförderung zu mehr Engagement auf, die Sozialdemokratin Ulla Burchardt wirft den „Gebühren-Apologeten bei den Studienstipendien Wortbruch“ vor.

Sarra Kebir ist nahezu perfekt. Zumindest was ihre Schulleistungen angeht. Zum Traumergebnis fehlte der inzwischen 20-Jährigen im Abitur lediglich ein „+“ hinter der Note Eins im Fach Sport. Ansonsten erreichte die gebürtige Algerierin in allen Fächern nicht zu toppende 15 Punkte. Das entspricht einem Notendurchschnitt von 0,7 und für 2007 dem besten Abiturzeugnis in ganz Berlin. Man sollte meinen, wer über so viele Talente verfügt, dem brenne nur die eine Frage auf den Nägeln: Was soll ich studieren?

Das Beispiel Sarra Kebir zeigt aber, dass hierzulande auch jungen Überfliegern nicht zwangsläufig sämtliche Bildungswege offenstehen. „Meine Eltern können keinen Cent zu einem Studium beisteuern. Sobald Studiengebühren verlangt werden, müsste ich das Studium beenden.“ Und das trotz Bafög.

Dass sich die Vorzeigeschülerin letztlich doch für eine akademische Ausbildung entschied, verdankte sie einem Stipendium der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, das ein Studium an der Technischen Universität Karlsruhe zur Wirtschaftsingenieurin ermöglichte. „Ohne die finanzielle Unterstützung hätte ich eine Ausbildung als Hebamme gemacht.“

Mit solchen Ausnahmetalenten wie Sarra Kebir geht Deutschland äußerst verschwenderisch um. Dabei sind es nicht allein finanzielle Bildungshürden, die so manchem Überflieger den Weg versperren. Laut UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz lässt es das deutsche Bildungswesen häufig erst gar nicht zu, dass sich Begabung und Fleiß entfalten können. Es sei nicht gelungen, gleiche Bildungschancen unabhängig von der Herkunft zu bieten.

Zentrales Problem, erläutert Vernor Muñoz, sei die „sehr frühe Einstufung der Kinder auf die unterschiedlichen Schultypen, die sie auf ihrem weiteren Weg für ihre gesamte Ausbildung und Zukunft festlegen“.

Fragwürdig sei auch die Angemessenheit der Einteilung, die in rund 40 % der Fälle nicht den wahren Leistungsfähigkeiten entspräche.

Bildungsforscher Klaus Klemm von der Universität Duisburg-Essen weiß: „Bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleicher Lesekompetenz ist die Chance eines Kindes aus der höchsten sozialen Gruppe, eine Empfehlung für das Gymnasium zu erhalten, 2,6mal so hoch wie die eines Kindes aus einer Facharbeiterfamilie.“

Die soziale Schere klafft beim Zugang zur Hochschule weiter auseinander. Das Deutsche Studentenwerk hat ermittelt, dass 2005 von den Beamtenkindern 48 % Universitäten und 17 % Fachhochschulen besuchten, nur jedes zehnte Arbeiterkind hingegen die Universität und 7 % die Fachhochschulen.

Vereinzelte Fördermaßnahmen wie die „Böckler-Aktion Bildung“ mit Geldern des Bundesbildungsministeriums sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein, verhelfen jungen Menschen wie Sarra Kebir aber zu ihrem Glück. In der ersten Stiftungsrunde nahm die Hans-Böckler-Stiftung neben Sarra Kebir weitere 200 talentierte Stipendiaten auf, deren wirtschaftliche Lage ansonsten kein Studium zugelassen hätte.

Die Auswertung der „Böckler-Aktion Bildung“ sagt über die 201 Stipendiaten und ihre Studienentscheidungen folgendes aus: 63 % der Stipendiaten sind weiblich, 45,5 % kommen aus Familien mit Migrationshintergrund, die Durchschnittsnote im Abitur beträgt 1,9.

16 % der Stipendiaten entschieden sich für einen wirtschaftswissenschaftlichen Studiengang, 15 % für Mathematik oder eine Naturwissenschaft, 12,5 % für Medizin und 12 % für ein Lehramtsstudium. 10 % setzen auf die Ingenieurwissenschaften.

Dem nordrhein-westfälischen Innovationsminister Andreas Pinkwart (FDP) reicht das Engagement von Politik und Wirtschaft noch nicht aus, um denjenigen, die es verdient hätten, es sich aber finanziell nicht leisten können, ein Studium zu ermöglichen. Er schlägt ein nationales Stipendiensystem vor, um den Anteil der Stipendiaten von derzeit 2 % auf 10 % im Jahre 2012 zu erhöhen. Der Minister denkt an eine 1:1-Finanzierung zwischen Wirtschaft und Staat.

Die Studierendenvertretung fzs hat die Erfahrung gemacht, dass die „angeblichen Leistungsstipendien“ vorwiegend Studierende aus besser verdienenden Familien erhielten. Eine eindeutige Absage erteilt fzs-Vorstand Florian Hillebrand den Plänen, private Geldgeber an der Finanzierung zu beteiligen. „Wer die Stipendien bezahlt, bestimmt auch, wer sie bekommt. Studienfinanzierung ist eine staatliche Aufgabe und kann nicht durch Stipendien aus Industrie und Wirtschaft ersetzt werden.“

Mit Einführung der Studiengebühren sei die Lage für sozial Schwächere verheerend geworden, beklagt Ulla Burchardt, Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung im Deutschen Bundestag. „Reihenweise haben die Gebühren-Apologeten bei den Studienstipendien Wortbruch begangen“, schreibt Burchardt in ihrer Bilanz.

Im Saarland sei die Zahl der zu vergebenden Stipendien der schwierigen Haushaltslage des Landes angepasst, hieße es aus dem dortigen Bildungsministerium, und Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfallen oder Hessen hätten überhaupt keine eigenen Förderprogramme aufgelegt. „Ein Armutszeugnis“, meint Burchardt.

WOLFGANG SCHMITZ

 

 

  • Wolfgang Schmitz

    Wolfgang Schmitz

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Bildung, Karriere, Management, Gesellschaft

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