Hochschule

Halb Elite-Universität, halb Unternehmen  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 12. 9. 08, ws – Das Hochschulfreiheitsgesetz in NRW fordert von den Hochschulen ein neues Selbstverständnis und Profil. Die RWTH Aachen hat sich das Massachusetts Institute of Technology als Vorbild auserkoren und setzt auf straffe Managementstrukturen. Ein Change-Manager soll den Wandel gestalten. Kein leichtes Unterfangen, schließlich gilt es, eine ganze Wissenschaftsgemeinde vom „Unternehmen Hochschule“ zu begeistern.

Wir wollen spätestens 2020 die bedeutendste interdisziplinäre Hochschule hierzulande sein.“ Wenn Giuseppe Strina das im Beisein anderer Mitarbeiter von der RWTH Aachen sagt, gerät niemand in Panik. Schließlich ist man an der Aachener Elite-Universität gewohnt, die Messlatte hoch zu legen und mit Superlativen zu jonglieren: „Wir bilden Studierende für die großen Probleme der Zukunft aus, wie etwa Wasser- und Energieversorgung“, sagt der promovierte Maschinenbau-Ingenieur und Sozialwissenschaftler. „Diese Probleme bekommen wir nicht gelöst, wenn wir nicht stärkere Akzente auf die Lehre legen.“

Die Leitung der RWTH Aachen hat erkannt: Wer Tabellenführer sein will, darf die Lehre, die Basis aller wissenschaftlichen Erfolge, nicht vernachlässigen und nur einseitig auf Forschung setzen. Die RWTH wurde in der letzten Runde der Exzellenzinitiative für ihr Zukunftskonzept der Spitzenforschung ausgezeichnet, jetzt gelte es, so Strina, „diese Auswirkungen auch in die Lehre zu transportieren“.

Dass kaum ein Aachener Wissenschaftler angesichts der staatlich zertifizierten Exzellenz sowie des Hochschulfreiheitsgesetzes in NRW, das den Hochschulen neue ordnungspolitische Strukturen zuweist, mehr Angst vor dem Wandel hat, ist Strinas ureigenste Aufgabe. Bei dem neu installierten „Change Manager“ laufen die Fäden von Rektorat, Dekanen, Professoren und auch Studierenden zusammen. „Große Apparate wie Hochschulen neigen dazu, alles topdown vorzunehmen, in der Hoffnung, dass alle mit an einem Strang ziehen.“

Das ließe sich in einem solch intensiven Wandlungsprozess, in dem die Beteiligten Gefahren für ihr eigenes Wirkungsfeld sehen, nicht mehr realisieren. Kommunikation sei das Zauberwort, um Verständnis zu schaffen und alle an einen Tisch zu bekommen. Voraussetzung sei, die Ängste der Hochschulmitarbeiter ernst zu nehmen und zu hinterfragen: „Wer ist nicht mit im Boot, wer fühlt sich vernachlässigt?“

Das hieße aber auch, dass die Zeiten vorbei sind, in denen jeder sein eigenes Süppchen braut. Die Betonung von Partikularinteressen ist passé. Strina: „Zur Stärkung der universitären Managementstrukturen braucht es neben einem starken Rektorat starke Dekane. Sie müssen lernen, stärker für das gemeinsame Ziel zu denken. Früher war es so, dass in einer der neun Fakultäten eine studentische Hilfskraft nebenher die Verwaltung betreute, während in der anderen bereits professionelle Strukturen herrschten.“

Neu geschaffene Stellen für das Fakultätsmanagement sind ein weiterer Schritt, um den internationalen Wettbewerb von der Tabellenspitze zu beobachten.

Was nicht heißen soll, dass es keine Vorbilder mehr gäbe. „Wir orientieren uns am amerikanischen MIT (Massachusetts Institute of Technology, die Red.). Dort ist man stark geworden durch die Hinwendung zu Managementstrukturen und die Betonung naturwissenschaftlicher Inhalte im Einklang mit der stark technisch orientierten Ausrichtung.“

Und diese Richtung soll auch die RWTH einschlagen. „Das bedeutet für die angehenden Ingenieure, intensiver als bislang in anderen Disziplinen mitzumischen, vor allem in den Naturwissenschaften, aber auch in den Wirtschafts- und Geisteswissenschaften sowie der Medizin.“

Eine Absage erteilt Strina den Ingenieurprofessoren, die den Wettbewerbsgedanken darwinistisch interpretieren: „Wer sich sagt: ,Sollen wir die Hungerfächer mit durchfüttern? Gebt uns doch das Geld, dann sind wir zukunftsfähiger“, hat die Lage verkannt. Denn die Ingenieurwissenschaften werden allein mit Technik nicht weiterkommen. Die großen Themen der Zukunft brauchen beispielsweise auch die Geisteswissenschaften.“

Verlierer wird es bei aller Kompromissbereitschaft dennoch geben. In einem „Fünfjahresplan“ bis zum Auslaufen der Exzellenzförderung wird sich die RWTH Aachen neu aufstellen: „Wenn gewisse Fächer es nicht schaffen, die nötige Vernetzung aufzubauen und dadurch isoliert bleiben, muss die Frage erlaubt sein: Kommen wir mit diesen Fächern noch weiter?“

Giuseppe Strina steht vor einer Mammutaufgabe. Kommunizieren und zeitgleich kreieren braucht den ganzen Mann – und mehr. „Es kann beim Change-Prozess nicht bei einer Person bleiben“, weiß Strina. Denn mit der „Friedhofsruhe des 18. Jahrhunderts“ sei es jetzt endgültig vorbei. WOLFGANG SCHMITZ

Von Wolfgang Schmitz

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