Hochschule

Fachhochschul-Elite fehlt die Lobby  

VDI nachrichten, Bonn, 16. 5. 08, ws – Der Anteil der Fachhochschüler an allen Studenten liegt über 25 %, bei den amtlich auserwählten Hochbegabten aber unter 10 %. Eine mögliche Folge des Elite-Bewusstseins, das vor allem auf Unis zielt. Angesichts der Bachelor-Master-Reform mit gleichwertigen Studiengängen an Universitäten und Fachhochschulen wird das alte Denken mehr und mehr zum reinen Dünkel.

Mich fasziniert das Motorrad“, sagt Sindy Engel, im vierten Semester Studentin der Fahrzeugtechnik an der Fachhochschule München. Über ihr Lieblingsthema hatte sie schon in Klasse 10 des Gymnasiums eine Facharbeit geschrieben, die mit einem einwöchigen Schülerpraktikum bei BMW belohnt wurde. Nach dem Abitur bewarb sich Engel für das „Nachwuchsförderungsprogramm“ des Unternehmens. Es verknüpft eine Turbo-Ausbildung zur Kfz-Mechatronikerin in zweieinhalb Jahren mit dem Ingenieurstudium (FH).

Den Facharbeiterbrief hat die heute 23-Jährige mittlerweile. Vom ersten Semester an ist sie außerdem Stipendiatin der „Studienstiftung des deutschen Volkes“, des größten öffentlichen Förderwerkes für Hochbegabte. Es unterstützt gegenwärtig knapp 9000 Studierende meist an Universitäten, aber immerhin auch rund 400 Studierende an Fachhochschulen.

Der Anteil der Fachhochschüler bei den übrigen zehn Förderwerken mit freundlicher Unterstützung des Bundesfinanzministers schwankt zwischen 5 % und 10 %. „Ausreißer“ sind die Hans Böckler Stiftung, bei der jeder vierte Stipendiat an einer FH lernt, und die Hanns Seidel Stiftung mit 180 FHlern gegenüber 300 Uni-Studenten.

Diese beiden Sponsoren haben Fachhochschüler bereits 1984 in die Förderung aufgenommen, alle anderen erst später. Von den heute knapp 2 Mio. Studierenden werden 17 000 als Hochbegabte gefördert, darunter 1400 an FH. Das Stipendium richtet sich nach Bafög-Kriterien, allerdings ohne jeden Darlehensvorbehalt. Ferner bieten die Förderwerke ein Büchergeld, kostenlose Extrakurse in den Semesterferien und beste Kontakte in die Berufswelt.

„Es ist immer noch schwer, FHler für die Studienstiftung zu interessieren“, bemerkt deren Generalsekretär Gerhard Teufel. Das sagen auch die meisten seiner Kollegen bei den anderen Stiftungen. Leichter haben es Stipendiengeber wie die Seidel-Stiftung, weil sie auch Selbstbewerbungen zulassen und nicht nur Vorschläge von Schulen oder Vertrauensdozenten.

Gerade solche Ratgeber fehlen an vielen FH. Die Kandidaten müssen ein Einser- oder gutes Zweier-Abitur mitbringen, fachlich herausragen. Und immer mehr FHler erfüllen die Bedingungen, Cindy Engel ist nur ein Beispiel. Schon als Schülerin war sie Landessiegerin bei „Jugend forscht“ und einmal Vize, jahrelang nahm sie auch an internationalen Physikolympiaden teil.

Sie hat sich bewusst gegen die Universität und für ein FH-Studium entschieden, weil sie den Praxisbezug namentlich im Motorradbau höher schätzt als Theorielastiges.

Ähnlich denkt Marco Gärtner. Nach der Realschule schloss er auf einem Daimler-Berufskolleg als Industriemechaniker ab und erwarb dort gleichzeitig das FH-Abitur. Jetzt studiert der Studienstiftler Maschinenbau an der Hochschule Mannheim. „Mir kam es immer darauf an, schnell berufsfertig zu werden.“

Gärtner ist wie Engel und ein Gutteil der FH-Stipendiaten Bildungsaufsteiger aus nicht akademischen Familien. „Ein solcher Lebenslauf ist bei unseren Auswahlgesprächen kein Nachteil, sondern eher ein Plus“, erklärt Gerhard Teufel.

Fachwissen allein reicht allerdings nicht für den Kreis der Hochbegabten. Die Kandidaten müssen weiter reichende Interessen und Engagement beweisen. „Den Wal zurück ins Meer zu schieben, ist aber nicht mein Ding“, erklärt Stipendiat Gärtner. Als außerberufliche Interessen gibt er das Meerwasseraquarium und Sportschießen an. Sindy Engel liebt nicht nur den Motorrad-Sound, sondern singt selbst in ambitionierten Klassik-Chören.

Ein aktueller Bildungs-Bestseller heißt „Gestatten: Elite“. Möglich wäre auch: „Gestatten: FH-Elite“.

HERMANN HORSTKOTTE

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