Hochschule

„EU-Wissenschaftsminister fordern mehr Austausch zwischen europäischen Hochschulen“  

VDI nachrichten, Brüssel, 28. 3. 08, ws – „Europa präsentiert sich zunehmend erfolgreicher als Wissenschaftsgemeinschaft“, meint EU-Bildungskommissar Jan Figel im Gespräch mit den VDI nachrichten. Nordamerikanische und chinesische Studenten würden sich immer häufiger für den alten Kontinent entscheiden. Trotz Globalisierung täten sich aber viele Studenten in Europa in ihrer Mobilität schwer. „Luxemburg verpflichtet alle eingeschriebenen Studenten, ein Auslandssemester zu absolvieren.“ Das sei vorbildlich, sagt Figel.

Figel: Ich bin dafür, dass das EIT so rasch wie möglich noch in diesem Jahr seine Arbeit aufnimmt. Gut, dass es nicht nur politische Unterstützung gibt, sondern auch die Mitgliedstaaten ihr Interesse am EIT unter Beweis stellen. Ganz Europa braucht Modernisierung und Innovationen. Es gibt viele gute Plätze für das EIT in der EU. Nicht die EU-Kommission entscheidet über den Standort des Governing Board, sondern der Ministerrat. Die EU-Staats- und Regierungschefs haben sich im Jahre 2003 darauf verständigt, bei der Ansiedlung von neuen EU-Agenturen zuerst neue Mitgliedstaaten zu berücksichtigen. Die aktuelle slowenische EU-Ratspräsidentschaft will noch bis zum Sommer eine Standortentscheidung herbeiführen.

VDI nachrichten: Der jüngste EU-Gipfel hat der Mobilität von Forschern und der so genannten fünften Freiheit für den verstärkten Austausch von Wissenschaftlern Priorität eingeräumt. Ist das mehr als eine Absichtserklärung?

Figel: Niemals zuvor fanden sich in den Schlussfolgerungen des Europäischen Rates so viele klare Aussagen zur Bedeutung von Bildung für die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der EU. Dies ist ein deutliches Zeichen für den Bewusstseinsprozess und die Bedeutung der Verknüpfung von Bildung und Forschung mit der Wirtschaft. Ebenso ist es ein starkes Signal, an der wissensbasierten Gesellschaft mit Nachdruck weiterzuarbeiten. Wenn wir nicht die Lissabon-Strategie weiter ernst nehmen, werden die internationalen Probleme für die EU zunehmen.

VDI nachrichten: Aber die Staats- und Regierungschefs verabschieden sich nun von der Idee, das Drei-Prozent-Ziel für Forschungsausgaben, gerechnet am Bruttosozialprodukt, in der gesamten EU bis 2010 erreichen zu können.

Figel: Das Drei-Prozent-Ziel war und bleibt die richtige Vision. Vor allem an der Umsetzung in den Mitgliedstaaten hat es gehapert.

VDI nachrichten: Aber auch in der EU-Kommission gab es Differenzen über die Ausgestaltung der Lissabon-Strategie.

Figel: Wir arbeiten mehr und mehr zusammen, um mehr Konvergenz zwischen Bildung, Forschung und Wirtschaft zu erzielen. Deshalb wollen wir auch mehr Eingang von Wissen über Unternehmerschaft in Ausbildungsgängen an den Schulen und Universitäten. Erst kürzlich haben wir ein „European University Business Forum“ etabliert, um den Dialog zwischen Wirtschaft und Universitäten anzustoßen. Ziel ist es, mehr Unternehmergeist zu schulen und dies schon in die Curricula der Schulen einzubringen. Auch das Fundraising an den europäischen Universitäten muss verbessert werden.

VDI nachrichten: In Zeiten der Globalisierung hapert es an der Mobilität bei Studenten und Wissenschaftlern. Wie kann die Bereitschaft gesteigert werden?

Figel: Die EU-Wissenschaftsminister wollen mehr Mobilität zwischen den europäischen Universitäten und Hochschulen und haben eine entsprechende Entschließung angenommen. Eine von mir eingesetzte hochrangige Expertengruppe zu Mobilität hat die Hindernisse und Defizite herausgearbeitet. Demnach muss die Übertragbarkeit von Förderungen und Stipendien besser geregelt werden, die Wirtschaft und die Unternehmen müssen sich stärker einbringen und die europäischen Strukturfonds müssen auch für Hochschulkooperationen herangezogen werden.

VDI nachrichten: Ein Großteil der europäischen Studenten geht in die Vereinigten Staaten oder nach Kanada. Wie kann dieser Trend gestoppt werden?

Figel: Wir beobachten eine neue Entwicklung: Amerikanische Studenten interessieren sich zunehmend für Europa. Die Tendenz ändert sich also. Die Zahl der US-Studenten, die in die EU kommen, wächst. Natürlich arbeiten wir mit den USA eng zusammen. Dafür steht das Atlantis-Programm. Amerikanische Universitäten stellen aber weiter eine Top-Qualität dar.

VDI nachrichten: Und was ist mit China?

Figel: Wir spüren ein immenses Interesse Chinas an Europa. Die Volksrepublik ist zum Investitionspartner und Handelspartner Nummer eins für die EU aufgestiegen. Aber auch in der Hochschulausbildung rangiert der Austausch mit China auf dem Spitzenplatz. Aus keinem anderen Land kommen mehr Studenten nach Europa. Das Image Europas verändert sich dort. Dies ist dem Bologna-Prozess ebenso zu verdanken wie dem EU-Austauschprogramm Erasmus-Mundus. Diese Aufbruchstimmung in Richtung Europa war auch unlängst auf der Bildungsmesse in Peking mit rund 200 Universitäten deutlich zu spüren. Wir sind in den sieben Hauptstädten Südostasiens präsent. Europa präsentiert sich zunehmend erfolgreicher als gemeinsame Wissenschaftsgemeinschaft.

VDI nachrichten: Trotz Atlantis und Erasmus-Mundus bleibt die Auslandshochschulerfahrung offenbar vor allem wohlhabenden Studenten vorbehalten.

Figel: Es ist nicht richtig, dass nur Kinder und Studenten von reichen Eltern sich ein Erasmus-Mundus-Stipendium leisten können. Studien haben gezeigt, dass der soziale Hintergrund von Erasmus-Studenten nicht wesentlich auseinanderdriftet. Es könnte natürlich besser sein. Unser Ziel ist es, den durchschnittlichen Fördersatz anzuheben. Zurzeit liegt er bei monatlich 157 € und wir wollen dies in den kommenden Jahren auf einen Durchschnittsbetrag von mindestens 200 € pro Monat angehoben sehen.

VDI nachrichten: Das Studenten- und Dozenten-Austauschprogramm Erasmus ist bisher nur bedingt ein Erfolg.

Figel: Das Erasmus-Austauschprogramm kann als eine europäische Erfolgsgeschichte bezeichnet werden. Aber es stimmt, dass noch zu wenige Studenten in der Europäischen Union davon Gebrauch machen.

VDI nachrichten: 2005 nahmen nur 1 % aller Studierenden und knapp 2 % aller Dozenten daran teil. Ist dies nicht deutlich zu wenig, angesichts von rund 17 Mio. Studierenden in der EU?

Figel: Es trifft zu, dass nur eine begrenzte Studentenzahl derzeit daran partizipiert. Aber schon 2006 nutzten bereits 4 % bis 5 % der europäischen Studenten das Programm. Neben dem Erasmus-Programm geschieht auch viel auf nationaler Ebene für den Studentenaustausch. Luxemburg beispielsweise verpflichtet seit dem Jahr 2003 alle eingeschriebenen Studenten, ein Auslandssemester zu absolvieren. Dies ist ein Vorbild für viele EU-Mitgliedstaaten. Eine Reihe von Ländern erachten einen Auslandsaufenthalt als einen Gewinn für das eigene Land und die eigene Universität. Erasmus unterstützt diese Offenheit für den Austausch von Studenten und Professoren.

VDI nachrichten: Wie geht es weiter mit Erasmus?

Figel: Das nun mehr 20 Jahre alte Programm hat sich bewährt und wird weitergeführt. Die neue Finanzperiode wird uns bis zum Jahr 2013 für Erasmus-Mundus einen wesentlichen Aufschwung bescheren. Anstatt knapp 2 Mio. Studenten seit 1987, werden wir bis 2012 nahezu 3 Mio. Erasmus-Studenten fördern. Der Siebenjahres-Budgetrahmen wird sich von derzeit 900 Mio. € bis 2013 auf rund 2,5 Mrd. € erhöhen. Neben den höheren Mitteln wollen wir aber auch die Qualität des Studenten- und Professorenaustauschs verbessern. Ich rechne damit, dass in der zweiten Jahreshälfte unter französischer EU-Ratspräsidentschaft das neue Programm verabschiedet wird. THOMAS A. FRIEDRICH

Von Thomas A. Friedrich

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