Hochschule

Elite-Universitäten: soziale Auslese statt Spitzenförderung

VDI nachrichten, Darmstadt, 6. 2. 04 -Elite-Universitäten, Studiengebühren, die freie Auswahl der Studierenden durch die Hochschulen sowie die ungleiche Verteilung der staatlichen Mittel an die Hochschulen wird der deutschen Hochschullandschaft eine Zweiklassengesellschaft bescheren, befürchtet der Eliteforscher Michael Hartmann im folgenden Interview.

VDI nachrichten: Die „Elite“ ist in aller Munde. Begrüßen Sie die Diskussion?
Hartmann: Ich bin nicht grundsätzlich gegen eine Diskussion, finde aber die allgemein eingeschlagene Richtung falsch. Wenn man über Elite spricht, darf man die relativ festgefügten sozialen Strukturen und die sehr ungleichen Karrierechancen nicht übergehen. Das Gegenteil aber geschieht. Zwar verweisen die Medien auf die Ergebnisse meiner Forschungsarbeiten, wie auf die fehlende Chancengleichheit in dieser Gesellschaft und die daraus resultierende Abschottung der bürgerlichen Eliten, ziehen dann aber den falschen Schluss: Weil wir keine Leistungseliten hätten, bräuchten wir entsprechende Universitäten, damit diese Leistungseliten produzieren.
VDI nachrichten: Die Herstellung von Chancengleichheit könnte doch auch ein Auftrag dieser Hochschulen sein.
Hartmann: Wenn man Staaten betrachtet, in denen es solche Elite-Universitäten gibt, wird man feststellen, dass die soziale Rekrutierung von Spitzenpositionen nicht anders vonstatten geht als hier. In Frankreich, Großbritannien und teils auch in den USA ist sie sogar noch selektiver. Drei Viertel der US-Studenten an den Top-20-Hochschulen kommen aus den oberen 10 % bis 20 % der Bevölkerung. Verfährt Deutschland ähnlich – und so sieht es derzeit aus – käme es auch hier zur Zementierung einer ähnlichen Entwicklung: Es würden soziale Eliten und keine Leistungseliten reproduziert. Damit werden Elite-Hochschulen zum entscheidenden gesellschaftlichen Auslese-Instrument.
VDI nachrichten: Mit welchen Instrumenten wird diese gesellschaftliche Auslese vorgenommen?
Hartmann: Die Diskussion über Elite-Universitäten ist nur ein Baustein in einem ganzen Paket. Studiengebühren, die freie Auswahl der Studierenden durch die Hochschulen und die ungleiche Verteilung der staatlichen Mittel an die Hochschulen wird eine Hierarchisierung der deutschen Hochschullandschaft bewirken, mit erheblichen sozialen Folgen. Beispiel seien wiederum die USA: Die Universitäten erster Güte werden von den Kindern der „upper class“ besucht, da sie ihre Fähigkeiten und ihr Wissen durch den Besuch besserer Schulen oder durch Nachhilfelehrer auf die hohen Ansprüche zuschneidern können. Diese Möglichkeiten bleiben Kindern aus weniger begüterten Familien verwehrt. Außerdem können sich Wohlhabende Vorbereitungskurse für die Aufnahmeprüfung in Harvard leisten – und die sind mit bis zu 25 000 Dollar nicht gerade preiswert. Schließlich sorgen die persönlichen Auswahlgespräche für eine eindeutige soziale Selektion.
Studiengebühren werden auch in Deutschland viele Jugendliche vom Studium fern halten. Wenn zudem das persönliche Auswahlgespräch über den Zugang zu einer Hochschule entscheidet, wird der Professor anhand solcher Kriterien wie Sprachduktus, Interessen, Allgemeinbildung und Gestik seinesgleichen auswählen. Dieses Procedere habe ich in der Wirtschaft und bei den Elitehochschulen anderer Länder festgestellt. Studienbewerber aus sozial weniger privilegierten Schichten haben daher in der Regel die weitaus schlechteren Karten.
VDI nachrichten: Welche Auswirkungen hat das auf die deutsche Hochschullandschaft?
Hartmann: Es wird in eine Zweiklassengesellschaft münden: In zehn oder 15 Jahren werden Studenten aus bürgerlichen Schichten an Universitäten wie Heidelberg, der TU München oder der Humboldt-Universität Berlin studieren. Der verbleibende Rest wird sich in Essen/Duisburg, Kassel oder Bayreuth tummeln.
Zahlreiche Universitäten, unter ihnen die TU Darmstadt, melden nun Ansprüche an, unter den Top Five sein zu wollen. Letztlich wird es aber unter den besten Fünf nur eine TU sein, und die wird aus einem der großen Bundesländer kommen. Also wird es sich um Aachen, München oder Karlsruhe handeln. Viele Hochschulen lassen sich in eine Konkurrenz jagen, die sie schlicht und einfach nicht gewinnen können.
VDI nachrichten: Wie können sich Hochschulen gegen eine solche Entwicklung zur Wehr setzen?
Hartmann: Sie müssen deutlich machen, dass deutsche Hochschulbildung schon immer in der Breite sehr stark war, gerade in der Ingenieurausbildung. Das Diplom ist immer noch Markenzeichen und Qualitätsprodukt, egal an welcher deutschen Hochschule ausgebildet wurde. Diese Stärken müsste man ausbauen, statt dieses Produkt zu zerstören.
VDI nachrichten: Sie halten nicht viel von Bachelor und Master?
Hartmann: Eine wissenschaftliche Ingenieurausbildung ist nicht unter fünf Jahren zu schaffen, das bestätigt auch unser Universitäts-Präsident hier in Darmstadt. Einige Politiker in Hamburg, Baden-Württemberg und Bayern haben bereits deutlich gemacht, nur rund 30 % der Studierenden zum weiterführenden Masterstudium zuzulassen. Das bedeutet, dass der sechssemestrige Bachelor zum Schmalspurstudium degradiert wird. Die Einstellungspraxis zeigt doch, was die Unternehmen von diesem Abschluss halten. Die wenigen Bachelor-Absolventen, die eingestellt werden, liegen im Verdienst auf dem Niveau von Fachhochschulabsolventen.
VDI nachrichten: Die unterschiedlichen materiellen Voraussetzungen könnten aber durch Stipendien aufgefangen werden.
Hartmann: Das Beispiel Australien, das mir noch als das beste Modell erscheint, zeigt die Mängel des Systems. Die Studiengebühren sind in den letzten Jahren auf 3000 € bis 4000 € verdoppelt worden, das Einkommen, ab dem zurückgezahlt werden muss, im gleichen Atemzug von 18 000 € auf 13 000 € € € zahlt man bereits 8 % zurück, das sind fast 100 €, also kein Pappenstiel.
VDI nachrichten: Wie aber sollte man in Deutschland leistungsstarke und hoch begabte Studenten fördern?
Hartmann: Zunächst müssten die Betreuungsrelationen deutlich verbessert werden. Bei einem Verhältnis von 1:4 wie in Harvard oder Yale kann man Talente sicherlich besser fördern als bei den hierzulande üblichen Werten von 1:70. Das ist in erster Linie eine finanzielle Frage. Eine andere Lösung, bei der einfach die Anzahl der Studienplätze durch einen Numerus Clausus drastisch gesenkt wird, verschenkt nämlich all die Begabungen, die sich gerade bei Studierenden aus den unteren Schichten oft erst im Verlauf eines Reifeprozesses während des Studiums entwickeln. Zum zweiten – und das entspringt eher Wunschdenken als Realitätssinn – sollten Professoren vom Mainstream abweichendes Denken als Zeichen von Kreativität positiver bewerten als sie es gemeinhin handhaben.
VDI nachrichten: Was ist geblieben von einer sozialdemokratisch geprägten Bildungspolitik?
Hartmann: Ich sehe in der Rhetorik allenfalls noch Reste, in der Praxis so gut wie nichts mehr davon. Nur das Festhalten einiger Sozialdemokraten am Verbot von Studiengebühren und die Bemühungen um die Ganztagsschule weisen noch auf sozialdemokratische Wurzeln hin.W. SCHMITZ

Von Schmitz

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