Hochschule 07.01.2000, 17:23 Uhr

Ein Studium mit mehr „Sex-Appeal“

Gemeinsam starten zehn Verbände in Niedersachsen eine Offensive, um das Image von Ingenieuren zu verbessern. Zum Auftakt der Kooperation diskutierten Verbandsvertreter mit Hochschullehrern und Politikern über den Beitrag, den die Hochschulen leisten können.

Ein „sexy Studium“ soll künftige Generationen für den Ingenieurberuf begeistern, propagierte Studentenvertreter Werner Kirsten in Hannover auf der Hochschulpolitischen Tagung „Lust auf Technik“. Die rund 150 Teilnehmer aus Politik, Hochschulen und Verbänden nickten aufmerksam. Sie sind entschlossen, gegen den Ingenieurmangel anzutreten. Sie wollen optimale Beschäftigungschancen schaffen und das Studium attraktiver machen: lebendiger, schneller, transparenter und – wenn es sein muss – auch sexy. Das neue Power-Bündnis von VDI, VDE, VDMA, ZVEI, REFA, UVN, VME, Nord-West-Metall, Ingenieurkammer Niedersachsen und Volkswagen Coaching Gesellschaft soll den Erfolg ermöglichen.
Doch in einer Zeit, in der selbst die „Lust auf Sex“ nur noch durch Loveparades zu animieren scheint, hat die „Lust auf Technik“ einen schweren Stand. Auch Anfangsgehälter bis zu 7000 DM könnten Jugendliche offenbar nicht reizen, meinte Dietrich Kröncke, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metallindustriellen Niedersachsens (VMN). An Prestige jedenfalls mangelt es den Ingenieuren nicht, wie die VDE-Studie „Technikakzeptanz in Deutschland“ zeigt. So wurde in Hannover neben dem mangelhaften Gymnasialunterricht in naturwissenschaftlich-technischen Fächern das zwar solide, aber harte und glanzlose Studium als wesentlicher Motivationshemmer ausgemacht.
Die vorgeschlagenen Lösungen für ein aktuelleres Ausbildungsdesign sind bekannt: Vermittlung neuer Schlüsselqualifikationen wie Betriebswirtschaft und interdisziplinäre Kooperation, intensivere Praxispflege, Internationalisierung und Modularisierung des Studiums, gestufte Abschlüsse, kürzere Studiendauer und lebenslanges Lernen. An neuen Curricula für Bachelor und Master wird augenblicklich emsig gewirkt. Von 371 gestuften Studiengänge sind 257 bereits akkreditiert, viele im Ingenieurbereich. Gleichzeitig wird der Diplomstudiengang durch wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisse angereichert. Und Hochschulen werben um mehr ausländische Studierende – was den Fachhochschulen besser gelingt als den Universitäten. Dennoch: Das Unbehagen der Hochschullehrer am Aktivitätenbündel scheint enorm. Sie kämpfen mit Hürden, die von Verbandsvertretern offensichtlich häufig übersehen werden.
Fachhochschullehrer fürchten, dass die Universitäten mit dem Bachelorangebot zu Konkurrenten der Fachhochschulen werden, die dadurch ihr Profil verlören Universitätsprofessoren fragen sich, wie sie Zusatzqualifikationen ohne Abstriche an der fachlichen Ausbildung in die Studiengänge einbauen sollen. Sie argwöhnen, dass das angesehene Diplom nicht überleben wird und erinnern daran, dass die „neuen“ Abschlüsse mitnichten innovativ sind, sondern in anglo-amerikanischen Ländern seit eh und je existieren.
„Wir wollen Bachelor und Master nicht von den USA kopieren, sondern neue Curricula auf die Beine stellen“, meinte Wedig von Heyden, Ministerialdirigent im Bundesbildungsministerium. Warum sollten schließlich alle Ingenieure bis zur Promotionsreife studieren, obwohl 80 % schnell in die Praxis streben und dies auch mit 22 oder 23 Jahren tun könnten, sekundierte Victor Rizkallah, Professor an der Universität Hannover und Präsident der Ingenieurkammer Niedersachsen. Gestufte Abschlüsse seien imagebildend, weil sie die Quote der Studienabbrecher senkten, ein schnelleres und marktgerechteres Studium ermöglichten.
Der niedersächsische Wissenschaftsminister Thomas Oppermann versicherte erneut, dass er sich für Bafög-Zahlungen an Master-Studenten einsetzt, um den Weg für lebenslanges Lernen zu ebnen. Denn Ingenieure könnten nicht „just in time“, aber zeitlich flexibler produziert werden. Vorsorglich allerdings betonte Oppermann: „Das Studium ist nicht in der Krise.“ Im Gegenteil: Fachlich sei die deutsche Ingenieursausbildung immer noch Spitze, bestätigten alle unisono. Nur Managementaufgaben könnten diese Hochqualifizierten weniger effizient ausführen als ihre US-amerikanischen Kollegen. „Also weniger Wissen durch mehr Entschlusskraft kompensieren?“, fragte prompt ein Zwischenrufer. Die Reformen sollten nicht allein auf Hochschulebene passieren, forderten viele in Hannover. Sie erwarten von den Unternehmen eine längerfristige, stabilere Personalpolitik, mit der junge Menschen einigermaßen planen könnten. Durch mehr Halbtagsstellen sollte außerdem für Frauen ein Anreiz geschaffen werden. Und ältere Ingenieure dürften nicht – wie Anfang der 90er Jahre – zum beliebig verschiebbaren Arbeitskräftereservoir degradiert werden.
„Völlig außen vor“ fühlten sich in dieser Diskussion die Betroffenen selbst, konstatierte Studentenvertreter Werner Kirsten. Sie wollten doch nur ein „fröhliches“ Studium und ein Image wie Architekten, die erdenklich schlechte Berufsaussichten hätten und trotzdem einen „coolen Ruf“ genießen würden. Das neue Kooperationsbündnis müht sich redlich, auch diese diffusen Wünsche der „Fun-Generation“ zu erfüllen. Junge Ingenieure sollen das in Hannover vorgestellte Programm unterstützen, Elternabende, Lehrerfortbildung, Betriebserkundungen für Schüler und Schülerinnen, Projekttage, Unterricht in Unternehmen, Gespräche mit Schülerzeitungsredaktionen oder Ringvorlesungen an Hochschulen organisieren. Außerdem soll der angeschobene Arbeitskreis Schule-Hochschule-Wirtschaft als „Frühwarnsystem“ fungieren.
Doch Werner Kirsten möchte es entspannter: „Erst wenn Ingenieure in Soap Operas vorkommen, stimmt das Image.“ Indes: Der Ingenieur als Soap-Lover würde vielleicht doch das falsche Klientel anlocken. RUTH KUNTZ-BRUNNER
Das Ingenieurstudium soll attraktiver werden. Damit ist allerdings weniger diese Art von Entertainment gemeint.

Ein Beitrag von:

  • Ruth Kuntz-Brunner

    Ruth Kuntz-Brunner ist Karriereautorin und schreibt über die Schwerpunkte Arbeitsleben und Arbeitssicherheit.

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