Hochschule 19.11.1999, 17:23 Uhr

Diplome: Auch eine Frage der Macht

Werden deutsche Hochschulabschlüsse international unterbewertet? In den angelsächsischen Ländern gilt das Universitätsdiplom weniger als ein Master, der FH-Abschluss weniger als ein Bachelor.

Nichts scheint in Deutschland so schnell eine kollektive Panik auszulösen wie der Hinweis, dass die Amerikaner den Deutschen meilenweit voraus seien. Jetzt haben auch die Hochschulen begonnen, ihre Abschlüsse den USA anzupassen. Auf Empfehlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) werden nun eifrig Bachelor- und Master-Studiengänge eingerichtet.
Mindestens 300 Studiengänge, die zu den neuen akademischen Graden führen, liegen den Länderministerien bereits zur Genehmigung vor. Noch steckt rund ein Drittel im Bearbeitungsstau. Und schon zweifeln manche, ob die neuen Abschlüsse überhaupt ihr Ziel erreichen, die deutschen Hochschulabschlüsse international vergleichbar zu machen. Auch das US-Hochschulsystem ist nicht so einheitlich, wie es vielfach den Anschein hat. Die US-amerikanischen Hochschulen sind so pluralistisch organisiert und besitzen ein derart unterschiedliches Niveau, dass sie selbst amerikanischen Studenten einen Hochschulwechsel nicht gerade einfach machen.
Wenn sich beispielsweise ein Student aus einer wenig renommierten Universität mit einem „Master of Science in Electrical Engineering“ am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) weiterqualifizieren will, muss er meist Zusatzleistungen bringen. Da hilft ihm weder die US-einheitliche Bezeichnung der Abschlüsse noch der modulare Studienaufbau, dessen Kredit-Punkte-System den nahtlosen Wechsel erleichtern sollte.
Also Etikettenschwindel? „Wir müssen uns frei machen von der Vorstellung, dass man sich auf dem weltweiten Studienparkett wie auf dem deutschen bewegen kann“, mahnt Professor Heyno Garbe (Uni Hannover), dessen Fachbereich Elektro- und Informationstechnik künftig auch neu strukturierte Studiengänge bietet, die nach drei Jahren zum Bachelor of Science oder nach fünf Jahren zum Master of Science führen. Auch diese Studenten müssen, wenn sie nach dem Bachelor in den USA einen Master draufsetzen wollen, ihre Qualifikation überprüfen lassen.
Immerhin stimmen die Abschlüsse dann wenigstens formal überein. Bisher musste keine angelsächsische Hochschule ein deutsches Diplom kennen oder gar anerkennen, obwohl z. B. in England und dem übrigen Commonwealth „Postgraduate Diploma“ weit verbreitet sind. Zwar entsprechen diese nicht immer einem akademischen Grad, sondern eher einer Leistungspunkte-Bescheinigung. Inhalte und Studiendauer jedoch stimmen meist ziemlich genau mit dem deutschen Fachhochschul-Diplom überein.
Rein formal aber wird selbst das deutsche Universitäts-Diplom nur als „Undergraduate“- oder Bachelor-Abschluss eingestuft, etwa durch die Richtlinien des britischen „National Academic Recognition Information Centre“ (NARIC). Begründung: Das deutsche Diplom ist der erste berufsqualifizierende Abschluss, der Master dagegen – nach dem Bachelor – bereits der zweite.
Die deutsche Hochschulrektorenkonferenz jedoch bewertet das Uni-Diplom äquivalent zu einem Master-Grad, das Fachhochschul-Diplom als einem Bachelor gleichwertig. International aber zählt das FH-Diplom offiziell sogar weniger als ein Bachelor mit einjähriger Praxisphase.
Endgültig unübersichtlich wird es für Ingenieure, die sich in angelsächsischen Ländern selbständig machen möchten. Die englischen Berufsverbände etwa fordern eine Registrierung, die wiederum eine Reihe von Bedingungen vorschreibt zum Beispiel ein mindestens vierjähriges Studium und weitere sehr britische Leistungen, etwa soziales oder Management-Wissen, berichtet Professor Hans-Erich Scholz von der FH Dresden.
Sicher ist: Die Hürden zu einer globalen akademischen und gleichzeitig beruflichen Anerkennung deutscher Hochschulabsolventen bleiben selbst nach der Einführung der neuen Abschlüsse hoch. Das Ganze läuft auf eine subtile Machtfrage hinaus, schätzt Wolf Wagner, Prorektor für Studium und Lehre an der FH Erfurt: „Auch die französischen Hochschulen lassen sich ihre Abschlüsse vergolden.“
Dennoch könne Deutschland auf den Bachelor und Master nicht mehr verzichten. „Damit schaffen wir auf jeden Fall formal bessere Voraussetzungen für deutsche Studierende im Ausland und umgekehrt auch für Ausländer, die zu uns kommen“, erklärt Dr. Jochen Hellmann vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Bonn.
Letztlich wird die Nagelprobe der berufliche Zugang sein. „Es waren auch Unternehmer, die den Bachelor wollten“, erinnert Jochen Hellmann. „Nun sollen sie die Leute nicht im Regen stehen lassen.“ Tatsächlich forderte die Industrie jahrelang jüngere und stärker praxisorientierte Hochschulabsolventen. Doch erfahrungsgemäß, räumt der Experte vom DAAD ein, würde es einige Jahre dauern, bis der Arbeitsmarkt auf solche Veränderungen reagiert. RUTH KUNTZ-BRUNNER
Deutsche Studenten müssen sich auf neue Studienordnungen einstellen: Die Anpassung an amerikanische Vorbilder wird die Hochschulen künftig stark prägen.

Ein Beitrag von:

  • Ruth Kuntz-Brunner

    Ruth Kuntz-Brunner ist Karriereautorin und schreibt über die Schwerpunkte Arbeitsleben und Arbeitssicherheit.

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