Berufsvorbereitung 22.05.2009, 19:41 Uhr

Die stärkste Schule setzt auf Technikbildung

An der Kooperativen Gesamtschule in Neustadt am Rübenberge herrschen Sitten, die manch einem antiquiert vorkommen. Disziplin wird groß geschrieben, ein Verstoß gegen die Regeln umgehend geahndet. Die Ausrichtung auf diese Werte und auf technisch-naturwissenschaftliche Inhalte aber haben der niedersächsischen Schule jüngst das Prädikat „Stärkste Schule Deutschlands“ eingebracht. VDI nachrichten, Düsseldorf, 22. 5. 09, ws

Felix Brakhage fängt im Sommer seine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker bei VW an. Aber bohren, fräsen und verkabeln, Material berechnen und Kundengespräche führen – das kann der Zehntklässler längst. Zweimal wöchentlich lernt er an der Berufsschule.

Martina Kilian beugt sich über eine Spanplatte, den Pinsel in der Hand. Sie übt verschiedene Maltechniken, doch ihr Berufswunsch ist Krankenschwester. Sie arbeite lieber mit Menschen, sagt die junge Frau: Die zwei Jahre in der Berufsschule hätten trotzdem Spaß gemacht – und ihr Zuhause wird sie von nun an richtig professionell renovieren können.

„Neustädter Modell“ nennt sich das. Alle Hauptschüler der Kooperativen Gesamtschule (KGS) in Neustadt am Rübenberge haben in der 9. und 10. Klasse Praxisstunden. Felix hat sich die Metalltechnik ausgesucht. Andere Mitschüler wählten Farbtechnik, Nahrung oder Körperpflege.

Diese zwei Jahre halfen dem Jugendlichen, besser zu verstehen, wie Technik funktioniert: Das hat sich beim Eignungstest ausgezahlt. Auch bei den praktischen Fertigkeiten sind die „Modellschüler“ ihren Altersgenossen um Längen voraus, sagt Berufsschullehrer Günther Schiller, denn hier dürfen sie an modernen Maschinen üben.

So wie Felix auch hat die Hälfte des Jahrgangs bereits vor Abschluss den Ausbildungsvertrag in der Tasche. Noch vor fünf Jahren sah es damit an der KGS ganz anders aus: Fast ein Fünftel der Hauptschüler brach ab. Von denen, die durchhielten, bekamen nur 14 % umgehend eine Lehrstelle. Die übrigen drehten ihre Warteschleifen, „Berufsvorbereitungs-“ oder „Grundbildungsjahr“ genannt.

Die Idee umzusetzen, war indes nicht einfach: Die Kollegien mussten Stundenpläne und Inhalte aufeinander abstimmen. Themen in Mathematik und Naturwissenschaften wurden vorgezogen, wenn sie in der Berufstheorie früher gebraucht wurden. Musik, Kunst und Werkkunde fielen weg, um Platz für die Praxis zu räumen. Das Modell funktioniert allerdings nur im Ganztagsunterricht.

Martina Klemke lehrt Mathematik und Naturwissenschaften an der KGS und Theorie der Körperpflege an der Berufsschule. Die Zusammensetzung von Shampoo ist eine Aufgabe für den Chemieunterricht, und in Mathematik lässt sie die Klasse berechnen, wie viele Packungen ein Friseursalon monatlich einkauft. „Endlich wissen unsere Jugendlichen, wofür sie den ganzen Schulstoff wirklich brauchen“.

Und dass sie ziemlich schnell gute Sachen zustande bringen, motiviert zusätzlich. „Die wenigen Fehlzeiten zeigen, dass sie viel Interesse daran haben“, erläutert Herbert Koch, der angehende Maler und Lackierer unterrichtet. Im Betriebspraktikum zeigen die Jugendlichen dann, was sie alles schon können, manche werden gleich übernommen.

Das Neustädter Modell soll demnächst im Landesschulgesetz von Niedersachsen verankert werden – als Option für die Hauptschulen. Viele Kollegen hätten sich schon bei ihm umgeschaut, berichtet der Leiter des KGS-Hauptschulzweigs, Tjark Ommen.

Ihnen erzählt er, dass es mit der Frage steht und fällt, ob die Lehrkräfte sich gut verstehen. Sie müssen immer und in allem an einem Strang ziehen. Das gilt sowohl für die Unterrichtsinhalte als auch für die Disziplin.

Im Neustädter Modell herrschen klare Regeln, jeder Verstoß wird umgehend geahndet. Und jeder Schüler weiß, was ihn erwartet. Im Unterricht stören: ab in den „Trainingsraum“ zum Gespräch mit dem Sozialpädagogen. Eine Cola-Dose neben die Mülltonne werfen: Putzdienst. Hausaufgaben fehlen: Nachsitzen.

Null Toleranz auch bei Graffiti und Rauchen. Umso wichtiger ist, dass die Eltern ebenfalls mitziehen. Wenn die Lehrer eine neue Klasse übernehmen, besuchen sie als erstes alle Familien. Der Aufwand lohnt sich. Man lernt sich kennen, man redet miteinander und nicht nur über die Noten. Die Schule organisiert Infoabende über Erziehungsfragen und die Berufsorientierung. Da erzählen auch mal die Ehemaligen, worauf es bei der Ausbildung ankommt.

Heute gibt es keine Schulabbrecher mehr. Über 70 % finden gleich eine Lehrstelle. Mehr Pauken, strenge Regeln: Die KGS kann sich vor Anmeldungen jedoch kaum retten. Auch der Wechsel von der Real- auf die Hauptschule werde nicht mehr als tragisch empfunden, so Klemke: „Denn aus dem Kind wird trotzdem etwas!“ MATILDA JORDANOVA-DUDA

 

Ein Beitrag von:

  • Matilda Jordanova-Duda

    Die Schwerpunkte der freien Journalistin sind: Industrie 4.0, Digitalisierung, Existenzgründer, Mittelstand, Energiewende, Firmenportrais, Migration, Bildung.

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