Hochschule

Die Spuren verlaufen im Sand

Das Werben deutscher Hochschulen um ausländische Studenten trägt Früchte. Hinter den Meldungen steigender Anfängerzahlen verbergen sich jedoch sehr hohe Abbrecherquoten. Die Diagnose ist gestellt, schnelle Heilung aber nicht in Aussicht.

Bei der Aixtron AG spricht man Englisch. Und das, obwohl es sich bei den Halbleiter-Experten um ein deutsches Unternehmen handelt. Wir denken global, also reden wir global, könnte die Philosophie der Aachener lauten. 70 % des Umsatzes erwirtschaftet der Weltmarktführer für so genannte MOCVD-Anlagen inzwischen in Asien, nur noch 7 % in Europa.
Ähnlich international sieht es bei der IWKA Pacunion GmbH in Karlsruhe aus. „Der asiatische Markt ist mächtig gewachsen“, erläutert Marco Lanza, Leiter Engineering Services. „Die Präsenz in China ist ein absolutes Muss.“ Um vor Ort gebührend vertreten zu sein, ist dem Maschinenbau-Unternehmen einheimischer Nachwuchs, der in Deutschland „in die Lehre geht“, am liebsten. Konflikte seien von denen am ehesten zu lösen, die die kulturellen Eigenheiten des Landes kennen. Den geeigneten Ingenieur-Nachwuchs rekrutiert IWKA seit einigen Jahren über das International Department der Universität Karlsruhe. Das Konzept: Die Universität bietet dem Unternehmen einen für das gesuchte Jobprofil passenden jungen Ingenieur an, das Unternehmen sponsert im Gegenzug seinen Stipendiaten.
Dies ist nur ein Beispiel, wie akademisch orientierte Ausländer im deutschen Hochschulwesen gefordert und gefördert werden könnten. Die Marketinganstrengungen der Hochschulen zeitigen zudem Erfolge: Noch nie gab es so viele ausländische Studenten in Deutschland wie heute. „Gate-Germany“, ein Konsortium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ist beauftragt, die Zahl weiter zu steigern. Zum Vergleich: Im Wintersemester 1992/1993 waren rund 123 000 Studierende ausländischer Staatsangehörigkeit an Hochschulen in Deutschland eingeschrieben. Zehn Jahre später hat sich diese Zahl auf 227 000 (8,4 % aller Studenten, Platz drei weltweit) erhöht, was einem Anstieg von 84 % entspricht. 136 000 Menschen kamen im Wintersemester 2002/2003 aus Europa, 56 000 aus Asien (mehr als 20 000 aus China), 22 024 aus Afrika (ein Plus von 115 %). Nur 3384 US-Amerikaner und 2082 Briten hingegen entschieden sich für Humboldts Heimat.
Entwickelt sich Deutschland also zur reich sprudelnden Quelle international orientierter Hochschulabsolventen? Mitnichten. Eine Stichprobenuntersuchung des Hochschul-Informationssystems (HIS) ergab eine erschreckend geringe Zahl ausländischer Absolventen. Demnach hat seit 1994 nur rund ein Viertel der eingeschriebenen Ausländer ein Examen gemacht, knapp 70 % sind „verschollen“. Die „Schwundquote“ liegt weit höher als bei deutschen Studenten. Über die Gründe lässt sich mutmaßen: mangelnde oder schlechte Betreuung, ungenügende Test- und Auswahlverfahren, Sprachprobleme, schlechtes Unterbringungsangebot, hohe Lebenshaltungskosten. Oder aber die durch die Aufteilung in Fachhochschulen und Universitäten erschwerte Transparenz bei Bachelor- und Masterangeboten. Viele ausländische Studenten vermissen auch abfragbare Qualitätsmerkmale von Studiengängen und Hochschulen.
Auf der anderen Seite fordern Professoren bei der Rekrutierung mehr Klasse statt Masse. Das Wunschdenken an deutschen Hochschulen und die Realität bilden eine weit auseinander klaffende Schere. Ausländische Studenten auf das Niveau ihrer deutschen Kommilitonen zu hieven, ist drei Mal so aufwändig wie bei Einheimischen – und dementsprechend teurer.
Prof. Konrad Osterwalder gibt zu bedenken, dass die Anzahl der ausländischen Studenten wenig über den Erfolg von Marketingmaßnahmen aussagt. „Wollen wir in Europa wirklich Leute aus Indien oder China, die es in den USA nicht geschafft haben?“, fragt der Rektor der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. „Ich sehe die Gefahr, dass wir zum Überlaufgefäß für andere Systeme werden.“
Dabei ist nicht alles schlecht, was aus deutschen Landen kommt. Die Ingenieurausbildung genießt einen exzellenten Ruf, und „in der internationalen Ausrichtung sowie in der Vernetztung von Hochschule und Industrie ist man weiter als in den USA“, weiß Dr. Bernd Widdig vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). W. SCHMITZ

Von W. Schmitz

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