Hochschule

Die Kunst aus anderen Wissensgebieten zu lernen  

Über den Tellerrand zu blicken, das rät Sabine Kunst, Präsidentin der Universität Potsdam, dem Ingenieur-Nachwuchs. Denn auch in anderen Wissenschaften gebe es viel zu entdecken. Das kann kaum jemand besser beurteilen als die Wissenschaftlerin, die Ingenieurin und Geisteswissenschaftlerin ist. Über die Gründe für diese seltene Kombination sprach sie mit den VDI nachrichten.

Frau Prof. Kunst, Sie sind Ingenieurin und zugleich Geisteswissenschaftlerin. Hatten Sie das Glück, gleichermaßen Talent und Interesse für beide Wissenschaften mitzubringen?

Ich hatte während meines Studiums, anders als es derzeit den Studierenden so einfach möglich ist, die Gelegenheit, mich hier und da umzuschauen. Mit einer Ausbildung in den Naturwissenschaften habe ich begonnen und habe in der Zeit meiner Promotion all jenes im Bereich des Ingenieurwesens nachgeholt, was ich brauchte, um eine Promotion als Dr. Ing. an der Fakultät für Bauingenieur- und Vermessungswesen in Hannover abzuschließen. Im Rahmen dessen habe ich u. a. Projekte in der Entwicklungsarbeit betreut. Dabei habe ich erlebt, dass der Fokus im ingenieurwissenschaftlichen Bereich nahezu ausschließlich auf die Realisierung von Technologien gerichtet wurde. Da war für mich der Zeitpunkt gekommen, mich an die Wurzeln meines Studiums der Politikwissenschaften und Philosophie zurückzuerinnern, um diesen Faden und damit den gesellschaftlichen Bezug ingenieurwissenschaftlichen Handelns wieder aufzunehmen.

Und inwiefern haben Sie diesen „Faden“ wieder aufgenommen?

Ich wollte die eine Arbeits- und Denkweise mit der anderen verbinden. Also habe ich mich damit befasst, wie sich die Arbeitsweisen im Bereich der Natur- und Geisteswissenschaften gegenüber der Arbeitsmethodik in den Ingenieurwissenschaften verhalten, um ein Stück weit zu ermitteln, wie reduktionistisch man im Bereich der Arbeit als Ingenieur vorgeht.

Was meinen Sie mit „reduktionistisch“?

Ingenieure achten bei ihrer Arbeit auf Teilaspekte von Komplexität, d. h. sie betrachten Bauwerke oder Konzepte für Kläranlagen in erster Linie im Hinblick auf ihre bestimmte Aufgabenstellung und das geforderte Arbeitsergebnis. Mir war es wichtig, die Nutzerperspektive und den Blick auf den gesellschaftlichen Kontext gleichermaßen in diese Arbeit zu integrieren. So habe ich sozusagen im Nebenjob zehn Jahre lang meine Ausbildung im Bereich der Politikwissenschaft mit einer Promotion und so mit dem Abschluss eines Dr. Phil vollendet.

Sollten Ingenieurinnen und Ingenieure also öfter über den Tellerrand der Ingenieurwissenschaften hinausschauen?

Ja, in jedem Fall. Denn es geht darum, nicht nur auf seinem Fachgebiet gut zu sein, sondern es geht vor allem auch darum, dieses Wissen und diese Kenntnisse zu übersetzen und kommunizierbar zu machen. Das trainieren Studierende der Ingenieurwissenschaften meiner Meinung nach viel zu wenig. Und damit meine ich sehr viel mehr als nur über sein jeweiliges Fachgebiet diskutieren zu können. Hier geht es darum, sich über die Anwender und Nutzer im Klaren zu werden und sich die gesellschaftlichen Implikationen, die ihr Tun auslöst, zu vergegenwärtigen. Denn das wird im Studium, zumindest bisher, weitestgehend ausgeblendet. Hier ermöglicht erst die neue Bachelor-Master-Struktur durch die Integration von so genannten Schlüsselqualifikationen, dass sich die Studierenden auch in dem Bereich der Softskills beweisen müssen. Das finde ich gut.

Wie können Sie Ihren Beruf als Ingenieurin in ihrem Amt als Uni-Präsidentin konkret in den Alltag einbringen?

Was mir hilft aus der langen Zeit, in der ich in diesem Bereich tätig war, ist der geschulte Pragmatismus. Denn viele Arbeitsbereiche des Ingenieurwesens sind nicht im Sinne der reinen Naturwissenschaften analytische Wissenschaften, sondern hier geht es um die Kombination von Informationen aus vielen Feldern, sodass man letztendlich synthetisierend zusammensetzt und daraus ein Gesamtbild formt. Insofern gleicht das Hochschulmanagement der Tätigkeit eines Ingenieurs. Denn Ingenieure können die Physik von bestimmten Dingen, wenn es etwa um eine Baustatik geht, auch nicht komplett durchdringen, sondern nehmen daraus Annäherungen und machen dann pragmatisch damit weiter, obwohl sie das nicht im letzten Detail ergründen können. Ich denke, dass diese Vorgehensweise – „open-minded“ und gleichzeitig mit diesem Pragmatismus ausgestattet – sehr hilft, um auch eine Universität oder ein großes Unternehmen zu leiten, wo es um Entscheidungen geht, die zum Wohle eines Ganzen zu treffen sind, denn auch das macht man wie in allen Managementstrukturen auf der Basis einer reduzierten Kenntnis.

Gibt es konkrete Projekte, in denen ihre Fachkompetenz als Ingenieurin gefragt ist?

Ich bringe mich in verschiedene Thinktanks ein, in denen sowohl Fachkompetenz als auch Leitungserfahrung zusammengehen. Hier geht es allgemein um die Weiterentwicklung der Ressource Wasser. Ein anderes Beispiel ist die akademische Zusatzausbildung „Design Thinking“, die die Universität Potsdam zusammen mit dem Hasso-Plattner-Institut betreut. Hier geht es um empirische Methoden, wie man im Ingenieurbereich zu neuen Erkenntnissen und auch Produkten kommt.

Ihrer Kollegin Monika Auweter-Kurtz, Präsidentin der Uni Hamburg, wird an der geisteswissenschaftlich orientierten Universität mangelnde Kooperations- und Integrationsbereitschaft vorgeworfen. Was machen Sie anders?

Ich habe durch meinen Lebensweg in ganz verschiedenen Wissenschaftsgebieten gearbeitet. Nicht umsonst habe ich einmal Politikwissenschaften studiert, sodass sich mir ursprünglich sehr schwer und mühsam die unterschiedlichen Denkkulturen erschlossen haben. Bezogen z. B. auf das Verstehen einer philosophischen Fakultät mag auch mich manchmal deren Diskurskultur in meinem Bemühen um schnellere Entscheidungen irritieren, aber ich verstehe die Denkweise. So bin ich überzeugt, dass es für mich gute Lehrjahre waren, um die unterschiedlichen Sichtweisen verstehen zu können. Man kann nicht alles machen und erst recht nicht zur selben Zeit, aber es ist ein bisschen so, als wenn man ein Musikinstrument erlernt. Dann ist man vielleicht nicht auf allen Gebieten virtuos, aber man weiß, wie es funktioniert. jul

Von Julia Schlingmann

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