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Die Hochschule der Zukunft zwischen Wettbewerb und Persönlichkeitsentwicklung  

In vier Grundsätzen beschreibt Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger die Forderungen der Wirtschaft an die Hochschule der Zukunft. Der Staat fungiert „als Hüter des Qualitätswettbewerbs“, Kernelemente sind Wettbewerb und Autonomie. Arbeitnehmer: Für ein Studium, das als „wissenschaftliche Berufsausbildung“ auch die Persönlichkeitsentwicklung und die Entfaltung sozialer Kompetenzen einbezieht, plädiert IG Metall-Vorstand Regina Görner. VDI nachrichten, Düsseldorf, 19. 3. 10, ws

Thomas Sattelberger, Telekom-Personalvorstand:

Wir haben in der Hochschulpolitik viel über Stillstand und Erstarrung gesprochen. Heute lässt sich mit Freude sagen: „Und sie bewegt sich doch“.

Die Hochschulpolitik ist – sicher auch dank des Bildungsstreiks – aus ihrem mehrjährigen Tiefschlaf erwacht, gerade noch rechtzeitig, um Bologna zum Erfolg zu führen.

Trotz schwerer Kinderkrankheiten sind die Reformen unseres Hochschulsystems eine wichtige, aber sicherlich noch unvollständige Antwort auf drängende Zukunftsfragen wie die demographisch bedingte Fachkräftelücke und die Herausforderung des lebenslangen Lernens. Es muss uns daher um eine Weiterentwicklung der Reformen gehen, und nicht um deren Abwicklung. Wir brauchen eine Reformstufe II.

Bei aller Leidenschaft für diesen aktuellen Disput müssen wir gemeinsam den Blick über den tagespolitischen Horizont hinaus wagen: Wie soll die Hochschule der Zukunft aussehen?

Die Wirtschaft hat diese Frage mit dem Leitbild „Die Hochschule der Zukunft“ beantwortet. Es beschreibt eine Hochschule im Jahr 2020, die sich umfassend auf die neuen Herausforderungen eingestellt hat und die eingebettet ist in ein Hochschulsystem, das seine gesellschaftliche Rolle als soziales Sprungbrett, als Innovationsquelle und als Zukunftslaboratorium ausfüllt und auf vier Grundsätzen basiert.

Grundsatz 1: Autonomie. 2020 besitzen Hochschulen ihr eigenständiges Profil. Sie sind keine gesichtslosen Rundumanbieter mehr, sondern entscheiden selbstständig über ihr Aussehen und setzen mit Ideenreichtum ihre markenpolitischen Schwerpunkte. Spitzenforschung, exzellente Lehre, maßgeschneiderte Weiterbildungsangebote, enge Kooperationen und internationale Netzwerke sind nur einige denkbare Markenkerne. Mit der Profilbildung stirbt auch die längst überkommene Trennung in Fachhochschule und Universität. In Zukunft gibt es nur noch Hochschulen mit oder ohne Profil.

Grundsatz 2: Wettbewerb. Hochschulen müssen bei aller Autonomie – oder gerade wegen dieser Autonomie – immer wieder neu unter Beweis stellen, dass sie ihren Finger am Puls der Zeit haben und sich an den gesellschaftlichen Bedarfen ausrichten. Genau dafür sorgt der frische Wind des Wettbewerbs um Studierende, Partner und Ressourcen. Der Staat ist dabei vor allem als Hüter des Qualitätswettbewerbs gefordert. Bildungsscharlatane und Briefkasten-Abschlüsse haben bei „Bildung made in Germany“ nichts zu suchen.

Grundsatz 3: Durchlässigkeit. Genauso wie unsere Schulen sind auch unsere Hochschulen gefordert, zum sozialen Sprungbrett für Kinder aus allen Gesellschaftsschichten zu werden. Im Jahr 2020 haben sich unsere Hochschulen von Reproduktionsstätten des Bildungsbürgertums zu einem Schmelztiegel und Talentpool aller Schichten und Herkünfte weiterentwickelt. Die soziale Durchlässigkeit ist nicht mehr nur Lippenbekenntnis, sondern gelebte Praxis.

Grundsatz 4: Kooperation. Fundamentale Herausforderungen können nur gemeinsam bewältigt werden. Deshalb setzt die Hochschule der Zukunft auf die enge Kooperation mit Gesellschaft und Wirtschaft, sei es bei der Entwicklung praxisnaher Curricula und studienbegleitenden Praktika, beim Berufseinstieg nach dem Bachelor oder dem berufsbegleitenden Master.

Kooperation bedeutet aber auch, dass die Kleinstaaterei in der Hochschulpolitik passé ist: Bundes- oder sogar europaeinheitliche Vereinbarungen schaffen 2020 nachhaltige Investitionsanreize, gewährleisten eine umfassende Qualitätssicherung sowie ein Höchstmaß an studentischer Mobilität.

Unser Leitbild einer Hochschule der Zukunft ist eine Vision mit praktischen Implikationen. Wir möchten bei den Verantwortlichen in Hochschulen, Politik und Gesellschaft dafür werben, gemeinsam mit den Arbeitgebern daran zu arbeiten, dass unser Hochschulsystem zukunftsfest wird. Wir sind offen für Anregungen und gespannt, was andere zur Diskussion um die Hochschule der Zukunft beitragen.

THOMAS SATTELBERGER

Regina Görner, Vorstand IG Metall:

In der vergangenen Woche habe ich mit Personalexperten eines führenden Maschinenbauers über deren Erfahrung mit den Bachelorstudiengängen in den Ingenieurwissenschaften gesprochen.

Vertreter der Wirtschaft waren in der Vergangenheit ja massiv für die Verkürzung der Studiengänge und die Einführung international vergleichbarer Studienabschlüsse eingetreten. Die Absolventen von Hochschulen sollten so früh wie möglich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, hieß es.

Gewerkschaften haben zwar die Intentionen des Bologna-Prozesses grundsätzlich begrüßt, aber früh darauf hingewiesen, dass die vorgesehene Umstellung Risiken beinhalte.

Dass wir mit diesen Befürchtungen nicht falsch lagen, hat sich in der Zwischenzeit bedauerlicherweise erwiesen. Studierende klagen vor allem über eine hohe Verdichtung des Studiums, über kurze Prüfungstakte und eine zeitliche Inanspruchnahme, die vor allem diejenigen, die sich den Lebensunterhalt während des Studiums wenigstens teilweise durch Erwerbstätigkeit sichern müssen, massiv belasten.

Dass die Selektivität des deutschen Bildungswesen verstärkt wird, hat sowohl die Vertreter der Wirtschaft als auch die der Hochschulen in der Vergangenheit nicht sonderlich beeindruckt. Die Gewerkschaften haben deshalb kaum Unterstützung gefunden bei ihrer Forderung nach Entzerrung der Studiengänge zugunsten einer besseren Ausschöpfung der Begabungsreserven nicht zuletzt mit Blick auf die Fachkräftesituation der Zukunft.

Umso interessanter war für mich, jetzt bei meinem Betriebsbesuch zu hören, dass bei den Praktikern in den Unternehmen die Skepsis gegenüber den Entwicklungen in den Bachelor-Studiengängen erheblich zugenommen hat. Die starke Verschulung führe dazu, dass die Absolventen dieser Studiengänge zwei wesentliche Eigenschaften während ihres Studiums nicht entwickeln könnten, die aber in der betrieblichen Wirklichkeit dringend benötigt würden: Eigeninitiative und Selbstorganisationsvermögen.

Diese Fähigkeiten müssten heute auch von den „Standard“-Beschäftigten im Ingenieurbereich erwartet werden. Natürlich könne man im Anschluss an das Studium versuchen, die Defizite auszugleichen, aber wenn bestimmte Lern- und Verhaltensweisen durch das Studium erst eingeprägt worden wären, sei es schwierig und mühselig, im Nachhinein etwas zu korrigieren.

Damit bestätigen sie die langjährige gewerkschaftliche Forderung, wonach ein Studium sich nicht darin erschöpfen darf, fachliche Handfertigkeiten zu vermitteln, sondern einen Bildungsprozess in Gang setzen muss, der auch Persönlichkeitsentwicklung und die Entfaltung sozialer Kompetenzen einbezieht. Darum geht es uns u. a., wenn wir im DGB ein Studium als „wissenschaftliche Berufsausbildung“ fordern.

Tatsache ist, dass die Sechs-Semester-Studiengänge gerade in Fachrichtungen, in denen zu Beginn oft erst noch Defizite aus der Schulausbildung aufgearbeitet werden müssen, diesen Raum nicht mehr lassen. Dies ist umso ärgerlicher, als die Bologna-Strukturen für den Bachelor durchaus Studiendauern von bis zu acht Semestern erlauben. Immerhin bieten rund 50 % der Fachhochschulen den siebensemestrigen Bachelor an und sie fahren gut damit.

Als die Politik mit dem Bologna-Prozess den Hochschulen mehr Autonomie für die Ausgestaltung der Studiengänge eingeräumt hat, hat sie vermutlich nicht vorausgesehen, dass diese die erhaltenen Kompetenzen umgehend dazu nutzen würden, die Spielräume mit einem Höchstmaß eigener Regulierungen zuzustopfen. Das ist einer der Hintergründe dafür, dass Studierende heute wegen ihrer Studienbedingungen auf die Straße gehen müssen. Solange die Hochschulen nicht bereit sind, zunächst einmal das zu tun, was sie selbst an Entschlackung und Ent-
stauchung der Bachelor-Studiengänge leisten können, werden diese Proteste kein Ende finden.

Es wäre gut, wenn diese Reformbemühungen auch mit einer gründlichen Lichtung des Studiengangdschungels verbunden würden. Zur Zeit existieren ca. 13 000 verschiedene Studiengänge an deutschen Hochschulen. Davon sind ca. 10 000 auf die neuen Abschlüsse umgestellt. Wer braucht so viele verschiedene Studiengänge? Dieser Wirrwarr kaum voneinander zu unterscheidender Studienprogramme nützt zwar vielleicht der Profilierung von Hochschulen, die Verwertbarkeit von Abschlüssen fördert er sicher nicht – für die Studierenden ebenso wenig wie für die Unternehmen. REGINA GÖRNER

Von Görner

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