Hochschule

Die Ausrichtung am Markt auf Kosten der breitgestreuten Bildung

Hochschulen werden zunehmend auf Marktkurs getrimmt und Wirtschaftshochschulen wie die Universität St. Gallen zu Leitinstitutionen. Die neue Ausrichtung stößt allerdings auf Kritik.

Ackern statt diskutieren heißt neuerdings die Hochschuldevise. Konkurrenz und Effizienz sind erwünscht, privates Kapital für Forschung ist gefragt. Marktmechanismen erfassen zunehmend die Universitäten, und die Wissenschaft von der Wirtschaft mausert sich zur heimlichen Leitdisziplin. Private Wirtschaftshochschulen schießen allerorten aus dem Boden und locken mit ihrer Nähe zum Markt. Ihre Studenten präsentieren sich marktgängig als Sinnbild erfolgreicher Nachwuchsakademiker.
Doch mit dem Markt ist es wie mit der Liebe: Wer ihr zu atemlos nachjagt, entfernt sich immer mehr. Für die Hochschulen gilt das allemal. Passen sie sich dem Markt allzu eingleisig an, verspielen sie die Zukunft. Denn niemand kennt heute schon den Markt von morgen. Also pokern manche traditionellen Hochschulen noch mit ihrer „Universitas“, der breiten genuinen Bildung. Gleichzeitig bezweifeln manche Traditions-Unis, dass die monokulturellen Wirtschaftshochschulen wie die Uni St. Gallen über die nötige Distanz und damit die Sensibilität für mögliche Interessenkonflikte verfügen. Rolf Dubs jedoch, Professor für Wirtschaftspädagogik an der Uni St. Gallen, hält Argwohn gegenüber der Wirtschaft für kein adäquates Mittel, die Souveränität von Forschung und Lehre zu sichern.
Für die Uni St. Gallen liegt fachliche Unabhängigkeit quasi im System, weniger als Tugend denn als Überlebensstrategie. Zwar lebt St. Gallen von der Wirtschaft, die Institute werden privatwirtschaftlich geführt, müssen Raummiete an die Uni zahlen und ihre Mitarbeiter honorieren – der Kontakt zur Wirtschaft könnte nicht umfassender sein doch genau deshalb erwarten die Unternehmer von der Hochschule keine mundgerechte, sondern offene Kooperation. Die Uni St. Gallen genießt in der Wirtschaft jenen Familienbonus, der Ehrlichkeit voraussetzt und Kritik zulässt.
„Wir verschreiben uns nicht dem Markt“, erklärt Prof. Peter Gomez, der neue Rektor der Uni St. Gallen. „Wir betrachten die Welt nur anders, ganzheitlicher.“ Nicht Disziplinen würden die Arbeit leiten, sondern Problemstellungen, die von vielen unterschiedlichen Seiten ausgeleuchtet würden. An Themen wie beispielsweise „Wandel in der Telekommunikations- und Computerbranche“ beteiligten sich viele Unternehmen, von der BBC London bis zu deutschen Großverlagen, die wissen wollen, in welche Richtung sich die Telelandschaft bewegt.
Für die Wirtschaft forschen, von ihr leben und doch unabhängig bleiben, ist auch für Rolf Dubs kein Widerspruch. „In den 30 Jahren, in denen ich an der Uni St. Gallen bin, hatten wir nur einen einzigen kritischen Fall.“ Sonst sei die Unabhängigkeit stets gewahrt worden, auch bei Gutachten.
Grundlage der St. Galler Konstruktion ist eine breite Konsenskultur, in der sich Wissenschaft und Wirtschaft gleichermaßen als Gestaltungskraft empfinden. Das leistungs- und marktorientierte Klima dieser „großen Koalition“ erinnert an amerikanische Elitehochschulen. Und dieses Kolorit soll nach dem heute wohl mächtigsten hochschulpolitischen Impulsgeber in Deutschland, dem Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), die Hochschulen künftig prägen.
Das CHE ist eine Gemeinschaftsgründung der Bertelsmann-Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz, und sein Leiter Detlef Müller-Böling mischt überall mit, wo es um die Zukunft der deutschen Hochschullandschaft geht. Er berief Rolf Dubs in den Wissenschaftlichen Beirat des Modellversuchs „Globalhaushalt“, einem Testlauf dreier niedersächsischer Hochschulen, die zehn Jahre in dem Pilotprojekt als finanziell souveräne Landesbetriebe agieren. Die Bertelsmann-Stiftung wiederum unterstützt an der Uni St. Gallen das Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement.
Wer deutsche Hochschulen nach dem Muster der Uni St. Gallen trimmen will, muss sie umpflügen. Denn letztlich geht es um das Selbstverständnis der Bildungsinstitutionen. „Das Humboldtsche Ideal “Lernen zu denken“ genügt nicht mehr“, erklärt denn auch Prof. Peter Gomez. „Die Leute müssen lernen, etwas ein- und umzusetzen.“ Verwertbarkeit des Wissens im Hier und Heute. Bei Kritikern dieses Modells gelten besonders die Hochschulräte als Trojanisches Pferd, mit dem die Wirtschaft endgültig in die Hochschulen eindringt und Bildung auf ihren Marktwert reduzieren wolle.
Diesem diffusen Unbehagen verlieh Wolf Lepenies, Rektor des Berliner Wissenschaftskollegs, ungewollt seine Stimme, als er auf einem Symposium vor hastiger Überanpassung an die marktorientierten „wissenschaftlichen Denkstile und Handlungsformen“ warnte. Durch die global durchgesetzte amerikanische Massenkultur erscheine die Welt einheitlicher als sie tatsächlich sei. Ein Fehlschluss mit fatalen Folgen. Denn gerade die Globalisierung, so Lepenies, verlange fürs Überleben klare Differenzierung. Diesem Ziel hat sich die Privat-Uni Witten-Herdecke verschrieben. Ihr neuer Rektor, Prof. Walther Ch. Zimmerli, will Kompetenzen auch für den künftigen Markt dadurch vermitteln, dass Witten-Herdecke – scheinbar paradox – Distanz zum Markt bewahrt.
„Wir revitalisieren die Humboldtsche Idee“, erklärt Zimmerli. Zum Beispiel durch die Vermittlung „kreativer Kompetenz“ im Studium Fundamentale: Alle Studierenden müssen ein Zusatzfach belegen, das nichts mit ihrem Studienschwerpunkt zu tun hat, etwa Komponieren oder Poetik. Auf diese Weise soll die Metaphernbildung angeregt werden, aus der Initialzündungen entstehen, die im eigenen Fach kreativ einsetzbar sind. Die so Ausgebildeten, meint Zimmerli, würden vom Markt nicht versklavt, sondern formten ihn selbst mit. Motto: Nur breit Qualifizierte besitzen Gestaltungsräume. Der St. Galler Rektor Gomez dagegen will die Fähigkeit, den Markt mitzugestalten, durch Effizienz und Dynamik erreichen. Motto: Stets ganz vorne mitmachen, um mit zu gestalten. Nach diesem Grundsatz stellt die Uni gerade auf Bachelor- und Master-Abschlüsse um.
Der Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen allerdings erinnert: Die Geschichte des Kapitalismus ist auch Bildungsgeschichte. Denn Bildung als Kultur, jedenfalls als marktfreie Zone, sei Quelle wirtschaftlicher Impulse und Teil des Siegeszugs des Kapitalismus. RUTH KUNTZ-BRUNNER
Humboldtsche Ideale geraten in den Universitäten immer mehr in den Hintergrund. Dafür gewinnt das Wissen um aktuelle Charts an Bedeutung.

Von Ruth Kuntz-Brunner

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