Hochschule 25.05.2007, 19:28 Uhr

Die Alma Mater und die Freiheiten des Unternehmertums  

VDI nachrichten, Bonn, 25. 5. 07, ws – Die Liberalisierungswelle wollen deutsche Hochschulen nutzen, um sich Geldquellen jenseits staatlicher Töpfe zu sichern. Firmenbeteiligungen bilden eine Möglichkeit auf dem Weg in Richtung Unabhängigkeit.

Forschern der TU München (TUM) gelang es kürzlich, Spinnenseidenfäden im Reagenzglas herzustellen und so den Weg in die industrielle Produktion zu ebnen. Die Universität gründet jetzt mit einer Chemiefirma ein Joint Venture.

„Auch wir denken daran, unsere Rechte aus den Diensterfindungen der Mitarbeiter in Unternehmensbeteiligungen umzusetzen“, sagt Hans Stender, Sprecher der Fachhochschul-Kanzler in NRW. Ihre Arbeitsgemeinschaft trainiert bei einer Versicherung finanzielles „Risikomanagement“. TUM-Präsident Herrmann hat für den Einstieg in das Spinnenseiden-Geschäft eine Unternehmensberatung eingeschaltet. Das Ziel aller: die Abhängigkeit von Vater Staat verringern.

Das Geld kommt aus eigenem oder Körperschaftsvermögen, etwa aus Spenden, Stiftungen oder Erbschaften. Solche Quellen zapfen Hochschulen unter dem Zauberwort Fundraising an, synchron mit dem Aufbau von Vereinen dankbarer Absolventen.

Für die eine oder andere Firmenbeteiligung will TUM-Präsident Herrmann „eine halbe Million in die Hand nehmen“.

Größeren Investitionsspielraum haben auch die vormaligen niedersächsischen Landeshochschulen gewonnen, die sich vor vier Jahren in Stiftungen umwandeln ließen. So gibt es etwa beim Präsidium der Universität Göttingen inzwischen eine Stabsstelle „Beteiligungsmanagement“.

An Rhein und Ruhr fließen seit Jahresbeginn sämtliche staatlichen Zuschüsse ins Körperschaftsvermögen und damit ohne weiteres auch in mögliche Beteiligungsvorhaben.

Das Sprungbrett in die freie Wirtschaft ist allemal der Technologietransfer, seit 2002 besonders lukrativ wegen der gesetzlichen Patentansprüche der Hochschulen. Unübertroffenes Musterbeispiel ist die Tudag-Gruppe an der TU Dresden mit acht Tochterunternehmen und weiteren Beteiligungen.

Tatsächlich haben bislang die wenigsten Hochschulen jenseits des Transfers eigene Firmen(-anteile), auch unter den Technischen Universitäten. Die Elite-Uni Karlsruhe ist an einem Unternehmen zur Prognose von Erdbeben- und sonstigen Naturkatastrophen beteiligt zu den Kunden zählen Versicherungen.

Die TU Darmstadt betreibt ein nanotechnologisches Unternehmen zusammen mit dem Henkel-Konzern. Was ist daran besser als eine lose Kooperation, ein beliebiger Forschungsauftrag? „Hier wurden verwandte Forschungsprojekte, die Henkel verstreut an verschiedenen Unis in Auftrag gegeben hatte, auf einer Arbeitsplattform zusammengeführt und verstetigt“, erläutert der Technische Direktor Tilo Poth.

„Die Synergie an einem Ort ist effektiver und die Forschung auf Vollzeitstellen wie in der Industrie schneller. Zudem hatte die Uni leer stehende Räume, die wir seit 2000 als Mieter nutzen.“

Ähnlich betreibt die Biotech-Firma Cytonet mit einer ganzen Reihe von Universitäten GmbHs zu Zellforschung und -therapie. „Unsere Aufgabe ist der möglichst schnelle Weg von der Klinik zum vermarktungsfähigen Produkt und zurück“, erklärt der Hauptgesellschafter und frühere SAP-Chef Dietmar Hopp. „Die Investitionen, die wir tätigen, erreichen Summen, die die Unis mit öffentlichen Fördermitteln nicht aufbringen können.“ Mit anderen Worten: Zugunsten der Wissenschaft mehr Kommerz auf dem Campus.

HERMANN HORSTKOTTE

Ein Beitrag von:

  • Hermann Horstkotte

    Hermann Horstkotte ist freier Journalist und  lehrte als Privatdozent an der RWTH Aachen. In Bonn arbeitet er als Bildungs- und Wissenschaftsjournalist.

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