Hochschule

Die Allianz der klugen Köpfe  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 10. 3. 06, ws – Über wissenschaftliche Grenzen hinaus diskutieren kluge Köpfe aller Schattierungen in den sieben deutschen Akademien der Wissenschaften. In Hamburg öffnete vor wenigen Wochen ein weiterer dieser Gelehrtentreffpunkte. Die Gründer legen größten Wert darauf, kein reiner Debattierclub, sondern eine „Arbeitsakademie“ zu sein.

Mit einem Festakt, 300 geladenen Gästen und dem Chemie-Nobelpreisträger Prof. Jean-Marie Lehn als Festredner feierte Hamburg am 10. Februar die Gründung seiner Akademie der Wissenschaften. Nicht eine Gelehrtengesellschaft will die neue Akademie sein, sondern eine Arbeitsakademie. Forscher verschiedener Disziplinen werden hier gemeinsam aktuelle wissenschaftliche Fragen lösen. Themen in Hamburg sind unter anderem Nanotechnologie und Modellbildung. Frische Ideen sollen junge Wissenschaftler aus aller Welt im Rahmen eines „Young Fellow“-Programms in die Arbeitsgruppen einbringen.

Eine Akademie der Wissenschaften ist zunächst keine Adresse mit Hausnummer, sondern eine Allianz kluger Köpfe. Diese setzen sich über Fächergrenzen hinweg mit offenen wissenschaftlichen Fragen auseinander.

Sieben deutsche Wissenschaftsakademien in Berlin, Düsseldorf, Göttingen, Heidelberg, Leipzig, Mainz und München sind in der Union deutscher Akademien der Wissenschaften organisiert. Die Akademieunion koordiniert ein gemeinsames Forschungsprogramm mit mehr als 150 Vorhaben und einem Finanzvolumen von rund 43 Mio. €. Davon unabhängig besteht seit 1652 mit der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina die älteste und größte deutsche Akademie.

Die Arbeitsfelder der deutschen Akademien sind bunt gemischt. So widmet sich eine Forschergruppe in Mainz dem Wörterbuch der deutschen Winzersprache. Die akademieübergreifende Ingenieurvereinigung „acatech“ will hingegen „durch den Dialog mit den Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften die Bedeutung zukunftsweisender Technologien hervorheben.“ Gearbeitet wird hier unter anderem an Fragen zur Ingenieurausbildung, zur Kommunikationstechnik und zum Wissensmanagement oder auch zu den Technikwissenschaften.

Hamburgs Akademie der Wissenschaften startet mit zunächst 30 ordentlichen Mitgliedern – Forschern aus Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern. Die Zahl der Mitglieder soll im Verlauf der kommenden Jahre auf bis zu 80 anwachsen. Mit vier konkreten Projekten beginnt bereits in diesem Monat die inhaltliche Arbeit.

Das Thema „Globale Umweltveränderungen und Migrationsprozesse“ wird laut Vizepräsident Prof. Cord Jakobeit, Politikwissenschaftler an der Uni Hamburg, sowohl naturwissenschaftliches als auch sozial- und geisteswissenschaftliches Potenzial bündeln. Insbesondere die Konfliktforschung sei bei diesem Thema gefordert, da der Druck von Süden und Osten auf die „Insel der Reichen“ stetig wachse.

Weiter will sich die Akademie dem Thema „Kulturlandschaft des Nordens“ widmen, berichtet Vorstandsmitglied Prof. Karin Lochte, Meereswissenschaftlerin aus Kiel. Hierbei sollen Kunst-, Sozial- und Meeresforschung zusammenarbeiten, um das Meer einerseits als prägendes Element des Nordens darzustellen, andererseits als Ressource, Chance und Gefahr.

Interdisziplinär wollen die Wissenschaftler auch das Feld „Nanotechnologie“ angehen. „Hier ist Hamburg besonders gut aufgestellt“, unterstreicht Prof. Edwin Kreuzer, Präsident der Technischen Universität Hamburg-Harburg und Mitglied des Akademievorstands. Bei diesem Vorhaben werden neben den technischen Möglichkeiten auch die gesellschaftlichen Auswirkungen der Technologie untersucht.

Als weitere Forschungsaufgabe sieht die Akademie die „Wissenschaftliche Modellbildung“. Zu deren Stellenwert sagt Prof. Kreuzer: „Für die Ingenieurwissenschaften ist die Modellbildung äußerst wichtig. Aber auch Psychologen oder Philosophen nutzen dieses Recheninstrument, um Prognosen zu erarbeiten oder ganz allgemein Fragen in ihrem Fach zu lösen.“ Spannend, so Kreuzer, sei, wie sich die unterschiedlichen Disziplinen gegenseitig inspirieren. „Ich habe persönlich noch nie mit einem Psychologen über Modellbildung gesprochen – vielleicht ergibt sich im Rahmen der Akademiearbeit ein völlig neuer Aspekt, der beide Disziplinen voranbringt.“

Inspiration von außen erhoffen sich die Akademiemitglieder zudem durch das Anwerben junger Wissenschaftler. Ein „Young Fellow“-Programm soll es Nachwuchsforschern ermöglichen, ihre Ideen und Erfahrungen in die Arbeitsthemen einzubringen. Obwohl diese Stipendien nur auf neun Monate ausgelegt sind, ist sich Kreuzer sicher, dass hierdurch langfristige internationale Kooperationen entstehen.

Die finanzielle Grundausstattung der Akademie hat neben der Stadt Hamburg das Ehepaar Hannelore und Hartmut Greve übernommen, die bis 2008 bis zu 500 000 € jährlich beisteuern. Anschließend übernimmt die Stadt Hamburg die Grundfinanzierung. Für die Projektarbeit sollen Drittmittel eingeworben werden.

BRIGITTE STAHL-BUSSE

Von Brigitte Stahl-Busse

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