Hochschule

Die 100 Tage Frauenpower

Mit einer Debatte zum Thema „Universität neu denken“ startete die erste deutsche Frauenuniversität ihr Hundert-Tage-Dasein in Hannover.

Proteste, Pfiffe, Demos, fade Feiern, langatmige Verleihungen akademischer Würden – alles hat der Lichthof der Universität Hannover schon erlebt. Aber noch nie war er so bunt, noch nie war er so voller Leben wie vergangene Woche, als die Internationale Frauenuniversität (ifu) offiziell eröffnet wurde. 900 graduierte Studentinnen aus 115 Ländern – von Russland bis Simbabwe – und 230 Dozentinnen füllten die Halle mit guter Laune und Gesprächen, mit sanft fließenden Seidensaris und berückend bunten Tüchern. Die Frauen forschen fachübergreifend zu den Projekten Arbeit, Information, Körper, Migration, Stadt und Wasser.
„Die ifu markiert den nächsten Schritt in der Evolution der Frauenuniversitäten“, schwärmte Jadwiga Sebrechts, Präsidentin des Dachverbands amerikanischer Frauencolleges. „Die Messlatte liegt allerdings hoch.“ Gemessen an den Anfängen der Women“s Colleges vor 200 Jahren, als amerikanische Studentinnen noch zu besseren Müttern erzogen werden sollten, hat die Hochschulbildung für Frauen bereits einige Evolutionssprünge hinter sich. Heute produzieren die 75 Frauen-Hochschulen der USA auch so bekannte Absolventinnen wie Hillary Clinton, Madeleine Albright oder Merryl Streep.
Doch die ifu will mehr. Sie will weltweite Netzwerke für Frauen schaffen und weiblichem Wissen ein Forum bieten. „Die ifu soll Modell sein für eine neue Wissenschaftskultur“, wünschte sich Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Die Frauenuni soll ein Programm für Chancengleichheit in Forschung und Lehre sein, ein Vorbild für mehrdimensionales Denken und Arbeiten, das Zeichen für die Zukunft setzt. „Frauen stellen andere Fragen an die Wissenschaft, davor kann zu Beginn des 21. Jahrhunderts niemand mehr die Augen verschließen“, erinnerte ifu-Präsidentin Ayla Neusel. „Aus dieser Tatsache gehen unverzichtbare Wissensstände hervor.“
Schon ahnte man in Hannover den Untergang des Clubs selbstgefälliger Hochschulprofessoren und den Aufstieg kluger Frauen in wissenschaftliche Spitzenpositionen. Da erinnerte Nafis Sadik vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen und stellvertretende UNO-Generalsekretärin nicht nur daran, dass zwei Drittel der Analphabeten immer noch Frauen sind. In Afrika würde jede zehnte Schwangerschaft auf das Konto von Lehrern gehen, die ihre Schülerinnen missbrauchten. Die meisten Aids-kranken Frauen seien außerdem durch ältere Männer angesteckt worden. „Zum Frausein gehören die Männer, und die müssen auch zivilisiert werden“, sagte sie.
Den Ruf nach eigenen Universitäten erklärte Hiroko Hara, Instituts-Direktorin an der japanischen Ochanomizu-Frauenuniversität, so: „Wir wollen endlich die Chance haben, uns zu artikulieren und von den Männern gehört zu werden.“ Und dazu bräuchten Frauen paradoxerweise eigene Universitäten. Auch Chang Sang, Präsidentin der größten südkoreanischen Frauenuniversität, baut auf getrennte Bildung. „Unsere Absolventinnen sind stark und bieten den Männern Paroli“, freut sie sich.
Eine Studentin aus Indien erhofft sich aus dem Datenreich die Befreiung des weiblichen Wissens. „In diesem Reich ist noch alles fließend, nichts ist vorstrukturiert, die Virtualität besiegt das Körperliche, jede kann alles sein.“ Weniger poetisch, aber umso entschlossener versprachen denn auch die ifu-Initiatorinnen, dass sie sich dafür einsetzen, Frauen einen Internet-Zugang zu verschaffen. Schließlich wird auch die “vifu“, die virtuelle ifu, bald ihre Arbeit nur aufnehmen können, wenn die Frauen bereit sind, im Netz weiter zu kommunizieren und zu forschen. RUTH KUNTZ-BRUNNER

Von Ruth Kuntz-Brunner

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